POLITIK
06/12/2016 23:51 CET | Aktualisiert 07/12/2016 01:52 CET

Donald Trump: Die Welt glaubt, dass er verrückt ist - und das ist Teil seines Plans

US President-elect Donald Trump waves to the crowd as he exits the elevators to speak with media at Trump Tower on December 6, 2016 in New York. / AFP / Eduardo Munoz Alvarez        (Photo credit should read EDUARDO MUNOZ ALVAREZ/AFP/Getty Images)
EDUARDO MUNOZ ALVAREZ via Getty Images
US President-elect Donald Trump waves to the crowd as he exits the elevators to speak with media at Trump Tower on December 6, 2016 in New York. / AFP / Eduardo Munoz Alvarez (Photo credit should read EDUARDO MUNOZ ALVAREZ/AFP/Getty Images)

In den vergangenen Tagen schien sich endgültig zu bestätigen: Donald Trump ist völlig durchgeknallt. Mal eben hat er Anfang der Woche per Twitter eine diplomatische Krise mit China ausgelöst.

In einer Serie weiterer Tweets kündigte er wie ein Rockstar eine Tour durch die USA an - mit Terminen für Auftritte in verschiedenen Städten. Außerdem kündigte er per Twitter den Auftrag für eine neue Air Force One.

Der diplomatische Fauxpas mit China zeigt aber, dass hinter Trumps Aktionen eine ausgeklügelte Strategie steckt.

Dabei ist Trumps Vorgehen nicht neu. Richard Nixon, der von 1969 bis 1974 US-Präsident war, nannte es die "Madman-Theory", also die "Theorie des verrückten Mannes".

"Nixon spielte mit der Idee, dass er internationale Beziehungen mit seiner Theorie des verrückten Mannes beeinflussen könne - der Idee, dass er Politiker in Übersee überzeugen könne, dass er unberechenbar und irrational ist", sagt Nicholas Eberstadt vom American Enterprise Institute gegenüber der Agentur Bloomberg.

Bisher scheint das aber niemand gemerkt zu haben.

Nach der Vorstellung der meisten Polit-Kommentatoren soll sich der Vorfall mit China ungefähr so abgespielt haben: Trump saß in seinem Trump-Tower, die Füße auf den Schreibtisch gelegt, und blätterte kopfschüttelnd in der "New York Times". Das Telefon klingelt. Trump hebt ab: "Hallo, hier Trump. Wer da?"

Am anderen Ende ist die Präsidentin Taiwans, Tsai Ing-wen, die ihm zu seinem Wahlsieg gratulieren will. Trump freut sich wie ein Kind. Naiv, wie er ist, greift er nach dem Ende des Gesprächs gleich zu seinem Smartphone, um der Welt über Twitter mitzuteilen, wie nett Tsai war - und brüskiert damit China, einen der wichtigsten Handelspartner der USA, der nebenbei noch bis an die Zähne mit Atomraketen bewaffnet ist.

Drei Tweets reichen, um China zu verärgern

Nun ist es so, dass die USA seit 1979 keine diplomatischen Beziehungen zu Taiwan unterhalten, weil die Insel von China als abtrünnige Provinz angesehen wird. Um die Chinesen nicht zu verärgern, unterhalten weder die USA noch Deutschland offiziell eine Botschaft in Taiwan - und telefonieren auch nicht mit den Regierungsoberhäuptern des Landes.

Ein ungeschriebenes Gesetz der Diplomatie - von dem der Polit-Neuling Trump offenbar nicht wusste, weil er sich nur mit Schönheitswettbewerben, Immobilien und sich selbst beschäftigt hatte. So scheint es zumindest.

Zuerst spielten die Chinesen der Vorfall herunter. Sie sahen Taiwan als den Verantwortlichen und stellten Trump als politischen Neuling dar, der Opfer seiner Unerfahrenheit geworden sei. Diesem Bild schlossen sich auch die liberalen Medien an. Aber Trump ließ nicht locker.

Er legte auf Twitter nach: "Interessant, dass die USA an Taiwan Militärausrüstung für Milliarden Dollar verkauft und ich keinen Glückwunsch-Anruf entgegennehmen soll."

"Haben die Chinesen uns etwa gefragt?"

