POLITIK
22/04/2016 06:03 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 13:23 CEST

Kinder und Jugendliche müssen in Deutschland viel zu lange auf Therapieplätze warten

Little girl sitting on a hospital bed with her Teddy Bear by her side looking towards a window.
Portra Images via Getty Images
Little girl sitting on a hospital bed with her Teddy Bear by her side looking towards a window.

  • Kinder und Jugendliche müssen sehr lange auf eine psychische Behandlung warten

  • Durch die Flüchtlingskrise verschärft sich die Situation

  • Manchen traumatisierten Flüchtlingskindern wird die nötige Behandlung verweigert

Es war nur eine kleine Meldung. In den meisten bayerischen Zeitungen schaffte sie es nur auf eine hintere Seite. Dabei ging es um eine Nachricht, die Deutschland wachrütteln sollte:

Immer mehr Kinder und Jugendliche im südlichsten Bundesland brauchen nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums psychotherapeutische oder psychiatrische Hilfe. Und der Freistaat liegt damit im bundesweiten Trend: Verlaufsstudien belegen, dass bundesweit gut ein Fünftel aller Heranwachsenden psychische Auffälligkeiten zeigen. Jeder zehnte Sieben- bis 17-Jährige in Deutschland leidet an einer psychischen Störung.

Möglich ist zwar, dass nicht die Zahl der psychisch kranken Kinder zugenommen hat, sondern die Ärzte und Eltern psychische Erkrankungen einfach häufiger diagnostizieren, wovon viele Experten ausgehen - doch klar ist: Viele Tausend Kinder hierzulande brauchen professionelle Hilfe.

Oft sind es Depressionen manchmal sogar Suchterkrankungen, mit denen schon die Jüngsten hierzulande zunehmend zu kämpfen haben. Bereits Vorschulkinder sind den Studien zufolge zu gut einem Prozent von Depressionen betroffen, Schulkinder zu zwei bis drei Prozent.

Erwachsene müssen ein halbes Jahr lang auf einen Platz warten

In vielen Bundesländern müssen Kinder und Jugendliche sehr lange auf die nötige Therapie warten. In den großen Bundesländern wie Bayern und Nordrhein-Westfalen häuften sich zuletzt Berichte über teils exorbitante Wartezeiten. Sogar selbstmordgefährdete Jugendliche sollen in Einzelfällen offenbar nicht immer sofort einen Therapieplatz bekommen.

Bereits 2012 hatte die Psychotherapeuten-Kammer NRW öffentlich von einem „Skandal“ gesprochen. Vier Monate mussten damals Kinder und Jugendliche in Westfalen-Lippe auf ein Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten warten.

Aktuelle Zahlen, wie lange die Wartezeiten für Kinder auf einen Therapieplatz sind, existieren nicht. Doch diese dürften Praktikern zufolge nicht viel geringer sein als bei Erwachsenen.

Drei Monate mussten Erwachsene mit seelischen Leiden hierzulande im Jahr 2011 durchschnittlich warten, bis sie zum ersten Mal mit einem Fachmann sprechen konnten. Noch einmal drei Monate dauert es dann noch bis zum tatsächlichen Beginn der Therapie. Das hatte damals eine Umfrage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) unter 9000 Therapeuten ergeben.

Die „Zeit“ war 2014 bei einer Befragung unter Tausenden Menschen mit psychischen Leiden zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Jeder Dritte gab an, er habe mehr als ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten müssen.

Und die Wartezeiten für Psychotherapeuthen dürften in den vergangenen Monaten sogar noch länger geworden sein. Der Grund: Geschätzt mehrere hunderttausend minderjährige Flüchtlinge kamen seit vergangenem Sommer nach Deutschland.

Jeder dritte minderjährige syrische Flüchtlinge traumatisiert

Eine Studie der TU München ergab zum Beispiel, dass jedes dritte geflohene Kind aus Syrien unter psychischen Störungen leidet und auch die Kinder aus afrikanischen und arabischen Ländern posttraumatische Belastungsstörungen von der monatelangen Flucht haben.

