POLITIK
22/04/2016 08:56 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 12:46 CEST

"Mir schaffet des": Diese Großstadt zeigt, wie Integration in ganz Deutschland funktionieren kann

Konigstrasse shopping street in Stuttgart
Werner Dieterich via Getty Images
Konigstrasse shopping street in Stuttgart

  • Fast jeder zweite Stuttgarter hat einen Migrationshintergrund

  • Die Stadt lässt sich Integration viel kosten - von den Ergebnissen kann Deutschland lernen

"Mir schaffet des", so klingt es, wenn Fritz Kuhn den berühmtem Merkel-Satz auf Schwäbisch sagt. Kuhn ist Grüner und Oberbürgermeister von Stuttgart - und tatsächlich: Kuhn hat im Kleinen geschafft, was Deutschland im Großen im Zuge der Flüchtlingskrise noch bevor steht: die Integration einer großen Zahl von Zuwanderern.

Das liegt auch daran, dass die Stuttgarter schon seit Jahrzehnten Integration-Champions sind, von denen der Rest von Deutschland noch etwas lernen kann.

Viele Deutsche stellen sich - seit eine Millionen Migranten im vergangenen Jahr nach Deutschland kamen - die Frage: Wie integrieren wir die Neuankömmlinge, damit sie ein eigenständiges Leben in Deutschland führen können und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen?

Fast jeder Zweite hat Migrationshintergrund

In Stuttgart leben etwas mehr als 600.000 Menschen, 42 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund. Ähnlich hoch ist der Anteil in einer vergleichbar großen Stadt nur in Frankfurt am Main.

Die Unesco hat die Stuttgarter für die Integrationsarbeit schon genauso ausgezeichnet wie das Bundesinnenministerium. Auch für den “Gemeinschaftsgeist”, den die Juroren dort ausmachen.

Trotz der Auszeichnungen hat in Deutschland aber kaum jemand mitbekommen, wie gut die Stuttgarter bei der Integration sind.

Ein Zeichen, wie gut die Integration klappt: Stuttgart hat eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote unter Ausländern von neun Prozent - zum Vergleich: In Köln liegt sie bei rund 20 Prozent, ebenso wie in Berlin.. Außerdem ist die Kriminalitätsrate extrem niedrig.

Nun kann man einwenden, dass es Stuttgart ja besonders leicht gehabt haben muss - die Stadt und das Umland ist reich, hier sind Weltunternehmen wie Bosch, Daimler und Porsche zu Hause, außerdem gibt es zahlreiche Hidden-Champions, also Mittelständler, die Weltmarktführer sind. Die Arbeitslosenquote ist besonders niedrig, die Kriminalitätsrate ist gering.

Integration ist nicht nur eine Frage des Geldes

An den Argumenten ist tatsächlich etwas dran.

Denn Integration ist teuer, Stuttgart hat dafür extra eine Stabstelle im Bürgermeisteramt eingerichtet, die laut Haushalt eine Million Euro pro Jahr kostet.

Außerdem gibt Stuttgart mehr als 540 Millionen Euro für Jugendarbeit aus. Darunter sind nicht nur Migranten, aber sie profitieren besonders von Sprachkursen und interkulturellen Angeboten.

Aber es wäre zu einfach, Integration nur als Frage des Geldes zu sehen.

So engagieren sich Tausende Stuttgarter ehrenamtlich - sie lesen Kindern im Kindergarten vor oder helfen Schülern beim Lernen. Sie gründen auch Startups wie "Wow", das Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund den Weg in den Job ebnet - und kürzlich von einer UN-Stiftung mit 20.000 Euro Preisgeld ausgezeichnet wurde.Oder das großartige Projekt des Vereins "Zuflucht Kultur", das Profimusiker gemeinsam mit Flüchtlingen auf die Bühne bringt und so deren Leben verändert.

Wer den Erfolg von Stuttgart verstehen will, muss zurückschauen. 2001 - Deutschland war damals noch lange nicht so weit, sich als Einwanderungsland zu sehen - erklärte der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Schuster Integration zum Thema Nummer eins. Damals schuf er das “Bündnis für Integration”.

