POLITIK
13/12/2016 11:20 CET | Aktualisiert 13/12/2016 18:30 CET

Das Drama von Aleppo zeigt uns, wie wertlos unser hochmoralisches Geschwätz geworden ist

Es gibt keine Ausreden: Wir wissen ALLE, dass es JETZT geschieht.

In Ost-Aleppo ist das von den Aufständischen gehaltene Gebiet auf wenige Quadratkilometer zusammengeschrumpft. Bis zu 100.000 Menschen harren dort auf engstem Raum noch aus, die meisten sind Zivilisten. Sie werden ununterbrochen von russischen und syrischen Soldaten mit Grad-Raketen und Granaten beschossen. Es gibt keinen Ort mehr, an dem sie den Angriffen ausweichen können. Jede Explosion trifft Menschen, jeder Splitter kann verletzen und töten.

Was gerade passiert, ist wohl eines der schlimmsten Kriegsverbrechen, die diese Welt seit 1945 gesehen hat. Und es hat gerade erst begonnen. Syrische Regierungstruppen und schiitische Söldner erobern in diesen Stunden Straße um Straße. Augenzeugen berichten von gezielten Exekutionen.

Und wer das für Propaganda hält: Syriens Diktator Bashar al-Assad hatte genau das all jenen angedroht, die in Aleppo bleiben wollten. Ausdrücklich auch den Zivilisten. Sein Vater hatte 1982 in Hama ein ähnliches Massaker angerichtet. Auch er ließ eine Stadt voller Zivilisten so lange mit Granaten beschießen, bis nur noch Geröll und zerschmetterte Körper übrig waren. Bis zu 30.000 Menschen starben damals.

Das Massaker von Aleppo ist eine Schande für uns alle

Dass Aleppo im Jahr 2016 passieren kann, ist eine Schande für uns alle. Egal aus welchen Motiven: Wir hätten nicht wegsehen dürfen. Die syrischen Demonstranten hätten bereits 2011 unsere Solidarität verdient gehabt. Aber wir haben sie allein gelassen.

Es hätte tausend gute Gründe gegeben, sich in Syrien militärisch zu engagieren. Und zwar, bevor Putin im Jahr 2015 begonnen hatte, mit seinen Soldaten einen Massenmörder zu unterstützen.

Barack Obama hatte bis 2014 stets behauptet, dass es eine „rote Linie“ gebe: Und das sei der Einsatz von Massenvernichtungswaffen. Sollte Assad tatsächlich Giftgas einsetzen, wäre das für die USA ein Grund zur Intervention.

Als dann internationale Organisationen – allen voran die UN – einen Giftgasangriff mittels Boden-Boden-Raketen im Jahr 2013 nachweisen konnten, bei dem womöglich über 1.000 Menschen starben, versteifte sich Assad auf die steile These, dass der Angriff keinesfalls von seinen Truppen durchgeführt wurde, sondern von den Aufständischen. Das britische Unterhaus lehnte einen Militärschlag ab. Obama knickte ein. Der Rest ist jüngere russische Geschichte.

Für die ewigen Moralisten ist es doppelt schändlich

Für jenen Teil der deutschen Bevölkerung, der stets moralisch denkt, ist dieses Schweigen jedoch doppelt schändlich. Die Rede ist von den Leuten, die stets damit argumentieren, dass Menschenrechte „universell“ seien, und dass sie für alle Männer und Frauen gleichsam gälten. Wo sind diese Leute eigentlich gerade jetzt, wo es mal nicht um Gleichstellungsdebatten, netzfeministische Kontroversen oder das Brandmarken von „Xenophobie“ geht?

Natürlich sind auch solche Diskussionen wichtig. Aber wahr ist genauso, dass sie im Grunde schon entschieden sind. Eine große Mehrheit der Deutschen will die Homoehe, und als „strukturell fremdenfeindlich“ gilt nur eine verhältnismäßig kleine Minderheit. Das ist gut so.

Beinahe jedes durchdachte Posting, das man in solchen Debatten auf Facebook veröffentlicht, verspricht daher eine Menge Likes. Wer aus universell-moralischen Motiven den Kampf gegen die Minderheit der Reaktionäre führt, hat schnell Aussicht auf eine Menge Zustimmung.

Zu Syrien lässt es sich nicht so einfach meinen

Syrien dagegen ist ein schwierigeres Thema. Und gerade deshalb ist es ein guter Prüfstein für die moralische Standhaftigkeit jener, die immer allzu schnell die Menschenrechte als Ausgangspunkt für das eigene Engagement nutzen. Denn manchmal ist es eben so, dass ein moralisch argumentierter Standpunkt nicht für sonderlich viel Kopfnicken sorgt.

Kriegsverbrechen bleiben Kriegsverbrechen. Es spielt keine Rolle, wer sie begeht. Doch offenbar fällt es vielen Menschen In Deutschland schwer, sich darüber zu empören, wenn Frauen, Greise und Kinder durch russische Raketen ums Leben kommen statt durch amerikanische. Da ist offenbar etwas in dieser Diskussion drin, das ein Weltbild aufzulösen droht.

Wer das für Polemik hält, der achte in diesen Tagen mal genau darauf, was etwa die Linkspartei im Bundestag an Pressemitteilungen veröffentlicht. Bisher hat sich die selbsternannte „Friedenspartei“ nicht dazu durchringen können, die russischen Kriegsverbrechen in Syrien klar als solche zu verurteilen. Sie schweigt eisig dazu.

Die Linken hetzen derweil lieber gegen die Nato

Und während in Aleppo die Menschen durch russische Bomben sterben, hetzt der notorische Putin-Fanboy Wolfgang Gehrcke (außenpolitscher Sprecher der Linken im Bundestag) gegen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD), der sich zum „Kriegslobbyisten“ mache – unter anderem, weil die EU-Staaten im Baltikum stärker gegen die bereits jetzt bestehende Bedrohung durch Russland geschützt werden sollen.

Das Problem besteht aber nicht nur bei der Linkspartei. Ganz gut kann man das an der Demo-Beteiligung auf den Straßen Berlins sehen. Im Februar 2003 ist eine halbe Million Menschen gegen den damals noch in Vorbereitung befindlichen Krieg der Amerikaner im Irak auf die Straße gegangen. Gegen TTIP zog 2015 eine Viertelmillion durch Berlin. Mit den USA als Feindbild lässt es sich gut mobilisieren.

Auch gegen Putins Krieg in Syrien gab es vergangene Woche eine Demonstration. Sie fand vor der russischen Botschaft in Berlin-Mitte statt. Es gab einen Aufruf von prominenten Künstlern im „Tagesspiegel“, auch eine Facebook-Einladung. Gekommen sind letztlich 300 Menschen.

Wer da noch vom Glauben an die Moral und an die universellen Menschenrechten redet, der hat den Schuss nicht gehört. Und diesmal ist es leider wörtlich gemeint.

Update: 13.12.2016, 17:41 Uhr: Rebellen in Ost-Aleppo haben sich nach eigenen Angaben mit dem syrischen Regime auf einen Abzug aus der Stadt geeinigt. Zivilisten und einige Kämpfer dürften die Rebellengebiete verlassen, sagte ein Sprecher einer Rebellengruppe der Nachrichtenagentur dpa.

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(mf)