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05/12/2016 12:19 CET

Die moderne Erziehung steckt in der Krise - eine Kindheitsforscherin erklärt, warum

Die moderne Erziehung steckt in der Krise - eine Kindheitsforscherin erklärt, warum
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Die moderne Erziehung steckt in der Krise - eine Kindheitsforscherin erklärt, warum

Die moderne Erziehung steckt in der Krise. Von dieser Tatsache ist Entwicklungspsychologin Alison Gopnik überzeugt. Und sie hat eine simple Erklärung dafür:

Erziehung zeichnet sich in der heutigen Zeit vor allem durch Sorge und Angst um die Kinder aus, was zu enormen Druck führt - sowohl für die Kinder als auch für die Eltern.

Eltern sehen sich gezwungen, aktiv in das Leben ihrer Kinder einzugreifen. Aus Angst, dass diese sonst versagen und in der modernen Bildungsgesellschaft nicht mehr mithalten könnten.

Sie unternehmen deshalb allerlei Anstrengungen, um ihre Kinder möglichst früh zu fördern. Mit entsprechendem Spielzeug, außerschulischen Aktivitäten und zusätzlichem Musik- oder Sprachunterricht versuchen sie die Kleinen auf die Ellenbogengesellschaft vorzubereiten, die sie früher oder später erwarten wird.

Eltern sollten möglichst wenig eingreifen

Und obwohl es mit Sicherheit gut gemeint ist, helfen sie ihren Kindern damit überhaupt nicht. Sogar ganz im Gegenteil, wenn man Experten wie Gopnik glaubt:

"Es ist nicht unsere Aufgabe, den Geist unserer Kinder zu formen. Unsere Aufgabe ist es, Kindern die Chance zu bieten, all die Möglichkeiten zu entdecken, die die Welt bereit hält", schreibt sie in ihrem Buch "The Gardener and the Carpenter - What the New Science of Child Development Tells Us About the Relationship Between Parents and Children".

Das bedeutet für Eltern vor allem eins: loslassen.

Anstatt unsere Kinder zu belehren, zu bewerten und sie so zu formen, wie sie nach unserer Ansicht sein sollten, müssen wir ihnen die Freiheit lassen, ihre Persönlichkeit, ihre Talente und ihre Fähigkeiten selbst zu entdecken.

Denn andernfalls helfen wir ihnen nicht, sondern schränken ihren Blick auf die Welt massiv ein.

Es gibt ein wissenschaftliches Experiment, das dies sehr eindrucksvoll belegt.

Ein Experiment, das alle Eltern kennen sollten

Im Jahr 2011 taten Wissenschaftler mehrerer renommierter Universitäten sich zusammen um zu untersuchen, wie es sich auf das Spielverhalten von Kindern auswirkt, wenn Erwachsene eingreifen.

Zwei Gruppen von Vorschulkindern sollten sich mit einem Spielzeug beschäftigen. Es bestand aus mehreren Teilen und hatte verschiedene Funktionen. Ein Element konnte hupen, eins machte Musik, eins konnte aufleuchten und eins hatte einen versteckten Spiegel.

Die eine Gruppe der Kinder wurde mit dem Spielzeug allein gelassen. In der anderen Gruppe griff ein Erwachsener in das Spiel ein und zeigte den Kindern jeweils, wie die Hupe funktionierte.

Anschließend wurden beide Gruppen verglichen:

In der ersten Gruppe entdeckten die Kinder alle Funktionen des Spielzeugs von allein und nutzen jede einzelne.

In der zweiten Gruppe spielten die Kinder ausschließlich mit der Hupe und wiederholten immer wieder, was der Erwachsene ihnen gezeigt hatte.

Was Kinder wirklich brauchen

Es liegt also eigentlich auf der Hand, was Eltern tun sollten: Anstatt zu versuchen, ihren Kindern auf die bestmögliche Weise zu helfen, sollten sie sich so weit es geht zurückhalten. Kinder entfalten ein viel größeres Potenzial, wenn man ihnen die Chance lässt, ihre Welt eigenständig zu entdecken.

Diese Erkenntnis nimmt nicht nur extrem viel Druck von den Eltern - sie entlastet auch die Kinder. Mehr als jeden Förderunterricht brauchen Kinder Zeit, um Kinder zu sein. Zeit zu spielen. Und das möglichst frei von elterlichen Einflüssen.

Eltern, die das zulassen, geben ihren Kindern die Chance, sich optimal zu entwickeln. Denn insbesondere das Gehirn braucht das kindliche Spiel, um sich vernetzen zu können:

"Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können", erklärt Hirnforscher Gerald Hüther.

Mehr zum Thema: Ein Hirnforscher erklärt, was Kinder mehr als alles andere von ihren Eltern brauchen

Eine Faustregel für glückliche Kinder

Anstatt präzise zu planen und unseren Kindern vorzugeben, was sie wissen und können sollten, um erfolgreich zu sein, sollten wir uns als Eltern also möglichst zurückhalten und darauf vertrauen, dass unsere Kinder sich in einer für sie gesunden Geschwindigkeit in eine Richtung entwickeln, die ihren Talenten und Fähigkeiten entspricht.

Statt Einschränkung brauchen Kinder Freiräume. Um zu spielen, ihre Kreativität zu entfalten, Wissen und Können durch eigene Erfahrungen anzueignen. Und hier liegt die schwierige Aufgabe, die wir als Eltern haben:

Wir müssen unseren Kindern diese Freiräume ganz bewusst schaffen und ihnen eine sichere Umgebung schenken, in der sie sich entfalten können.

Alison Gopnik hat in ihrem Buch eine Faustregel entwickelt, die Eltern hilft, auf dem richtigen Pfad zu bleiben. Sie fordert: Seid keine Schreiner, sondern Gärtner.

Die Schreiner und die Gärtner

“Kindererziehung ist wie einen Garten zu versorgen und Eltern sind wie Gärtner”, schreibt Gopnik. In der modernen Erziehung sei allerdings etwas schief gelaufen. Eltern seien heute keine Gärtner mehr, sondern Schreiner.

"Ein Schreiner widmet dem Material, mit dem er arbeitet zwar ein wenig Aufmerksamkeit; seine eigentliche Aufgabe ist es jedoch, das Material zu einem fertigen Produkt zu verarbeiten, das einem bestimmten Muster entspricht."

Unordnung und Varianz seien die Feinde des Schreiners, während Präzision und Kontrolle seine Verbündeten darstellten.

"Doch wenn wir als Gärtner arbeiten, kreieren wir einen geschützten, nährenden Ort, an dem Pflanzen wachsen und sich entfalten können."

Hier liegt unsere wahre Aufgabe als Eltern und gleichzeitig unsere größte Herausforderung. Denn es ist nicht unbedingt einfacher, Gärtner zu sein. Es erfordert ein hohes Maß an Achtsamkeit, Geduld, Liebe und Vertrauen.

Mehr zum Thema: Was mit Kindern passiert, die nicht alleine schlafen lernen

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