POLITIK
11/12/2016 22:42 CET | Aktualisiert 12/12/2016 06:20 CET

Recep Tayyip Erdogan: Deutsche Presse gibt dem türkischen Präsidenten eine Mitschuld am Anschlag

Die Türkei kommt nicht zur Ruhe. Bei einem Doppelanschlag in Istanbul starben am Samstagabend 38 Menschen, 155 wurden verletzt. Zwei Selbstmordattentäter griffen bei einem Fußballspiel der Erstligavereine Besiktas Istanbul und Bursaspor gezielt Sonderkräfte der Polizei an.

Die aus der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK hervorgegangenen Freiheitsfalken Kurdistans - abgekürzt TAK - bekannten sich gestern Abend.

In der TAK-Erklärung wurden die Anschläge als Vergeltung für das gewaltsame Vorgehen türkischer Sicherheitskräfte im Südosten der Türkei und der Inhaftierung von PKK-Führer Abdullah Öcalan bezeichnet.

Die Deutsche Presse gibt dem türkischen Präsidenten Erdogan eine Mitverantwortung an dem Anschlag.

Kölner Stadt-Anzeiger: "Erdogan gießt Öl ins Feuer"

"Erdogan weiß die Mehrheit hinter sich. Dass er seine Nation eint, ist nicht zu erkennen, im Gegenteil. Mit der Inhaftierung gemäßigter kurdischer Politiker gießt er Öl ins Feuer. Die Eskalation verschafft radikalen Kräften noch mehr Zulauf. Das zeigen die Anschläge von Istanbul. Die Regierung ruft nach dem Massaker zur Geschlossenheit auf. Aber in Wirklichkeit ist die Türkei tief gespalten."

"Die Welt": "Erdogan ist mehr der Getriebene als der Antreiber"

"Die Pose des starken Mannes, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan lautstark und unduldsam inszeniert, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in den neuen und doch großenteils alten Konfliktlagen mehr der Getriebene als der Antreiber ist. Es war nicht der erste solche Anschlag in der Türkei und gegen die Türkei, und es wird nach aller traurigen Erfahrung auch nicht der letzte gewesen sein."

"Frankfurter Rundschau": "Erdogans Politik befördert den Terrorismus"

"Einmal mehr zeigt sich nach dem jüngsten Terroranschlag am Wochenende in Istanbul, dass die Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Terrorismus nicht eindämmt, sondern befördert. Je energischer er die PKK im Südosten des Landes - und teils jenseits der Landesgrenzen - bekämpfen lässt und je mehr sich die türkische Armee in den Bürgerkrieg in Syrien einmischt, desto entschiedener wird der gewalttätige Widerstand gegen sein Regime. Wenn Erdogan nicht bald wieder mit der PKK verhandelt und ein kurdisches Autonomiegebiet in Syrien akzeptiert, könnte sich der Bürgerkrieg in seinem eigenen Land verschärfen."

"Neue Osnabrücker Zeitung": "Erdogans Kurs ist Teil des Problems"

"Viele Indizien weisen darauf hin, dass Erdogans Kurs der Härte nicht Teil der Lösung, sondern Teil der Probleme ist. Den Friedensprozess mit den Kurden aufzukündigen und deren politische Vertreter massiv zu verfolgen, war in jedem Fall ein schwerer Fehler. Denn militärisch ist der Konflikt nicht zu lösen, wie der immer härter werdende Bürgerkrieg im Osten der Türkei zeigt. Auf beiden Seiten wird rücksichtslose gemordet und gebombt. Ganze Städte im Kurdengebiet liegen in Schutt und Asche. Mehrere hunderttausend Menschen sind zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden. Längst ist klar: Die Eskalation des Konflikts führt in den Abgrund. Doch Erdogan ordnet alles seinem extremen Machtanspruch unter."

"Südwest Presse": "Erdogan ist Geburtshelfer des Terrors"

"Erdogan weicht keinen Millimeter von seinem Vorhaben ab, aus der Türkei ein Land zu machen, das von seinen Gnaden regiert wird. Damit ist er Geburtshelfer des feigen und abscheulichen Terrors, der Istanbul erneut heimgesucht hat. Nichts kann die beiden Bomben, die 38 Todesopfer forderten, rechtfertigen. Doch die Ankündigung Erdogans, die Gegner würden einen 'noch höheren Preis' zahlen, wird die Spirale der Gewalt weiter treiben, es werden weiter Menschen sterben, auch auf türkischer Seite. Diese Opfer zahlen den Preis für eine Politik, die auf beiden Seiten von Versöhnung nichts wissen will."

Es gibt aber auch Stimmen, die sich für Solidarität mit Erdogan aussprechen.

"Hannoversche Allgemeine Zeitung": "Glorifizierung der PKK muss endlich aufhören"

"Auch wenn man mit dem zunehmend autoritären Gebaren nicht einverstanden ist, verdient die Türkei im Kampf gegen den Terror die ungeteilte Solidarität Europas. Dazu gehört, dass die Glorifizierung der PKK als 'Freiheitsbewegung' endlich aufhört und sie als das behandelt wird, was sie auch nach Auslegung der Europäischen Union ist: eine verbotene Terrororganisation."

"Stuttgarter Nachrichten": "Ja, die Türkei verdient Solidarität"

"Ja, die Türkei verdient Solidarität""Mit Blick nach vorn muss sich Erdogan allerdings fragen lassen, wie hilfreich es ist, dass er den Umgang mit der kurdischen Minderheit seit vergangenem Jahr konsequent militarisiert und Abgeordnete der Kurdenpartei HDP schikaniert werden. Diese Politik entschuldigt keinen Terrorismus. Aber sie macht es schwer, die Terroristen von ihrem Umfeld zu trennen. Deshalb ist sie falsch."

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(ks)