Offenbar reichte dies nicht aus, um die Chinesen auf die Palme zu bringen. Er verschickte noch einen Twitter-Post, und warf den dem Reich der Mitte vor, absichtlich seine Währung abzuwerten, um amerikanischen Unternehmen zu schaden:

"Hat China uns etwa gefragt, ob es ok ist, dass sie ihre Währung abwerten (was es im Wettbewerb schwerer für unsere Unternehmen macht), dass sie hohe Zölle auf unsere Produkte erheben, die sie importieren (die USA erhebt solche Zölle nicht) oder dass sie einen riesigen Militärkomplex im Südchinesischen Meer bauen? Ich glaube nicht!"

Endlich reagierten die Chinesen - über die Staatsmedien. Die "Global Times", die als wichtige Pekinger Staatszeitungen gilt, schrieb, Trump sehe China als "fettes Lamm, von dem er ein Stück Fleisch abschneiden" wolle.

Taiwan-Telefonat war lange geplant

Auch die "China Daily" reagierte empört: Er solle aufhören, sich "wie der politischer Neuling zu benehmen, der er ist". Der kommende US-Präsident brauche Hilfe, "um sich seinem kommenden Rollenwechsel anzupassen". Anderenfalls wird er "schwerwiegende Probleme für sein Land verursachen, während er durch ständige diplomatische Flächenbrände poltert".

Der Ansicht, dass da ein selbstverliebter Polit-Trottel durch seine Unerfahrenheit eine diplomatische Krise ausgelöst hat, schlossen sich auch die Trump-kritischen liberalen Medien in den USA an.

Aber entspricht dieses Bild der Wirklichkeit?

Tatsächlich war das Telefongespräch lange geplant und der Eklat sorgfältig vorbereitet. Nach einem Bericht der "Washington Post" soll das Gespräch unmittelbar nach seinem Wahlsieg am 8. November eingetütet worden sein.

Hinter der Twitter-Diplomatie steckt eine Strategie

Stephan Yates, stellvertretender Sicherheitsberater des ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney, sagte dem Blatt, dass Trump gebrieft worden sei, nachdem ein Termin für das Gespräch festgestanden habe. "Sie wussten, dass es eine Reaktion und einen möglichen Rückschlag geben würde."

Auch Alex Huang, ein Sprecher von Tsai, sagte Reuters, dass "natürlich beide Seiten zugestimmt hätten, bevor der Kontakt hergestellt wurde".

Man sollte Trump nicht unterschätzen. Mit seinen scheinbar spontanen Twitter-Posts verfolgt er eine diplomatische Strategie, die er schon in seinem Wahlkampf angekündigt hatte. "Wir müssen als Nation unberechenbarer sein", sagte Trump in einer Rede.

"Wir sind total berechenbar. Wir teilen alles mit. Wir schicken Truppen? Wir sagen es ihnen. Wir schicken was anderes? Wir machen eine Pressekonferenz. Wir müssen unberechenbar sein, und wir müssen jetzt damit anfangen."

Trumps Vorbild ist Nixon

Trump trifft damit tatsächlich einen wunden Punkt. Barack Obama war wahrscheinlich der vernünftigste, berechenbarste US-Präsident der Geschichte. Das macht in sympathisch - aber in der Diplomatie nicht wirklich erfolgreich. Wer unberechenbar ist, ist in einem klaren Verhandlungsvorteil. Einem Verrückten wie Trump ist alles zuzutrauen. Dass er aus einer Laune heraus eine diplomatische Krise auslöst. Dass er einen Handelskrieg verursacht. Oder Schlimmeres. Besser, man spricht mit ihm.

Trumps Vorbild ist Nixon

Wie Trump inszenierte auch Trumps Vorbild Nixon damals das Bild des Verrückten sorgfältig. Während des Vietnam-Krieges gab er sich große Mühe, die Sowjetunion davon zu überzeugen, dass er Nordvietnam zur Not mit Atomwaffen vernichten würde, um den Krieg zu beenden.

"Donald Trump ist in einer viel besseren Position, die Theorie des verrückten Mannes einzusetzen, als Nixon", glaubt Eberstadt.

Denn Trump hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber Nixon: Der hatte kein Twitter.

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(ben)