Die Grünen hatten bereits 2014, also lange vor der Flüchtlingskrise, als „verantwortungslos“ kritisiert, dass die Bundesregierung nicht noch größere Anstrengung zur Behebung des Therapeutenmangels unternehme. Aufgrund der vielen hinzugekommen therapiebedürftigen Flüchtlinge könnte sich auch die Situation für die einheimischen Heranwachsenden in manchen Regionen auf einen Therapieplatz oder gar einen Platz in einer Therapieeinrichtung bald weiter verschlechtern.

Denn sind Flüchtlinge erst einmal anerkannt, haben sie zurecht prinzipiell dasselbe Anrecht auf einen Therapieplatz und eine ausreichende Behandlung wie Einheimische auch. Zudem werden nicht wenige nach Deutschland gekommene unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in betreuten psychiatrischen Einrichtungen untergebracht - oft aus Sorge, dass sie sich etwas antun könnten.

Die entsprechenden medizinischen Einrichtungen arbeiten vielerorts in der Republik bereits am Limit. So etwa die Heckscher-Klinik in München. Sie ist eine der größten Kinder- und Jugendpsychiatrien deutschlandweit.

Rund jeder sechste Patient, der dort derzeit aufgenommen wird, ist einem Bericht der "Welt" zufolge ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – Tendenz steigend. 2014 wurden im Akutbereich 81 stationär aufgenommen, 2015 waren es mit 156 fast doppelt so viele.

Die Januarzahlen 2016 deuten auf eine erneute hohe Steigerung hin. Die Heckscher-Klinik war zuletzt laut „Welt“ um 120 Prozent überbelegt.

Die Versorgung minderjähriger Flüchtlinge mit den nötigen Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten ist aus Sicht von Kerstin Sude, stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV), schlicht „beschämend“. Auf Anfrage der Huffington Post sagt die Expertin: „Die Lage in Deutschland für traumatisierte Kinder und Jugendliche ist extrem schwierig.“

In den bundesweit 23 psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer stünden aktuell etwa 1000 Flüchtlinge auf der Warteliste. Das größte Problem seien jedoch fehlende Dolmetscher. Der Verband fordert neben mehr finanziellen Mitteln für die Einrichtungen auch die Schaffung „flexibler Strukturen“.

Ein generelles Problem: Minderjährige Flüchtlinge haben während ihres Anerkennungsverfahrens nur einen Anspruch auf Behandlungen akuter Erkrankungen und Schmerzen. Alles, was darüber hinausgeht - etwa Therapien für Traumatisierte - liegt im Ermessen der kommunalen Behörden.

Flüchtlinge oft vom Wohlwollen der Behörden abhängig

Vielerorts bekommen sie die nötige medizinische Behandlung schlicht nicht. Hilfsverbände kritisieren, dass die Zuwanderer dadurch vom Wohlwollen der Ämter abhängig sind. Flüchtlinge, die seit mehr als 15 Monaten in Deutschland sind, können dann immerhin über die gesetzliche Krankenversicherung eine Psychotherapie bekommen.

In den vergangenen Monaten stieg der in psychiatrischen Einrichtungen stationär untergebrachten Kinder offenbar noch einmal an – ebenso die Nachfrage nach Therapieplätzen.

Während manche einen generellen Mangel an Kinder- und Jugendpsychologen sehen, gibt es nach Einschätzung der DPtV-Vorsitzende Barbara Lubisch „ausreichend Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten“, wenn man auch die Kollegen ohne Kassen-Zulassung hinzurechne. „Es gibt aber einen Mangel an Regelungen, wie die Versorgung organisiert und vergütet werden kann“, ist sie überzeugt.

Bis die Politik handelt könnte es freilich noch dauern – fraglich jedoch, ob jedes psychisch kranke Kind noch so lange Zeit hat.

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(sk)