Aber schon in den 80ern stellte die Stadt wichtige Weichen. Damals rechnete man noch damit, dass die Gastarbeiter Deutschland irgendwann wieder verlassen würden. An Integration wollte keiner denken, in Städten wie Köln und Berlin entstanden Ausländerghettos für die Arbeiter. Möglichst nah an den Fabriken, abgeschnitten vom deutschen Alltag.

Integration ist eine zähe Angelegenheit

In Stuttgart aber ging der damalige CDU-Bürgermeister Manfred Rommel einen anderen Weg. Er ernannte einen Ausländerbeauftragten und einen der ersten Ausländerausschüsse überhaupt. Statt Ausländer in abgeschotteten Viertel unterzubringen, gab er die Devise aus, möglichst gut durchzumischen.

Im Stadtbezirk mit dem niedrigsten Migrantenanteil ist so heute immer noch jeder Vierte nicht deutsch. Der innere Stadtbezirk hat sogar einen Ausländeranteil von 40 Prozent. Zum Vergleich: Im Westen von Berlin gibt es einige Bezirke mit einem Migrantenanteil von unter 20 Prozent.

Sicher: Auch andere Städte wie München haben der Ghettobildung vorgebeugt und die Stadtviertel durchmischt. Und auch in Stuttgart ist Integration eine zähe Angelegenheit, was sich in der aktuellen Flüchtlingswelle besonders bemerkbar macht.

Es gibt Geschichten von Geflüchteten, die in Syrien Arzt oder Ingenieure waren, in Stuttgart aber erstmal ein Praktikum machen müssen. Sie müssen die Sprache neu lernen. Es wird Jahre dauern, bis sie in Deutschland ihren Beruf ausüben können, was aber immer noch besser ist, als von Hartz IV zu leben.

In Stuttgart ist etwa jeder vierte Flüchtling erwerbsfähig - kann also theoretisch einer Arbeit nachgehen, berichtet die “Stuttgarter Zeitung”. Jeder zweite von ihnen bezieht Hartz IV und wird vom Jobcenter betreut. Weil der Andrang so groß ist, will die Stadt bis Ende des Jahres im Notfall von drei Bearbeitern bis auf 75 Personen aufstocken. Sie sollen Sprachkurse organisieren, sie leisten Hilfe bei der Anerkennung der Abschlüsse und vermitteln Flüchtlinge an Unternehmen.

Eines dieser Unternehmen ist Daimler. Im September kündigte Konzernchef Dieter Zetsche als einer der ersten Dax-Manager an, sich besonders für Flüchtlinge zu engagieren. Daimler - dieser Name hat Strahlkraft bis nach Aleppo. Wer sich von dort auf den Weg bis nach Deutschland mache, der komme nicht für Sozialleistungen, sondern, um etwas aufzubauen, sagte Zetsche. Die Flüchtlinge könnten helfen, ein zweites deutsches Wirtschaftswunder zu starten.

Die Zahlen sind ernüchternd

Die Zahlen sind für einen Weltkonzern bislang ernüchternd, aber immerhin. Im November starteten 40 Flüchtlinge ein sogenanntes Brückenpraktikum, im April erneut etwas mehr als 40. Sie arbeiten in der Lackierei, in der Montage und im Einkauf.

Die formalen Hürden für eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis seien enorm, Flüchtlinge müssten teils Monate darauf warten, zitiert “Spiegel Online” eine Konzernsprecherin.

Es sind solche Probleme, die erahnen lassen, welch gewaltige Integrationsaufgabe Deutschland in den kommenden Jahren noch bevorsteht. Wer glaubt, dass Integration einfach ist, täuscht sich gewaltig. Wer aber glaubt, dass Deutschland daran scheitert, der ist zu voreilig - großartige Beispiele wie in Stuttgart gibt es auch anderswo, etwa in Berlin, Passau und München.

Und sie alle machen Mut, dass Deutschland das tatsächlich schaffen kann.

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