POLITIK
02/12/2016 15:51 CET | Aktualisiert 02/12/2016 17:18 CET

Liebe Deutsche, vor euren Augen geschieht eine humanitäre Katastrophe - aber ihr wollt es nicht wahrhaben

Liebe Deutsche  vor euren Augen geschieht eine humanitäre Katastrophe - aber ihr wollt es nicht wahrhaben
Abdalrhman Ismail / Reuters
Liebe Deutsche vor euren Augen geschieht eine humanitäre Katastrophe - aber ihr wollt es nicht wahrhaben

Liebe Deutsche,

es gibt jetzt keine Ausreden mehr. Wir wissen, was Syriens Präsident Bashar al-Assad zusammen mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Aleppo plant. Und es gibt wirklich niemanden, der nachher sagen kann, er habe davon nichts gewusst.

Der französische UN-Botschafter Francois Delattre warnte am Mittwoch in Bezug auf die immer wahrscheinlicher werdende Eroberung von Ost-Aleppo: "Frankreich und seine internationalen Partner können nicht schweigen mit Blick auf das, was eines der schlimmsten Massaker an Zivilisten seit dem Zweiten Weltkrieg werden könnte."

Gleichzeitig wurde bekannt, dass in dem immer noch teilweise von Aufständischen gehaltenen Ostteil der Stadt Flugblätter verteilt wurden: "Das ist eure letzte Hoffnung ... Rettet euch selbst. Wenn ihr diese Gebiete nicht schnell verlasst, werdet ihr vernichtet. Wir haben euch Wege offen gelassen, damit ihr gehen könnt. Entscheidet euch schnell ... rettet euch.“

Massenmord mit Ankündigung

Es ist die Androhung eines Massenmords – auch an Zivilisten. Ihr wisst es. Es steht in den Zeitungen, es wird bei Facebook darüber gesprochen. Hey, dieser Krieg wird seit über fünf Jahren auf Youtube übertragen. Und auch im Fernsehen kann man dabei zusehen, wie ganze Landstriche Syriens im Chaos versinken. Es gibt kluge Texte, packende TV-Reportagen und auch ikonische Bilder - wie das des Jungen Omran, der blutüberströmt und staubbedeckt im Krankenwagen sitzt.

Nein: Wir dürfen uns nicht gelangweilt abwenden. Aber danach sieht es derzeit leider in Deutschland aus.

Was ist eigentlich mit der deutschen Linken los? Wo sind all die Demonstranten von der Friedensbewegung geblieben, die regelmäßig gegen kleinere und größere Schweinereien der Amerikaner auf die Straße gegangen sind? Wenn es einen Zeitpunkt gäbe, ein Zeichen gegen Krieg, Grausamkeiten und Unmenschlichkeit zu setzen, dann verdammt noch mal jetzt. Russland bombt Syrien bereits seit einem Jahr in die Steinzeit zurück. Genug Zeit zur Bewusstseinsbildung hat es seitdem allemal gegeben.

Doch mit den friedensbewegten Teilzeit-Pazifisten und ihren blauen Fahnen sollte man besser nicht mehr rechnen. Sie lassen sich eben nur dann mobilisieren, wenn ihr latenter Antiamerikanismus in irgendeiner Weise getriggert wird. Da können noch so viele Fassbomben auf Aleppo niedergehen: Das nächste Mal sehen sich Deutschlands Pazifisten wohl erst beim nächsten Ostermarsch – oder wenn Ken Jebsen zu einem neuen "Friedenswinter" aufruft.

Wer braucht noch die Friedensbewegung?

Es ist eine sehr traurige Erkenntnis, die sich aus der russischen Intervention in Syrien ergibt: Dass der Anti-Kriegs-Protest in Deutschland moralisch bankrott ist.

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Aber vielleicht brauchen wir die angestaubte Friedensbewegung auch gar nicht mehr. Womöglich wirken die Ostermärsche schon in einigen Jahren ähnlich krass aus der Zeit gefallen wie die Treffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Wichtiger wäre, dass sich die Menschen in diesem Land daran erinnern, was vor einem Jahr los war.

Der Herbst 2015 – das war die Zeit, in der die meisten eingesehen haben, dass Deutschland einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Noch Anfang 2015 galt der Syrien-Krieg im politischen Berlin als „vergessener Konflikt“ - de facto hat niemand darüber nachgedacht, was für Folgen es haben kann, wenn ein Land von 23 Millionen Einwohnern in völlige Anarchie abdriftet.

Wenige Monate später stiegen die Flüchtlingszahlen in Deutschland sprunghaft an - plötzlich klopfte eben jener Syrien-Krieg an unsere Tür. Insgesamt beantragten im Jahr 2015 fast 700.000 Menschen in Deutschland Asyl. Das Thema betraf nun alle von uns. Niemand konnte sich hinter seinem Jägerzaun verstecken, und behaupten, dass ihn dieser grausame Konflikt nichts anginge.

Syrien war uns mal sehr nah

Millionen von Deutschen halfen damals bei der Erstaufnahme und bei der Integration von Flüchtlingen. Es war eine der größten humanitären Volksbewegungen der jüngeren Historie. Die Helfer machten Bekanntschaft mit den Geschichten, die diese Menschen mit nach Deutschland brachten. Sie lernten schnell über den grausamen Krieg im Nahen Osten.

Dieses Interesse an Syrien war intensiv, aber nur sehr kurz. Seit dem Flüchtlings-Deal mit der Türkei ist die Zahl der Asylanträge drastisch eingebrochen. Wieder einmal versinkt Syrien in der Finsternis unserer nicht immer ganz lückenlosen Weltwahrnehmung.

Wir dürfen an dieser Stelle nicht Schluss machen. Denn was gerade in Aleppo passiert, ist nicht nur ein abscheuliches Verbrechen. Es geht uns direkt an, wie das syrische Regime mit seinen Bürgern umgeht. Vielleicht könnten neue Flüchtlingsbewegungen entstehen. Ganz sicher aber betrifft das Schicksal von Aleppo jene Hunderttausende, die wir in den vergangenen Jahren bei uns aufgenommen haben.

Es ist Ende 2016. Und wir können nicht mehr so tun, als ob uns die Welt dort draußen nichts mehr anginge. Das ist ein typisch deutsches Wunschdenken: Dass sich alle Probleme von allein lösen würden, wenn man nur die Augen fest genug schließt. Diese Form von Feigheit vor der Realität hat uns schon vor 2015 in den Irrtum geführt. Und sie wird es auch künftig wieder tun.

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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(ks)