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08/12/2016 14:23 CET | Aktualisiert 09/12/2016 02:54 CET

"Dieser SOS-Ruf könnte der letzte sein" - 500 Zivilisten in Aleppo getötet

In this Monday, Dec. 5, 2016 photo, a Syrian girl walks amid the wreckage of damaged buildings and shops in the western city of Aleppo, Syria. Aleppo shakes with explosions and gunfire day and night in both the government and rebel sides. But for supporters of President Bashar Assad at least, there is comfort in the growing sense of imminent victory in the city. A rebel defeat in Aleppo, Syria’s largest city and former commercial center, is likely to reverberate across the war-torn country, where opposition forces continue to hold out in smaller, more disconnected areas. (AP Photo/Hassan Ammar)
ASSOCIATED PRESS
In this Monday, Dec. 5, 2016 photo, a Syrian girl walks amid the wreckage of damaged buildings and shops in the western city of Aleppo, Syria. Aleppo shakes with explosions and gunfire day and night in both the government and rebel sides. But for supporters of President Bashar Assad at least, there is comfort in the growing sense of imminent victory in the city. A rebel defeat in Aleppo, Syria’s largest city and former commercial center, is likely to reverberate across the war-torn country, where opposition forces continue to hold out in smaller, more disconnected areas. (AP Photo/Hassan Ammar)

  • Seit Wochen läuft eine Offensive der Regierung in der nordsyrischen Stadt Aleppo

  • Opfer der Kämpfe und Luftangriffe sind immer wieder Zivilisten

  • In den Rebellengebieten scheint die Lage aussichtslos

Seit dem Beginn der Offensive syrischer Regierungstruppen auf die Großstadt Aleppo sind Aktivisten zufolge rund 500 Zivilisten ums Leben gekommen. Die meisten Opfer gab es nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte durch Angriffe der Armee und ihrer Verbündeten auf die Rebellengebiete im Osten Aleppos.

"Uns erreichen sehr verzweifelte Hilferufe - von Ärzten, von freiwilligen Helfern, von zivilen Gruppen", sagte Syriens UN-Nothilfekoordinator Jan Egeland am Donnerstag in Genf.

Er zeigte sich enttäuscht über das Ausbleiben von Hilfslieferungen in die Gebiete. Weil Ost-Aleppo seit Wochen von der Außenwelt abgeschnitten ist, herrscht dort akuter Mangel an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Seit dem Sommer hätten die Vereinten Nationen jeden Tag versucht, Zugriff zu dem Bereich zu bekommen, sagte Egeland.

Internationale Hilfsorganisationen riefen zu sofortiger Waffenruhe auf

Für Dezember habe die syrische Regierung den Zugang zu rund 800.000 Hilfsbedürftigen in besetzten oder schwer zu erreichenden Gebieten genehmigt.

Internationale Hilfsorganisationen riefen zu einer sofortigen humanitären Waffenruhe auf. Aktivisten aus Ost-Aleppo forderten die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. Egeland klagte, er habe in seinen vielen Amtsjahren noch nie so schwierige und frustrierende Verhandlungen erlebt.

Durch heftige Luftangriffe und Artilleriebeschuss von syrischen Regimekräften seien in Aleppo 384 Zivilisten getötet worden, unter ihnen 45 Kinder, erklärten die Menschenrechtsbeobachter. 114 Menschen starben demnach durch Granaten, die Rebellen auf Stadtviertel unter Kontrolle der Regierung oder kurdischer Einheiten gefeuert hätten. Darunter seien 36 Kinder gewesen. Im selben Zeitraum wurden zudem mehr als 300 Kämpfer der Rebellen getötet.

Kurzzeitige Unterbrechung der Angriffe

Und tatsächlich: Die syrische Armee hat nach Angaben des russischen Außenministers Sergej Lawrow am Donnerstag ihre Angriffe unterbrochen, um etwa 8000 Zivilisten aus der Stadt zu bringen.

"Das ist die jüngste und größte Aktion zum Abzug von Zivilisten aus Ost-Aleppo", sagte Lawrow beim Außenministertreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Hamburg. Die Menschen müssten einen Weg von etwa fünf Kilometern aus der umkämpften Stadt zurücklegen.

Aleppo zählt im fast sechs Jahre andauernden Bürgerkrieg zu den umkämpftesten Gebieten

Die Menschenrechtsbeobachter sitzen zwar in Großbritannien, sie stützen aber ihre Angaben auf Informationen von Aktivisten in Syrien. Die syrische Armee und verbündete Milizen hatten Mitte November eine Offensive auf den Osten Aleppos begonnen. Mittlerweile haben die Angreifer rund 80 Prozent des bisherigen Rebellengebietes erobert.

Die frühere Handelsmetropole zählt im fast sechs Jahre andauernden Bürgerkrieg zu den umkämpftesten Gebieten. Aktivisten melden seit Tagen heftige Angriffe auf Ost-Aleppo. Bilder zeigen große Zerstörungen. Zehntausende sind vor den Kämpfen und Bombardierungen geflohen. Rebellen wiederum beschossen mehrmals Aleppos Westen, der von der Regierung beherrscht wird.

Der Leiter der forensischen Abteilung in den Rebellengebieten, Mohammed Abu Dschaafar, forderte die internationale Gemeinschaft auf, die "Massaker" in Aleppo zu stoppen. "Dieser SOS-Ruf könnte der letzte sein", sagte er in einer Audiobotschaft. "Aleppo ist zerstört. Die Stadt ist fast tot und stößt ihre letzten Atemzüge aus."

"Wir haben heute Abend so viel Leid gesehen"

Das internationale Rote Kreuz (IKRK) berichtete, 150 notleidende Zivilisten seien am Mittwoch aus der von der Regierung eroberten Altstadt Aleppos gebracht worden. "Wir haben heute Abend so viel Leid gesehen", erklärte das IKRK über Twitter. Die Menschen hätten seit einer Woche kein Essen bekommen.

Die Hilfsorganisation Save the Children warnte, Zehntausende Kinder in Ost-Aleppo seien zu Zielen geworden. Quellen von dort berichteten, dass die Menschen praktisch nur noch mit ihren Kleidern am Leib durch die Straßen liefen. "Es gibt nur noch wenig medizinische Hilfe und sehr wenige Vorräte. Nahrung ist gefährlich knapp." Ein Aktivist aus Ost-Aleppo berichtete, es gebe nur noch verschmutztes Wasser aus Brunnen sowie alle zwei Tage Reis und Brot.

Nach Angaben der Agentur Interfax kündigte Lawrow ein Treffen russischer und amerikanischer Experten für Samstag in Genf an. Sie sollten ein Abkommen mit einer Lösung für Ost-Aleppo fertigstellen.

Aus russischer Sicht bestand in der Vergangenheit die Lösung darin, dass alle Regimegegner die Stadt verlassen, ebenso die Zivilisten, die das wünschten. Dass das bereits in der Vergangenheit nur leidlich funktionierte, davon Zeugen die erneut hunderten getöteten Zivilisten.

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