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10/12/2016 14:52 CET | Aktualisiert 10/12/2016 15:46 CET

Der Westen fordert Waffenruhe für Aleppo, Russland blockt - 4 Fakten

dpa

  • Die Lage in Aleppo ist dramatisch, die USA sprechen von Kriegsverbrechen

  • Westliche und arabische Länder fordern erneut ein Einlenken von Machthaber Assad und seiner Verbündeten

  • Doch viel hängt davon ab, wie sich Russland positioniert

Aleppo hat sich zum Symbol für den verheerenden Konflikt entwickelt. Geteilt zwischen Regime und Rebellengruppen wird es als das wohl wichtigste Schlachtfeld in Syrien von beiden Seiten brutal umkämpft.

Seit Wochen läuft eine Offensive der Truppen von Präsident Baschar al-Assad auf Ostaleppo, mit russischer Unterstützung rücken seine Soldaten immer weiter vor und kontrollieren nunmehr 75 Prozent der Rebellengebiete. Syrische Regierungstruppen konnten mit Unterstützung russischer Luftangriffe in den vergangen Wochen etliche Stadtteile zurückerobern, doch zugleich verschärft sich die Lage für die Zivilbevölkerung immer mehr.

Deren Situation und eine Lösung des Konflikts wird am Samstag parallel bei internationalen Treffen in Genf (zwischen Russland und USA) und Paris (zwischen westlichen und arabischen Staaten) beraten.

Das sind die derzeit vier wichtigsten Fakten zu Aleppo und zum Stand der Verhandlungen.

1. Wie sieht die aktuelle Situation in Aleppo aus?

Die humanitäre Lage im Osten der Stadt ist weiterhin dramatisch. Da das Gebiet seit Anfang September vom Regime blockiert wird, fehlt es akut an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. In den verbliebenen Rebellengebieten halten sich nach Schätzungen von Menschenrechtlern immer noch rund 120 000 Menschen auf.

Denn auch eine Flucht ist hochriskant. "Viele Menschen sind getötet worden, als sie wegrennen wollten", sagte der Aktivist Wissam Sarka der Deutschen Presse-Agentur. "Viele haben festgestellt, dass die Flucht schrecklicher ist als die Bomben." Zudem hätten die Menschen Angst vor den Regimekräften: "Wer dorthin geht, wird als Feind behandelt, denn er kommt nur, weil er fliehen musste."

Zudem warfen Aktivisten und Einwohner der Rebellengebiete Aleppos syrischen Regierungskräften den Einsatz von Chlorgas vor. Ein Augenzeuge berichtete der Deutschen Presse-Agentur von einem Angriff am Freitagabend im Viertel Al-Kallasah.

Bilder und Filme vom Samstag zeigen, wie Menschen mit Atemproblemen behandelt wurden und Sauerstoffmasken brauchten.

"Es fehlt uns ja mittlerweile sogar die Sprache, es fehlen uns die Worte dafür, um zu beschreiben, was in Aleppo tagtäglich stattfindet", erklärte Außenminister Frank-Walter Steinmeier am Samstag.

2. Was fordert der Westen und die arabischen Staaten?

Die sogenannte Freundesgruppe Syriens, die am Samstag in Paris zusammenkam, hat Gnade mit den Menschen in der belagerten syrischen Stadt Aleppo gefordert. An dem Treffen nahmen Länder teil, die moderate Gegner Assads unterstützen und sich für eine politische Lösung des Konflikts einsetzen. Neben fünf westlichen Ländern und der EU waren auch Jordanien, Katar, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei vertreten.

"Wir fordern das Regime, aber auch den Iran und Russland auf, Menschen aus der Kampfzone gehen zu lassen", sagte Steinmeier nach dem Treffen. US-Außenminister John Kerry rief Syriens Präsidenten Baschar al-Assad und dessen Verbündeten Russland auf, "ein wenig Gnade" zu zeigen. Er glaube, dass es einen Weg nach vorn geben könne - doch das hänge an Russland.

Kerry betonte, es gehe darum, die vollständige Zerstörung Aleppos zu verhindern. Er warf dem syrischen Regime wegen dessen "wahllosen Bombardierungen" Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vor.

3. Wie ist die Position Russlands und Syriens?

Zwar hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Freitag verkündet, dass Regierungstruppen die Kampfhandlungen im Ostteil der nordsyrischen Stadt eingestellt hätten, damit sich Zivilisten in Sicherheit bringen könnten. Doch berichteten Anwohner und Rebellenkämpfer, dass die Bombardements auf die von der Opposition gehaltenen Gegenden weitergingen.

Aus Sicht Lawrows wäre die Lösung, dass alle Regimegegner die Stadt verlassen und ebenso die Zivilisten, die das wünschten. Ein solcher Vorschlag war allerdings in der Vergangenheit bereits schon mehrmals gescheitert. Erst in der vergangenen Woche blockierte Russland eine UU-Resolution zur Durchsetzung eine Feuerpause.

Zugleich habe die Assad-Regierung erstmals von den Vereinten Nationen organisierte Hilfslieferungen für Ostaleppo organisiert. Wie und wo diese zu den Menschen gelingen soll, ist allerdings bislang nicht geklärt.

In Genf kamen am Nachmittag Militärexperten und Diplomaten Russlands und der USA zusammen, wie die russische Agentur Tass unter Berufung auf diplomatische Kreise berichtete. Noch gibt es vom Treffen hinter verschlossenen Türen keine Ergebnisse.

Nachdem bereits im Oktober ein ähnliches Gespräch erfolglos verlaufen war, ist auch diesmal ein Durchbruch fraglich. Damals gingen die Kämpfe in Aleppo nach dem Ende einer von Russland ausgerufenen dreitägigen Waffenruhe weiter.

4. Was passiert, wenn Aleppo unter vollständiger Kontrolle der syrischen Regierungstruppen steht?

Ein Sieg der Regierungstruppen in Aleppo bedeute kein Ende der Kämpfe, warnt der Steinmeier. "Sie werden an anderer Stelle in Syrien weitergeführt werden. Dann möglicherweise eher mit terroristischen Methoden als mit der militärischen Konfrontation."

Denn nicht zu unterschätzen ist der militärische Spielfraum, den die syrische Armee bei einer Eroberung gewinnen würde. Die Schlacht um die ehemalige Handelsmetropole bindet viele Kräfte. Diese könnten sich dann auf andere Rebellengebiete des Landes konzentrieren und gegebenenfalls sogar das Ende des Bürgerkrieges erzwingen.

Ebenso würde die Eroberung Aleppos dem Regime eine starke Verhandlungsbasis für künftige Friedensgespräche geben - falls Assad diese angesichts seines Siegeszuges überhaupt für nötig halten sollte.

(Mit Material der dpa)

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