WIRTSCHAFT
05/12/2016 13:34 CET | Aktualisiert 05/12/2016 15:10 CET

Auf dieser Piazza in Siena könnte der Euro zugrunde gehen

Der Hauptsitz von Monte dei Paschi in Siena
Stefano Rellandini / Reuters
Der Hauptsitz von Monte dei Paschi in Siena

Ehrwürdig wirken die jahrhundertealten Palazzi um den Salimbeni-Platz im Herzen von Siena mit ihren großen Steinmauern, den eleganten Spitzbögen. Der ganze Platz vielleicht ein wenig nüchtern, so ohne Grün. Mit der Statue des Wirtschaftswissenschaftlers Sallustio Bandini aber passend für eine Bank, deren Name dezent über einem der Portale thront: Monte dei Paschi di Siena.

Es ist der Platz, an dem sich die Zukunft des Euro und Europas entscheide könnte.

1. Was hat es mit der Monte dei Paschi die Siena auf sich?

Die Monte dei Paschi di Siena ist die drittgrößte Bank Italiens, mit ihrer Gründung im Jahr 1472 ist sie älteste Bank der Welt und das größte Sorgenkind der Branche. Der "gefährlichste Brandherd der Finanzwelt" wird die Bank gar genannt, so hatte es die "Wirtschaftswoche" im Sommer formuliert.

2. Welches Problem hat die Monte dei Paschi die Siena?

Bei 40 Prozent all der Kredite, die sie ausgegeben hat, zahlen die Kunden das geliehene Geld nicht wie vereinbart zurück. Ein Grund dafür: die miese wirtschaftliche Lage Italiens. Insgesamt geht es um Kredite im Wert von mehr als 46 Milliarden Euro.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat die Bank im Sommer verschiedene Maßnahmen beschossen. Eine davon: Der private Bankenrettungsfonds Atlante – finanziert von Banken, Versicherungen und Investmentfonds – soll 28 Milliarden Euro dieser faulen Kredite übernehmen. Das wird zu hohen Verlusten führen.

3. Wie will die Bank das Problem lösen?

Um sich dafür zu wappnen, verhandelt die Monte dei Paschi derzeit, um fünf Milliarden Euro heranzuschaffen. Die Sorge von Experten ist, dass Geldgeber angesichts der Regierungskrise in Italien lieber nicht in die Bank investieren.

Für den Fall, dass das Geld privat nicht aufzutreiben ist, gibt es die Möglichkeit staatlicher Hilfen. Damit der Staat Geld geben darf, müssen aber erstmal die Anteilseigner der Bank – darunter viele Kleinanleger – zahlen. Es ist eine Lehre aus der letzten Krise.

So, wie es aussieht, will Italien das vermeiden. Das ginge über ein juristisches Hintertürchen: Der Staat darf gleich helfen, wenn die Bank systemrelevant ist. Wenn ihre Pleite also auch andere Banken mit herunterziehen würde.

4. Was hat die Bank nun mit Europa zu tun?

Klaus-Jürgen Gern ist Experte für Makroökonomie am Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IFW). Er sagt, ob die Monte dei Paschi di Siena nun systemrelevant ist, lasse sich so leicht nicht beantworten.

Einerseits stecke die Bank schon so lange in der Krise, dass die Betroffenen wohl schon Vorkehrungen getroffen hätten. "Deshalb halte ich eine Lawine, wie sie die Pleite von Lehman Brothers 2008 ausgelöst hat, für unwahrscheinlich."

Andererseits fürchtet er, dass ihre Pleite doch den Euroraum als Ganzes treffen könnte. Denn neben der Monte dei Paschi gibt es in Italien zahlreiche andere Banken, die ein vergleichbares Problem haben. Und sich im Fall einer Pleite dieser Bank noch schwerer täten, selbst Geld aufzutreiben.

Die anderen Banken würden vielleicht noch weniger Kredit vergeben können und wollen, die zaghafte Erholung der Wirtschaft im Keim ersticken, und die Rückzahlung der offenen Kredite noch unwahrscheinlicher machen. "Ein Teufelskreis", sagt Gern.

Beobachter wie er gehen davon aus, dass Europa-Gegner eine weitere Stagnation der Wirtschaft oder sogar eine Verschlechterung nutzen werden, um Stimmung gegen Europa und gegen den Euro zu machen. "Bei den Populisten ist es en vogue, anti-europäisch zu sein – ohne die Konsequenzen wirklich durchdacht zu haben", sagt Gern. "Letztlich", sagt er, "ist ein Auseinanderbrechen der Eurozone im Fall eines Wahlsiegs der Populisten nicht auszuschließen."

Die "Wirtschaftswoche" verweist noch auf einen anderen Punkt, der eine Pleite der Bank so kritisch machen würde: Sie hat über eine Stiftung soziale Projekte finanziert, die das Gemeinwohl fördern. Solche Konstrukte gebe es oft in Italien, fast ein Drittel der Anteile an Italiens Banken gehöre solchen Stiftungen. Auch dieser Aspekt dürfte im Fall einer Pleite die Europa-Skepsis fördern.

Robert Halver, Leiter der Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, erklärte im Gespräch mit "Focus Online", dass eine Euro-kritische Regierung unter der einflussreichen Bewegung des Komikers Beppe Grillo Kreditinstitute verstaatlichen könnte, dafür Wirtschaftsreformen ablehne. So werde das stark verschuldete Italien neue Schulden machen müssen, um eine Bankenkrise abzuwenden. Er fürchtet, dass im Zuge dessen auch der Euro-Stabilitätspakt gebrochen werden könnte.

5. Wie wichtig ist Italien für die Eurozone?

Anders als Griechenland ist Italien eine der wichtigsten Wirtschaftsmächte der EU. Insbesondere Firmen aus Norditalien sind weltweite Größen und gut vernetzt. Als Griechenland in Finanznot geriet, war Italien der größte Geldgeber. Es gibt kein Land, das nun für Italien einspringen könnte.

Heißt also: Europa droht zu zerbrechen, der Euro ist in Gefahr.

6. Wie könnte man das Problem lösen?

IFW-Experte Gern hielte es für sinnvoll, die Monte dei Paschi die Siena "geordnet abzuwickeln" – also ohne Chaos pleitegehen zu lassen und so das Vertrauen ins System zu stärken. "In einer Marktwirtschaft muss man es zulassen, wenn Teilnehmer ausscheiden, die falsche Entscheidungen getroffen haben. Sonst funktioniert das System nicht."

Mit Material von dpa

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