POLITIK
13/12/2016 23:18 CET | Aktualisiert 14/12/2016 06:47 CET

Aleppo: Regierungstruppen sollen die Stadt trotz Waffenruhe unter Beschuss nehmen

  • Nach dem Sieg der syrischen Regierungstruppen sollten am Mittwoch Zivilisten und Rebellen aus den umkämpften Stadtteilen im Osten Aleppos abziehen

  • Die ausgehandelte Waffenruhe scheint jedoch gescheitert zu sein - Beobachter berichten von einer Explosion durch Artilleriebeschuss des syrischen Regimes

  • Eine Zusammenfassung seht ihr oben im Video

Die größte Schlacht des Syrien-Krieges schien vorbei. An diesem Morgen sollte der Abzug der Rebellen aus den umkämpften Stadtteilen im Osten Aleppos erfolgen. Doch es gab bereits Befürchtungen, dass es dabei zu Racheakten kommen würde.

Am Mittwoch Vormittag sollen die Kämpfe nun wieder aufgeflammt sein. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von einer Explosion durch Artilleriebeschuss des syrischen Regimes auf Ost-Aleppo. Dies sei ein klarer Bruch der Feuerpause, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman, der dpa. Aktivisten berichteten ebenfalls von Angriffen regierungstreuer Truppen.

Auch die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu meldete unter Berufung auf ihren Korrespondenten, syrische Regierungstruppen und mit ihr verbündete schiitische Milizen hätten die Waffenruhe durchbrochen. Sie hätten begonnen, den belagerten Teil mit schweren Waffen zu beschießen.

Leere Busse verlassen Aleppo

Nach Angaben des britische "Guardian" sollen russische und türkische Vermittler einen Waffenstillstand ausgehandelt haben. Der soll es Zivilisten und Kämpfern der Rebellen erlauben, durch Korridore die östlichen Stadtteile zu verlassen.

Eigentlich sollte der Abzug der Rebellen bereits um fünf Uhr beginnen - doch der geplante Abzug scheiterte. Die syrische Regierung hat alle Busse zurückbeordert, die Abzug der Rebellen aus dem umkämpften Ostteil Aleppos bereitstanden. Hintergrund sind Unstimmigkeiten zwischen den Anführern der Rebellen, hieß es aus syrischen Regierungskreisen.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwochmorgen dagegen von Unstimmigkeiten zwischen dem syrischen Regime und seinem Verbündeten Russland. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden mit dem Abkommen, weil es ihm von Russland aufgezwungen worden sei. Moskau habe die Einigung zudem ohne Abstimmung mit ihr verkündet.

Das Abkommen war von Vertretern der Türkei und Russland ausgehandelt worden. Huseyin Muftuoglu, Sprecher des türkischen Außenministeriums, sagte dem Sender Al Jazeera, dass zuerst Zivilisten und danach Kämpfer der Rebellen mit ihren leichten Waffen in Bussen aus Ost-Aleppo evakuiert würden.

"Nach dem Plan werden sie nach Idlib ziehen", sagte er. "Es gibt keinen Plan, sie in die Türkei hineinzulassen."

Unklar ist, um wie viele Flüchtlinge es sich handelt

Unklar war zunächst, ob auch die Al-Kaida-nahe Fatah-al-Scham-Front (früher: Al-Nusra) abzieht. Ein türkischer Offizieller, der in die Verhandlungen eingebunden war, erklärte, die Einigung umfasse Zivilisten und "moderate Rebellen".

Nicht klar ist ebenfalls, um wie viele Flüchtlinge es sich handelt. Nach Angaben von Reuters befanden sich 250.000 Zivilisten in den östlichen Stadtteilen, bevor die Kämpfe im November begannen. Russland sprach von 100.000 Menschen, die in Ost-Aleppo verblieben seien.

Türkei will Zeltlager für 80.000 Menschen errichten

Die russische Nachrichtenseite "Sputniknews" berichtete am Morgen, dass die Türkei ein Zeltlager für 80.000 Flüchtlinge aus Aleppo einrichten wird. Das sagte der stellvertretende türkische Premierminister Mehmet Simsek auf Twitter. Unklar ist, wo dieses Lager entstehen soll.

Nach dem Sieg der Regierungstruppen kommen nun Befürchtungen auf, dass es zu Racheakten an Zivilisten und den Kämpfern der Rebellen kommen könnte. Nach UN-Informationen sind mindestens 82 Menschen von regimetreuen Truppen ermordet worden. Zivilisten berichteten, dass Soldaten Menschen auf ihrer Flucht aus Aleppo und in ihren Häusern in Ost-Aleppo getötet haben sollen.

Das syrische Regime will "Terroristen" ausmerzen

Das syrische Regime weist diese Berichte zurück. Die Regierung überprüfe die Identität der Menschen, die Aleppo verließen, um Terroristen und ausländische Kämpfer auszumerzen, sagte der UN-Botschafter Syriens Baschar Dschaafari. Einige von ihnen hätten sich als Frauen verkleidet.

In der Vergangenheit hat die syrische Regierung alle gegnerischen Kämpfer in Aleppo als Terroristen bezeichnet und dabei beispielsweise nicht zwischen gemäßigten politischen Rebellen und Extremisten unterschieden. Die Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich beschuldigen die Kräfte des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad, an den Zivilisten in den bisher von Rebellen gehaltenen Ost-Teilen Aleppos Gräueltaten verübt zu haben.

Mit Material der AP und der dpa

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