POLITIK
11/12/2016 06:51 CET | Aktualisiert 25/01/2017 16:37 CET

Kriminologe Christian Pfeiffer: Migranten werden eher angezeigt als Deutsche

dpa
Kriminologe Christian Pfeiffer: "Wenn diese Faktoren auf Deutsche zutreffen, steigt auch bei ihnen das Kriminalitätsrisiko"

  • Der Kriminologe Christian Pfeiffer hält die Angst vor kriminellen Flüchtlingen für übertrieben

  • Laut Pfeiffer gibt es Verzerrungen bei den Polizei-Statistiken

  • Der Kriminal-Experte sagt: Nicht-Deutsche werden viel eher angezeigt als Deutsche

Die Empörungswelle verläuft immer gleich: Begeht ein Flüchtling ein Verbrechen, heißt es aus AfD-Kreisen: Wir haben es euch doch gesagt, Migranten sind kriminell.

Verallgemeinerungen sind salonfähig geworden in der Politik, Fakten werden so lange verdreht, bis sie auch in den letzten Filterblasen ausländerfeindlicher Systemkritiker angekommen sind.

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Und das Verbreiten der Pseudo-Wahrheiten wirkt: Jeder zweite Deutsche befürchtet inzwischen etwa, dass die Gewalt gegen Frauen durch den Flüchtlingszuzug zunimmt. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid für die "Bild am Sonntag".

Müssen die Deutschen nach dem Mordfall von Freiburg und den Vergewaltigungen von Bochum jetzt Angst haben?

Christian Pfeiffer, Deutschlands bekanntester Kriminologe, hat eine ganz eigene Sicht auf die jüngste Debatte um Deutschlands vermeintliches neues Kriminalitäts-Problem unter Flüchtlingen.

"Max wird von Mehmet verprügelt: Anzeigequote 31 Prozent."

Pfeiffer spricht im Interview mit der "Welt am Sonntag" von einem "verzerrten Blick" auf die Debatte um kriminelle Flüchtlinge - die sich seiner Ansicht nach auch in Polizeistatistiken niederschlage.

Was der frühere niedersächsische Justizminister meint: Nicht-Deutsche werden viele eher angezeigt als Deutsche.

Und das bringt Pfeiffer mit einer ziemlich griffigen Formel auf den Punkt: "Max wird von Moritz verprügelt: Anzeigequote 19 Prozent. Max wird von Mehmet verprügelt: 31 Prozent."

Der unter Umständen ausländische Mann, der eine Frau hinter die Büsche ziehe und vergewaltige, habe eine hohe Anzeigequote, so Pfeiffer. Der vertraute Arbeitskollege, der Chef oder auch der Partner, der das Gleiche tue, werde hingegen deutlich seltener angezeigt.

"Wenn diese Faktoren auf Deutsche zutreffen, steigt auch bei ihnen das Kriminalitätsrisiko"

"Wir haben Verzerrungen in der Polizeistatistik, die unvermeidbar sind. Es ist also in der Kriminalstatistik Vorsicht geboten", gibt der Kriminal-Experte zu bedenken.

Pfeiffers Appell: Fakten müssen wieder in den Mittelpunkt von Diskussionen rücken. Dazu gehöre zwar auch, klar zu sagen: Von 100 Ausländern geht mehr Kriminalität aus als von 100 Deutschen.

Das liegt laut Pfeiffer aber daran, "dass die Gruppe altersmäßig anders zusammengesetzt" ist und "viele hier noch keinen Job haben" und "sozial noch nicht integriert sind".

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"Das sind Risikofaktoren. Wenn diese Faktoren auf Deutsche zutreffen, steigt auch bei ihnen das Kriminalitätsrisiko", sagte Pfeiffer dem Blatt.

Klar ist: Die Frage, ob Zuwanderer die Zahl der Straftaten in die Höhe treiben, dürfte weiterhin Thema bleiben. Dabei sind die Zahlen recht eindeutig: Laut BKA-Statistik ist die Zahl der Straftaten von Zuwanderern insgesamt sogar rückläufig. Die Fallzahl ist demnach von Januar bis März 2016 um mehr als 18 Prozent gesunken, hatte zuletzt die "Welt" berichtet.

Zwar gebe es schon seit Jahren Probleme mit bestimmten Zuwanderergruppen aus dem Kosovo und Nordafrika, sagte Ulf Küch vom Bund Deutscher Kriminalbeamter zuletzt. Doch bei der Problembewältigung habe vor allem die Politik versagt, kritisierte Küch.

"Es gibt keinen Grund zur kulturellen Überheblichkeit"

"Diese Gruppen sind nicht abschiebbar, weil die Politik ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Das fällt jetzt anderen – wie den Flüchtlingen – auf die Füße."

Kriminologe Pfeiffer macht indes klar: Unter Flüchtlingen gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass Kriegs- und Gewalterlebnisse in ihrer Heimat zu einer "Lust am Fertigmachen des Gegners" führen.

"Sexualmorde wie in Freiburg sind nicht Ausdruck der Männlichkeitskultur, die wir in arabischen Ländern beobachten. Man darf gespannt sein, was der Prozess gegen den Freiburger Beschuldigten an individuellen Belastungsfaktoren ans Licht bringen wird."

Es gebe also keinen Grund zur kulturellen Überheblichkeit, lautet Pfeiffers eindeutiger Mahnruf.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(vr)