POLITIK
22/04/2016 17:51 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 17:53 CEST

Wie sich Markus Söder zum Ministerpräsidenten hetzt: Auf dem Weg nach oben tritt der CSU-Star nach unten

Wie sich CSU-Politiker Markus Söder zum Ministerpräsidenten hetzt
dpa
Wie sich CSU-Politiker Markus Söder zum Ministerpräsidenten hetzt

Muss man wohl so machen, dachte sich Markus Söder offenbar. Und hetzte gegen Jugendliche, die ohne Eltern nach Deutschland geflüchtet sind: „Nicht jeder minderjährige Flüchtling ist traumatisiert“, sagte er der „Welt“, und: „Es kann nicht sein, dass am Ende ein deutscher Rentner weniger vom Staat erhält, als ein unbegleiteter Jugendlicher kostet.“

Markus Söder hat einen Plan.

Nicht der Finanzminister Bayerns spricht aus ihm, sondern der Anwärter auf den Job vom Big Boss. Den CSU-Politiker quälen nicht Kosten und die Frage, wie er das Geld dafür nur auftreiben soll – sondern nur der Gedanke: Wie werde ich Ministerpräsident? Dem ordnet Markus Söder vieles unter; die jungen Leute aus anderen Ländern jedenfalls locker.

Das schürt nicht nur Stimmung gegen sie, sondern auch für ihn. In seiner Karriereplanung soll ihn das voranbringen. Und sein Kalkül, so sieht es bisher aus, geht auf. Zumindest gibt es einige Randgruppen, die er als Stufen für seinen Weg nach oben nutzt. Denn er meint für eine Mehrheit zu sprechen, und stets gegen eine Minderheit. Von ersterer will er gewählt werden, die umgarnt er mit dem Schüren schlechter Gefühle. Letztere ist ihm egal.

Seine Behauptungen ähneln einem Kartenhaus, das beim bloßen Anblick in sich zusammenfällt.

Hier drei Beispiele, wie so ein Herumsödern funktioniert.

Beispiel Nummer Eins: Das Ding mit der Kohle

Niemand hat behauptet, dass jeder minderjährige Flüchtling traumatisiert ist. Vielmehr stimmt, dass viele von ihnen traumatisiert sind – und dass sogar das Gegenteil wahr ist: Die notwendige psychotherapeutische Hilfe läuft für sie an, aber längst nicht schnell genug und auch nicht für alle, die sie brauchen.

Dies ist auch kein Wunder, denn diese Aufgabe ist ein großer Kraftakt für Behörden, Krankenkassen und Therapeuten. Dort wird gerade viel geleistet – und es muss noch mehr sein. Denn viele der jungen Menschen, die zu uns kommen, haben erlebt, was wir im Fernsehen wegklicken, wenn wir ruhig einschlafen wollen.

Ist das so schwer zu kapieren?

Ihnen muss jetzt geholfen werden, damit sie ihr Leben gut angehen. Das ist gut für sie und für alle. Du meine Güte, ist das so schwer zu verstehen?

Noch heute laufen Hipster in Deutschland zum Therapeuten, weil sie über die Kriegstraumatisierung ihrer Großeltern indirekt „Psychopakete“ erhalten haben, an denen sie schwer schleppen. Wie ergeht es dann den „Flüchtlingen“?

Söder aber sucht nur nach einer Chance zum lässigen Tritt. Und er findet den deutschen Rentner.

Er wird nicht einmal rot, wenn er uns für dumm verkaufen will: Mal angenommen, die psychosoziale Hilfe für diese Jungen würde zusammengestrichen – würde der deutsche Rentner an und für sich dann mehr aus der Staatsschatulle erhalten? Natürlich nicht.

Jeder hat in Deutschland seinen Platz

Markus Söder will nur aufhetzen. Ihn scheint der Gedanke zu gefallen, dass Leute meinen: Ich kriege wenigstens mehr als DIE. Denn DIE sind ja auch, naja, ihr wisst schon. Jeder hat in Deutschland seinen Platz.

Beispiel Nummer Zwei: Stop & Go

Apropos Plätze. Was Söder seit Wochen auch beschwört, ist seine Warnung vor „No-Go-Areas“. Die sieht er am Firmament wie schwarze Löcher. Das Gerede von diesen „Arealen“ ist auch ein prima Mittel, sich in Szene zu setzen – denn damit bedient man die Ängste. Und wir lieben es, Angst zu haben.

Erst am Montagabend wieder rollte Markus Söder die Augen und gab bei „Hart aber fair“ den Propheten, warnte vor der Blauäugigkeit unbegrenzter Zuwanderung und, naja, ihr wisst schon – „No-Go-Areas“.

Gestern Abend war ich in solch einer „No-Go-Area“. Sogar in einer erster Klasse, sozusagen. Selbst die „New York Times“ hat schon darüber berichtet: das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg, genannt „Kotti“.

Ich wollte mir mal diese gefährliche Gegend anschauen.

Als ich um kurz nach sieben Uhr ankam, sah ich gleich fünf, sechs Polizisten, die eine junge Frau umringten, ihr etwas zuriefen, sie warnten. Die Frau grüßte ironisch per Kusshand zurück.

Dann waren die Polizisten weg. Für über vier Stunden.

Währenddessen versuchte sich die junge Frau, eine Araberin, womöglich Nordafrikanerin, im Diebstahl. Mal allein, mal durch Antanzen mit zwei, drei Helfern. Hatte, wie ich meine, keinen Erfolg. Ansonsten blieb es auf dem gesamten Kotti während dieser vier Stunden ruhig. Keine Randale, keine Beschimpfung.

Um kurz nach elf tauchte wieder ein Mannschaftswagen der Polizei auf. Fünf Beamte stiegen gemächlich aus dem Wagen, verschwanden in der U-Bahn. Dort nahmen sie innerhalb weniger Sekunden einen Dealer hoch, aber der hatte nur eine fingergroße Platte Haschisch dabei. Den nahmen sie trotzdem mit. Und fuhren wieder weg.

Klar: Der Kotti ist eine sehr problematische Gegend. Viel Kriminalität. Aber keine „No-Go-Area“. Nur ein, zwei Polizisten sollte man dort positionieren. Dauerhaft. Schnellschüsse helfen da nicht weiter.

Beispiel Nummer Drei: Terror geht immer

Das führt zu einem weiteren Klassiker aus Söders Repertoire. Als Paris im November 2015 von Terrorangriffen der Schergen vom „Islamischen Staat“ (IS) erschüttert wurde, mit 130 Toten und 352 Verletzten, da griff Söder zum Handy und verfuhr nach dem Prinzip: Hauptsache Präsenz, zur Not auch schlechte.

Er twitterte: „#ParisAttacks ändert alles. Wir dürfen keine illegale und unkontrollierte Zuwanderung zulassen.“ Zu dem Zeitpunkt war natürlich vollkommen unklar, ob die Täter mit der jüngsten Zuwanderung ins Land gekommen waren. Den bayerischen Finanzminister, eben ein echter Allrounder, störte das nicht.

Er nutzte den Schock, die Trauer und die Angst für eine politische Botschaft. Die hatte mit den Angriffen, wie sich später herausstelle nichts zu tun: Elf Täter wurden von der Polizei identifiziert. Neun von ihnen waren in Frankreich oder in Belgien geboren.

Aber da war Söders Karawane schon weitergezogen. Mit Herumsödern kommt man also zum Erfolg.

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(sk/lk)