POLITIK
22/04/2016 14:52 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 19:14 CEST

"Es war atemberaubend": Wie Merkels Flüchtlingspolitik den IS geschwächt hat

"Es war atemberaubend": Wie Merkels Politik die Rekrutierungspolitik des IS torpedierte
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"Es war atemberaubend": Wie Merkels Politik die Rekrutierungspolitik des IS torpedierte

  • Tausende junge Menschen in Deutschland sympathisieren mit dem extremen Islam

  • Terroristen setzen ihre Propaganda gezielt ein, um diese Teenager zu ködern

  • Allerdings gibt es Möglichkeiten, genau das zu verhindern

  • Eine Möglichkeit: Politik, wie Angela Merkel sie betrieben hat

Denis Cuspert war einer von ihnen. Ein Henker, ein Schlächter. Einer, der Deutschland verlassen hat, um Vorzeige-Terrorist im Reich des Islamischen Staates zu werden.

Die Geschichte des ehemaligen Rappers „Deso Dogg“ ist eine extreme – aber wie er radikalisieren sich Tausende in Deutschland. Junge Männer vor allem, die sich dem ultrakonservativen Islam, dem Salafismus, verbunden fühlen.

Der Verfassungsschutz geht aktuell davon aus, dass in Deutschland um die 8650 Salafisten leben, 1100 schätzt die Behörde als „islamistisch-terroristisch“ veranlagt ein. Ein gefundenes Fressen für die Rekrutierer des Islamischen Staates (IS). Und eine Gefahr auch für Deutschland und jedes andere Ziel der Terroristen.

Die Frage ist, wie man diesen Rattenfängern die Tour vermasseln kann.

"Die Reaktion war atemberaubend"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scheint das gelungen zu sein, wenn man der österreichischen Expertin Petra Ramsauer zuhört. Die Journalistin und Autorin beobachtet die Islamistenszene in Österreich seit Langem, hat Kontakte zu Freunden und Familien von IS-Anhängern.

Als Merkel im vergangenen Sommer explizit die Willkommenskultur für Flüchtlinge vertrat, sagt Ramsauer im Gespräch mit der Huffington Post, „waren für drei bis vier Wochen sämtliche Rekrutierungsmechanismen lahmgelegt“. Die Reaktion der gefährdeten Jugendlichen sei „atemberaubend“ gewesen. Merkels Geste sei die „mit Abstand effektivste und beste Deradikalisierungsmaßnahme“ gewesen, die sie je beobachtet habe.

Nach den Übergriffen von Köln, als in Deutschland die Angst und Ressentiments gegenüber Flüchtlingen wuchsen, sei die Rekrutierungstätigkeit „massiv“ intensiviert worden.

Warum Jugendliche die Terroristen super finden

Die Beobachtung passt zu den Theorien, die andere Experten aufgestellt haben. Denn die Terroristen nutzen die Gefühlswelt von Jugendlichen perfide für sich.

1. Den Wunsch nach Rebellion: Der Soziologe und Politikwissenschaftler Aladin El-Mafaalani hat beobachtet, dass Jugendliche die Symbole des konservativen Islam zur Provokation nutzen in einer Gesellschaft, in der es sonst wenige Möglichkeiten gibt, sich von der Elterngeneration abzugrenzen. „Eine Irokesenfrisur in den Siebzigern erzeugte Angst und offene Ablehnung. Das kann man auf Kopftuch, Burka und Schleier übertragen“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“.

2. Der Wunsch nach Anerkennung und Sinn: Die islamische Religionslehrerin und Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor schreibt in ihrem Buch „Zum Töten bereit“, wer besonders anfällig ist für die Salafisten: Jugendliche, die sich zu Hause nicht geborgen fühlen oder in der Gesellschaft nicht anerkannt – sei es, weil sie als Muslime ausgegrenzt werden oder aus einem ganz anderen Grund . Sie suchten nach Anerkennung und Sinn. Den die Salafistengemeinschaften vorgeben, zu liefern.

3. Der Wunsch nach Action: Eng mit dem Wunsch nach Anerkennung verbunden ist der Wunsch, sein Selbstwertgefühl aufzubessern, auch mit Gewalt, schreibt Kaddor. Alles, nur nicht Verlierer sein.

