POLITIK
06/12/2016 03:22 CET | Aktualisiert 06/12/2016 05:40 CET

"Verantwortliche gehören gefeuert": So hart rechnen Medien im Fall Maria L. mit der "Tagesschau" ab

Der Tatort in Freiburg nach dem Mord an Maria L.
dpa
Der Tatort in Freiburg nach dem Mord an Maria L.

Deutschland hat nach den Silvestervorfällen in Köln die nächste Mediendebatte. Auslöser ist der Mord an der Studentin Maria L. in Freiburg, mutmaßlich begangen hat ihn ein junger afghanischer Flüchtling.

Über den Fall haben deutschlandweit Medien berichtet - bis auf die "Tagesschau". Über diese Nichtberichterstattung ist nun wiederum eine Debatte entbrannt. Hätte die wichtigste deutsche Nachrichtensendung über den Fall berichten müssen? Hat sie, in dem sie nicht über den Fall berichtete, den Lügenpresse-Vorwürfe Munition geliefert?

So beantworten die Medien diese Fragen:

Die "Süddeutsche Zeitung" ist der Meinung, dass sich die "Tagesschau" als mitwichtigste deutsche Nachrichtensendung "nicht einmal dem Hauch des Verdachts aussetzen" sollte, "unerwünschte Fakten lieber zu verschweigen". Denn das spiele das spiele "nur den Falschen in die Hände wie der AfD, die sich nun die Hände reibt".

Auf jeden Fall hätte sie im Nachhinein anders reagieren sollen, heißt es bei der "SZ": Vielleicht hat die Redaktion die Bedeutung des Mordfalls einfach falsch eingeschätzt. Dann wäre es aber besser, die ARD würde jetzt schlicht bekennen: Sorry, auch wir machen mal Fehler.

Die "Mittelbayerische Zeitung" sieht den Verdacht auf "Nanny-Journalismus" bestätigt. "Die "Tagesschau" ignorierte am Samstagabend die Festnahme des 17-Jährigen. Die Redaktion entschied nicht nach "Gesprächswert", sondern nach "Relevanz", erklärte später der Chefredakteur Kai Gniffke, aber: Kann man diese beiden Kriterien sicher voneinander trennen?"

"Schlechteste Reaktion zeigte die ARD"

Weiter heißt es: "Im Rückspiegel war die Themenauswahl der "Tagesschau" falsch, weil der Gesprächswert in diesem Fall eben auch Relevanz transportiert und auch, weil so dem Vorwurf der "Lügenpresse" Munition geliefert wird . Der Verdacht auf Nanny-Journalismus, auf mediale Bevormundung, findet Bestätigung."

Die "Tagesschau" hatte zur Begründung für die Nicht-Berichterstattung angeführt, dass der Fall Maria nur regionale Bedeutung habe.

Mehr zum Thema: „Tagesschau" erklärt, warum sie nicht über Festnahme im Fall Maria L. berichtete

Für die "Rhein-Neckar-Zeitung" steht fest, dass die "Tagesschau" in der Berichterstattung zu Maria L. versagt hat. "Es ist zwar ehrenhaft seitens der Politik, den Generalverdacht im Keim zu ersticken. Aber die Tat verlangt auch die Prüfung, ob sie hätte verhindert werden können; etwa durch eine bessere Betreuung traumatisierter Flüchtlinge. Die schlechteste Reaktion zeigte die ARD, indem sie in ihren 'Tagesthemen' die Festnahme des jungen Mannes verschwieg."

"Aus politischer Korrektheit unterdrückt"

Der "Münchner Merkur" forderte gar, die "Tagesschau"-Macher zurück auf die Journalistenschule zu schicken.

"Entweder hat das angebliche Flaggschiff des deutschen Nachrichtenjournalismus die Brisanz der Meldung nicht erkannt. Dann sollte man die Redaktion noch mal auf die Journalistenschule schicken", schreibt die Zeitung.

"Oder sie hat sie erkannt, aber aus politischer Korrektheit unterdrückt. Dann gehören die Verantwortlichen in hohem Bogen gefeuert. Einfach nicht darüber zu berichten ist aber der denkbar falscheste Beitrag zur Versachlichung (der Debatte, Anm. d. Red.). Zum Glück haben das, offenbar mit Ausnahme des Gebühren-Fernsehens, die allermeisten Medien seit den Vorkommnissen von Köln gelernt."

Ähnlich kommentiert "Focus Online": "Das Verbrechen ist grausam – unabhängig davon, wer es begangen hat. Doch wenn die Redaktion von Deutschlands größter Nachrichtensendung die Augen vor der Brisanz dieses Falles verschließt, hat sie einfach nichts aus dem vergangenen Jahr gelernt.

Und weiter: "Ein Jahr, das mit den massenhaften sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht begann. Die „Tagesschau“ brauchte auch damals Tage, um zu verstehen, dass sie um dieses Thema nicht herumkommt."

"Ein einzelner Mord ist nichts für überregionale Nachrichten"

Eine der wenigen Zeitungen, die der "Tagesschau bespringen, ist die "Emder Zeitung". Sie urteilt: "Ein einzelner Mord ist immer schrecklich, aber nichts für die überregionalen Nachrichten. Würde die 'Tagesschau' immer berichten, wäre leider jede Sendung voll davon. Auch die Tatsache, dass es in Freiburg vielleicht ein Afghane war, ist kein Grund, plötzlich zu berichten, obwohl man es vorher nicht getan hat."

Der "Stern" hatte in einem Kommentar schon am Samstag geschrieben: "So macht's die "Tagesschau" den Lügenpresse-Hetzern recht". Weiter hieß es:

"Doch die Fehleinschätzung des ARD-Nachrichtenflaggschiffs ist nicht das Schlimmste. Viel verheerender ist die Wirkung, die das Verschweigen der Festnahme eines 17-jährigen Flüchtlings aus Afghanistan hat. Sie leistet den Hetzern Vorschub, die traditionelle Medien wie die "Tagesschau" unter den Generalverdacht der Lügenpresse stellen."

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(ks)