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12/12/2016 07:36 CET | Aktualisiert 12/12/2016 08:48 CET

"Die Liebe des Volkes, die Hoffnung für Millionen": Warum Erdogan bei den Türken so beliebt ist

  • Im Westen wird der türkische Präsident Erdogan für seinen autoritären Regierungsstil kritisiert

  • Für viele Türken ist er trotzdem ein Held

  • Im Video seht ihr eine Zusammenfassung, warum das so ist

Diktator, Hitzkopf, unkontrollierbarer Despot: Das Urteil westlicher Medien über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan ist vernichtend. Zudem kommt die Türkei unter ihrem Präsidenten nicht zur Ruhe: Erst am Wochenende haben schwere Anschläge Istanbul erschüttert.

Für viele Türken ist der Gründer der konservativen Regierungspartei AKP dennoch ein Held. Laut des Meinungsforschungsinstituts Metropoll in Ankara liegt die Zustimmungsrate für den mit harter Hand regierenden Präsidenten bei fast 70 Prozent. Rund 24 Millionen Türken stimmten bei der letzten Parlamentswahl für Erdogans AKP.

Auch die türkischen Wähler in Deutschland haben bei den vergangenen Parlamentswahlen im November mit großer Mehrheit für Erdogans AKP gestimmt.

Bei vielen Deutschen herrscht Unverständnis über diese Zustimmung für Erdogan. Den Präsidenten, der die EU in Verhandlungen immer wieder brüskiert, der seine Kritiker verfolgt und einsperren lässt, Zeitungsredaktionen schließen lässt und einen brutalen Krieg gegen die kurdische Minderheit in seinem Land führt.

Wieso folgen trotzdem so viele Türken Erdogan und seiner AKP? Hier sind 5 Gründe:

1. Erdogan setzt auf Themen, die den Türken wichtig sind

Yasar Yakis, Mitbegründer der Erdogan-Partei AKP, berichtete einmal:

"Die AKP war eine Partei, die ganz auf die Bedürfnisse der Wähler eingegangen ist. Bei der Gründung der Partei haben wir die größte Umfrage gestartet, die es in der Türkei je gab." Auch Erdogans Erfolg hat viel mit seiner klaren Ausrichtung nach dem Wähler-Willen zu tun.

Vor dem Siegeszug Erdogans – zur Parlamentswahl 2001 – fanden die AKP-Gründer so heraus, dass die Türken sich vor allem wirtschaftlichen Aufschwung, Sicherheit und Gerechtigkeit wünschten.

2002 erreichte die AKP mit dieser Strategie mit 34 Prozent der Stimmen auf Anhieb die absolute Mehrheit, Erdogan wurde ab 2003 Ministerpräsident der Türkei.

Bis heute richtet Erdogan, seit 2012 Präsident des Landes, seine Politik stark nach den Wünschen und Sorgen seiner Stammwähler aus, beschwört immer wieder den "Volkswillen". So zuletzt auch, als er – zum Entsetzen westlicher Beobachter – die Einführung der Todesstrafe ins Spiel brachte.

Auch Erdogans europakritischer Kurs ist ein Echo der gewandelten Einstellung der Türken. 6 von 10 Türken glauben nicht mehr an den EU-Beitritt – wohl auch, weil Präsident Erdogan zunehmend scharf gegen den Partner in Brüssel schießt.

2. Erdogan hat den Islam wieder gesellschaftsfähig gemacht

Erdogan kommt aus einer streng gläubigen Familie. Er ging auf eine Imam-Hatip-Schule, glänzte während seiner schulischen Laufbahn vor allem durch das korrekte Rezitieren des Korans.

Obwohl die türkische Gesellschaft seit je her durch den Islam geprägt ist und viele Türken eine sehr strenge Glaubensauffassung vertreten, ist Religion in der Politik seit der Republikgründung durch Mustafa Kemal Atatürk im Jahre 1923 tabu.

Mehr zum Thema: Gefährliches "Jahrhundertprojekt": Wieso Erdogan für die Türken größer wird als Atatürk

Erdogan ist der erste, dem es gelingt, den Islam zu einem Eckpfeiler der Politik zu machen, ohne damit die Beschützer der Verfassung gegen sich aufzuwiegeln.

In einer Umfrage im Jahre 2002 gab jeder vierte Türke an, die Religion sei das wichtigste in seinem Leben. Erdogan forcierte langsam eine Re-Islamisierung der Türkei, die besonders diese Menschen anspricht.

So schaffte Erdogan das Kopftuchverbot in Universitäten und im Staatsdienst ab, öffnete den Schülern religiöser Imam-Hatip-Schulen den Zugang zu Universitäten und propagierte immer entschiedener konservativ islamische Werte.

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Islam-Experte Shadi Hamid sagte der "Süddeutschen Zeitung" zuletzt: "Es ist eine weiche Islamisierung, weil sie nicht per Gesetz erzwungen wird. Am Ende sollen religiöse Türken in die Mitte der Gesellschaft geführt werden."