Der IS ködert seine Leute zielgruppengerecht

Die Terroristen haben ihre Rekrutierungstechniken mit perfider Akribie auf ihre Zielgruppen zugeschnitten. Ramsauer schreibt in ihrem Buch „Die Dschihad Generation“ über ein „Handbuch von der Kunst des perfekten Rekrutierens“. Die Mutterorganisation des IS, die Al-Kaida im Irak, hatte es schon 2009 herausgegeben. Es enthält unter anderem Tabellen zur Einstufung von Beitrittskandidaten.

Und seither haben die Terroristen ihre Taktik perfektioniert. Es gibt zielgruppenspezifische Anleitungen fürs Anwerben von Frauen, von Behinderten. Es gibt spezielle Propaganda für den Westen, erdacht vom Österreicher Mohamed Mahmoud, inszeniert von Cuspert. Die beiden deutschsprachigen Islamisten gelten als Vorreiter des „Pop-Dschihad“, der mit Mitteln der Jugendkultur – wie Raps – auf Menschenfang geht.

Wenn die Terroristen die Jugendlichen erstmal in ihre ideologischen Fänge bekommen haben, ist es schwierig, sie zu lösen. Kenner der Szene beschreiben das, was da passiert, als Gehirnwäsche.

Mit gutem gesellschaftlichem Klima gegen den Terror

Deswegen sehen die Experten als wichtigstes Instrument gegen die Radikalisierung die Prävention – auf vielen Ebenen.

Politisch scheint Merkels Kurs genau der Richtige gewesen zu sein. Zumindest für eine kurze Zeit.

Erstens, weil klar wurde, dass es um die Menschen selbst ging, nicht um die religiösen Etiketten, die man ihnen aufklebte. Es ging um Wertschätzung, um Anerkennung.

Zweitens, weil Merkel zeigte, dass sie sich ein gutes Zusammenleben der Religionen wünschte. Der französische Journalist Nicolas Hénin war einst Geisel des IS – und beschrieb in Interviews eindringlich, dass der IS vor allem eines fürchtete: den Zusammenhalt zwischen dem Westen und den Muslimen.

Wer keine Ahnung vom Islam hat, dem können Radikale alles erzählen

Kaddor wünscht sich außerdem von der deutschen Schulpolitik wie auch von den muslimischen Verbänden eine bessere religiöse Bildung der Jugendlichen. Sie hat ebenso wie etwa der Islamwissenschaftler Thomas Volk beobachtet, dass die meisten Terroristen „religiöse Analphabeten“ sind.

"Viele können kein Arabisch, die meisten reißen islamische Schriften aus ihrem zeitlichen und örtlichen Entstehungskontext“, sagte er kürzlich in der Talkshow „Hart aber fair“. Damit haben sie den Radikalen argumentativ nichts entgegenzusetzen. Und wenn sie dann schon geködert sind, ist die Zeit fürs Diskutieren längst vorbei.

Terroristen arbeiten mit modernster Technik

Der Politologe Asiem El-Difraoui, einer der wichtigsten deutschsprachigen Experten auf dem Gebiet des Internet-Dschihad, nannte auch schulische Aufklärung über das Thema begrüßenswert. So etwas bietet in Deutschland etwa das "Violence Prevention Network" an.

Ramsauer warnt in dem Zusammenhang allerdings davor, dass Jugendliche erst durch konkrete Auseinandersetzung mit dem Thema zu den Terroristen finden könnten. Sie erzählt von einem Fall, in dem ein eigentlich kritisch eingestellter Jugendlicher radikal wurde. Die Propaganda-Spezialisten nutzen unter anderem Cookies, um Kontakt zu Jugendlichen aufzunehmen, die einmal auf ihren Seiten surften.

Beratungsstelle für verzweifelte Eltern

Kaddor sieht allerdings an erster Stelle die Familien in der Pflicht. Sie sind es, die sich um ihre Kinder kümmern müssen. Werte vermitteln müssen. Erkennen müssen, wenn Kinder abgleiten.

Hilfe finden die Eltern inzwischen deutschlandweit. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat eine zentrale Hotline geschaltet, an die sich jeder wenden kann. Das Bamf vermittelt dann an örtliche Beratungsstellen weiter.

Die Bamf-Hotline ist gefragt. Der Chef der Beratungsstelle, Florian Endres, sagte im Januar im Gespräch mit dem Portal „jetzt.de“: „Vor den Anschlägen in Paris riefen hier 15 Leute pro Woche an. In den Wochen danach waren es 15 pro Tag.“

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(lk)