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13/12/2016 12:16 CET | Aktualisiert 16/12/2016 11:55 CET

Kinder stehen mehr denn je unter Stress - das sind die dramatischen Folgen

  • Kinder stehen zunehmend unter Stress, wie wissenschaftliche Untersuchungen zeigen

  • Kinderärzte und Therapeuten warnen vor den Folgen der Dauerbelastung für die Kinder

  • Im Video erklärt Erziehungsexperte Sascha Schmidt von familylab, was Eltern tun können, um ihre Kinder zu entlasten

Sie haben Kopfschmerzen oder Bauchweh, leiden unter Schlafstörungen und Appetitlosigkeit. Sie sind schnell erschöpft, häufig niedergeschlagen und fühlen sich ausgebrannt.

Es geht hier nicht etwa um Manager von Hightechfirmen, die unter diesen typischen Anzeichen von Burnout und Depression leiden. Es geht um unsere Kinder, die heute mehr denn je unter Stress stehen.

Eine repräsentative Studie der Universität Bielefeld zeigte im vergangenen Jahr, das jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter deutlichem Stress leiden. Befragt wurden rund 1100 Kinder und Jugendliche sowie 1039 Eltern.

Zwei Drittel der Kinder mit hohem Stress litten der Studie zufolge unter körperlichen Symptomen wie Schmerzen oder Schlafstörungen. "Das sind klassische Burnout-Symptome, die für Eltern wichtige Warnsignale sind", sagte Studienleiter Holger Ziegler.

Eltern merken nicht, dass ihre Kinder unter Stress stehen

Doch die nächste erschreckende Erkenntnis der Wissenschaftler: Die Eltern sind sich nicht darüber im Klaren, dass ihre Kinder gestresst sind. Neun von zehn Eltern glauben nicht, dass sie ihr Kind überfordern, 40 Prozent sind sogar in Sorge, dass sie den Nachwuchs nicht genug fördern.

"Der wohl bedeutsamste Faktor für kindlichen Stress dürfte eine instrumentelle, auf Leistung und mehr noch auf Erfolg orientierte Erziehungspraxis sein", sagte Ziegler. Dabei spielt vor allem die Leistung in der Schule eine große Rolle.

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder gerne auf dem Gymnasium sehen. Erbringen die Kinder die erwarteten Leistungen nicht, werden sie mit Förderunterricht zusätzlich belastet. Ein Teufelskreis - denn was Eltern heute leider oft vergessen: Kinder brauchen Freizeit. Freie Zeit, die sie zum Spielen nutzen können.

Kinder müssen spielen

Im kindlichen Spiel liegen die größten Entfaltungsmöglichkeiten und die wichtigsten Grundlagen für eine gesunde Gehirnentwicklung.

“Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können", sagte Hirnforscher Gerald Hüther.

Der Mangel an Spiel bedrohe die Grundfeste der kindlichen Entwicklung, mahnen Experten. Hüther hat über diese sehr reale Gefahr ein ganzes Buch geschrieben. In “Rettet das Spiel!” plädiert er gemeinsam mit Philosoph Christoph Quarch dafür, das Spiel wieder ganz bewusst in den Alltag einzubinden.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Leistungen erbringen, Erwartungen erfüllen - Kinder müssen funktionieren

Denn dort hat freie Zeit kaum noch Platz. Der Alltag ist erfüllt von Schule und Hausaufgaben, häufig aber auch von zusätzlichem Sprachunterricht, Musikstunden und Sport.

Eine zunehmende Zahl von Eltern versucht so, den Nachwuchs auf die erfolgsorientierte Ellenbogengesellschaft vorzubereiten, in der er sich eines Tages beweisen werden muss. Doch das passiert auf Kosten der Kinder; auf Kosten ihrer Gesundheit und Psyche.

Sie müssen pünktlich sein. Leistungen erbringen. Erwartungen erfüllen. Funktionieren. Kein Wunder, dass sie da unter Stress stehen. Kein Wunder, dass sie unglücklich sind:

Mehr als 83 Prozent der Kinder mit hohem Stress haben nach eigenen Angaben keine Zeit für Dinge, die ihnen wirklich Spaß machen. Sie klagen zudem über wenig Mitbestimmungsrecht, was den eigenen Alltag betrifft.