3. Erdogan hat die Wirtschaft belebt

Viele Türken betonen immer wieder den sichtbaren Wandel ihrer Heimat, wenn sie über die Verdienste ihres Präsidenten sprechen. Bereits als Bürgermeister von Istanbul am Ende der 90er-Jahre tritt Erdogan als Macher auf, investiert massiv in die Infrastruktur, modernisiert die Müllabfuhr, um die völlig verdreckte Stadt wieder ansehnlich zu machen.

Als Ministerpräsident gelingt es ihm, den Modernisierungsprozess landesweit voranzutreiben, vor allem durch die Annäherung an die EU. Seit seinem Amtsantritt stieg die Wirtschaftsleistung pro Kopf in der Türkei um mehr als 40 Prozent, wie die OECD berechnet hat.

Erdogans Beliebtheit basiert so vor allem auf dem Gefühl von Wohlstand und Stabilität, das sich vor allem in türkischen Großstädten zeigt. Aber Statistiken zeigen auch: Etwa die Hälfte der Türken lebt noch immer an der Armutsgrenze.

Erdogans Prestigeprojekte, prachtvolle Brücken und Moscheen, werden das wohl kaum ändern. Doch sie geben vielen Türken Optimismus, dass es mit ihrem Land, das sich jahrzehntelang im Krisenzustand befand, weiter bergauf geht.

4. Erdogan ist die Stimme der "Schwarzen Türken"

Erdogans Werdegang ist die Erfolgsgeschichte eines kleinen Mannes, eines Einzelkämpfers aus der Arbeiterklasse, der es bis an die Spitze schaffte. Sie erinnert an die Geschichte Wladimir Putins. Das US-Magazin „Foreign Policy“, sieht im AKP-Gründer die „anatolische Version des russischen Präsidenten“.

Immer wieder betont er seine Wurzeln, spricht so den Stolz von Millionen konservativer Türken aus einfachen Verhältnissen an. Erdogan ist einer von ihnen, er hat es der elitären Klasse, den "Weißen Türken" gezeigt, die über Jahrzehnte die wichtigsten Machtpositionen im Land unter sich aufteilten.

Seine anti-intellektualistische Rhetorik, die einfachen Worte mit denen er – stets ohne Zettel – zu seinem Volk spricht, holen viele Türken da ab, wo sie sind. Erdogan überzeugt seine religiöse und nationalistische Anhängerschaft auch durch die Rezitation von islamischen Texten und türkischen Gedichten. "Allahu Akbar", also „Gott ist das Größte“-Schlachtrufe sind bei Erdogan-Veranstaltungen Normalität.

Der türkische Präsident bedient den nationalistischen Stolz, den schon Atatürk zum zentralen Instrument seiner Politik macht – und ergänzt die veraltete und exklusive Staatsphilosophie des Kemalismus: um Religion und außenpolitisches Muskelspiel.

Themen mit denen er bei den "Schwarzen Türken" auf viel Zuspruch trifft.

5. Erdogan symbolisiert Stärke und historischen Glanz

An jeder Ecke in der Türkei merkt man, wie die Türken dem Glanz des mit dem Ersten Weltkrieg untergegangenen Osmanischen Reichs nachtrauern. Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk attestiert den Türken eine charakteristisch-rückwärtsgewandte Melancholie ("Hüzün"), die sich durch alle Teile der Gesellschaft ziehe.

Erdogan spricht den Stolz auf die Vergangenheit an, auch er ist ein glühender Verehrer der osmanischen Tradition.

Das geht so weit, dass Erdogan sogar die Landesgrenzen der Türkischen Republik in Frage stellt. Über die griechischen Inseln in der Ägäis sagte er zuletzt: "Diese Inseln vor unserer Nase gehörten uns. Wir haben dort Werke, Moscheen und eine Geschichte."

Auch in Syrien und dem Irak wird dem türkischen Staatschef Machtanspruch nachgesagt. "Wir müssen überall dort hingehen, wo unsere Vorfahren gewesen sind", erklärte Erdogan kürzlich vage.

So tritt Erdogan auf dem internationalen Parkett mit der Stärke und Bestimmtheit auf, die sich viele Türken wünschen. In den vergangenen Monaten schoss er immer wieder scharf gegen die EU und vor allem gegen Deutschland. Bei türkischen Wählern kommt das gut an.

Sie wissen: auch wenn der Westen skeptisch auf ihr Land blickt, ihr Präsident wird das Beste für sie heraushandeln. Weil auch er von einer Türkei träumt, die stärker ist, als die heutige Republik.

Und so erklingt bei Reden des Präsidenten neben den "Allahu Akbar"-Rufen seiner Anhänger oft noch ein Lied, dessen Text gut beschreibt, was viele Türken in ihrem Anführen sehen. Dort heißt es: "Der Mann des Volkes, die Liebe des Volkes, die Hoffnung für Millionen! Er ist der Vertraute der Schwachen, der Gefährte der Armen, Recep Tayyip Erdoğan!"

(ben)