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12/12/2016 16:24 CET | Aktualisiert 28/11/2017 04:10 CET

79-jährige Münchnerin lebt von 790 Euro Rente - und hat eine wichtige Botschaft an ihre Mitmenschen

Auguste Moersch ist arm. Sagt die Statistik.

"Ich bezeichne mich nicht als arm." Sagt sie. "Ich bin zufrieden."

790 Euro für das Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands

Die 79-Jährige Rentnerin lebt in einer der teuersten Städte Deutschlands, in München, wo die Preise in den Läden hoch und die Mieten verrückt hoch sind.

790 Euro hat sie im Monat zur Verfügung, die Miete für die Sozialwohnung geht davon noch weg. Vor den diversen Rentenreformen hatte sie noch weniger im Portemonnaie, 600 Euro, sagt sie.

"Joschka" und ihr "Saftladen"

Wenn sie überhaupt jemandem die Schuld gibt daran, dann sich selbst.

Sie hat viele Jobs gehabt, sie hat gekellnert. Hat nach ihrer Scheidung einen eigenen Weinladen eröffnet. Aus dieser Zeit stammt auch ihr Spitzname "Joschka". Weil sie damals oft weiße Turnschuhe trug, wie der Grünen-Politiker Fischer.

"Eine Kundin kam und sagte, das ist ein Saftladen." Moersch hat es mit Humor genommen. Und nannte ihr Geschäft "Joschkas Saftladen".

Flügel aus Zufriedenheit und Alkohol

"Acht Jahre habe ich gut gelebt", sagt sie. "Ich bin geschwebt."

Einer ihrer Flügel war die Freude am Laden, an den Kunden, den Künstlern, den Homosexuellen und all den ungewöhnlichen Menschen, die ihren Laden als Wohnzimmer empfanden. Der andere Flügel war der Alkohol.

In der Zeit hat sie zu wenig Geld gespart. Die Rente, die war weit weg damals. Sie hat nichts einbezahlt.

Schulden der Tochter übernommen

Dafür hat sie Schulden angehäuft. Ihr Laden rutschte in die roten Zahlen. Und sie hat noch die Schulden ihrer Tochter übernommen. Der Tochter, die im Gefängnis saß, die Drogenprobleme hatte – und sich schließlich das Leben nahm.

Moersch hat ihre Schulden zurückgezahlt. Die letzten im Jahr 1996, 200 Mark. Das Jahr hat sich eingebrannt bei ihr. Endlich ohne Schulden.

Adventsgeschenk für die Tafel-Helfer

Moersch ist eine von sehr vielen armen, alten Menschen. 15 Prozent der Rentner sind betroffen. Moersch hat ihren Weg gefunden, damit umzugehen. Sie telefoniert nur mit Billigvorwahlen. Sie liest die Broschüre der Stadt München mit Spartipps. Sie geht zur Tafel. Wie rund 20.000 andere Münchner.

Auch an diesem kalten Tag im Advent holt sich Moersch dort ihr Essen. Aber erst, nachdem sie kleine Zellophantütchen mit Süßigkeiten und rotem Schleifchen an die Helfer verteilt hat. Einmal danke sagen, das ist ihr wichtig.

Adventsgeschenk für die Tafel-Helfer

Moersch kann gut mit Menschen. Auch wenn es ihr gerade nicht so gut geht. Derzeit hat sie kein Gebiss, sauber erkältet ist sie auch noch. Deshalb hat sie sich ihre "Butler"-Handschuhe angezogen, weiße Baumwollhandschuhe. Sie will ja keinen anstecken.

Wenn man Moersch fragt, ob sie etwas anders machen würde im Leben, wenn sie nochmal von vorne anfangen könnte, mischt sich Erstaunen in den Blick voll Schalk, Lebenslust und Humor. "Man kann das Leben nicht zurückdrehen."

Die wichtigste Botschaft lässt sich nicht in Worte fassen

Natürlich rät Moersch den Jungen, rechtzeitig was fürs Alter zurückzulegen. Sich rechtzeitig zu informieren. Aber ihre eigentliche Botschaft, die formuliert sie nicht.

Die spürt, wer sich mit ihr unterhält.

Sie hadert nicht. Sie schimpft nicht. Sie kämpft gegen die Gefühle, die sie so belasten. Wie die Angst, Weihnachten alleine feiern zu müssen, ohne andere Menschen, die sie ablenken von dem, was in ihrer Familie schief lief.

Moersch packt ihr Leben an, so intensiv, wie es eben gerade geht.

Und zitiert das Motto der Rheinländer, das ihr so gefällt. Das Motto, das sie trägt: "Et hätt noch emmer joot jejange."

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