Das bleibt nicht ohne Folgen, wie die Studie der Uni Bielefeld zeigte: Zwei Drittel der betroffenen Kinder sind vergleichsweise oft wütend, aggressiv oder gelangweilt. Sie haben ein schwächeres Selbstbewusstsein und Schwierigkeiten, Probleme selbstständig zu lösen.

Zudem verspürt jedes zweite Kind mit erhöhtem Stresslevel große Angst, seine Eltern in ihren Erwartungshaltungen zu enttäuschen.

Mehr zum Thema: Das wird später aus Kindern, die ihren Eltern ständig widersprechen

Die Kindheit sollte nicht von Verpflichtungen erfüllt sein

In den vergangenen 20 Jahren haben Kinder Experten zufolge mehr als zwölf Stunden Freizeit pro Woche verloren. "Ein Drittel der Kinder im Kindergarten kann heute keinen Purzelbaum mehr schlagen", warnt Kinderarzt Herbert Renz-Polster in seinem Buch "Menschenkinder". Der Grund: "Es fehlt ihnen an Gelegenheiten, dies zu lernen."

Diese Zahlen und Fakten müssen uns erschüttern. Sie müssen uns innehalten lassen. Kindheit sollte Spaß machen. Sie sollte unbeschwert sein. Sie sollte von Abenteuern und Albernheiten erfüllt sein und nicht von vollen Terminkalendern.

Experten fordern mehr Gelassenheit von den Eltern

Damit Kinder nicht zu sehr unter Stress geraten und unter den Folgen dieser Belastung zu leiden haben, müssen Eltern ihre Erwartungen stark hinterfragen.

Sie müssen ehrlich zu sich selbst sein und genau überlegen, ob ihre hohe Erwartungshaltung wirklich nur deshalb besteht, weil sie "das Beste" für ihre Kinder wollen. Oder ob es nicht in Wahrheit die eigenen Ziele sind, die die Kinder für sie erreichen sollen.

"Kinder sind keine Leistungsroboter, sondern Menschen, die mit ihren Stärken und ihren Schwächen wahrgenommen und geliebt werden wollen", mahnt Renz-Polster. Eltern sollten sich klar machen, dass jedes Kind ein eigener Mensch ist: "Es muss nicht die Ziele verwirklichen, die Eltern haben", meint der Kinderarzt.

Mehr zum Thema: Wie Eltern ihren Kindern den wichtigsten Aspekt ihrer Kindheit stehlen

Unsere Aufgabe als Eltern

Eltern stehen heute vor der großen Herausforderung, ihren Kindern in einer Zeit, die von Zeitdruck und Reizüberflutung geprägt ist, Freiräume zu schaffen. Freiräume, in denen sie sich in ihrer eigenen Geschwindigkeit und entsprechend ihrer Interessen und Talente entfalten können.

"Kinder können das nicht alleine. Sie brauchen die Hilfe der Eltern, um ihren Alltag zu entschlacken", sagt Sascha Schmidt, Seminarleiter der unabhängigen Familien-Organisation familylab und Autor des Buches "Wieder Paar sein! Erfüllte Zweisamkeit trotz Kind und Arbeit. Erste Hilfe für berufstätige Eltern".

Wie das gelingen kann, erklärt er im Video oben.

Indem wir ihre Kindheit schützen, machen wir unseren Kindern das größte Geschenk. HuffPost-Bloggerin Tracy Gillett hat es in einem viel beachteten Beitrag sehr schön auf den Punkt gebracht:

"Unsere Kinder können noch ihr ganzes Leben lang erwachsen sein und sich mit der Kompliziertheit des Lebens auseinandersetzen, doch sie haben nur einen sehr kurzen, flüchtigen Zeitraum, in dem sie Kinder sein dürfen. Ausgelassene, lebenslustige Kinder."

(lk)