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21/04/2016 07:34 CEST | Aktualisiert 18/05/2016 12:16 CEST

Eine Zukunft für Millionen syrischer Kinder

Save the Children

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Man muss sich nur ein wenig am Strand der griechischen Insel Lesbos aufhalten, um die enormen Ausmaße der Flüchtlingskrise, die Europa gegenwärtig überrollt, und die Gefahren, denen viele Flüchtlinge ausgesetzt sind (darunter viele Mütter mit Kindern) zu verstehen.

An einem durchschnittlichen Tag zählten die Mitarbeiter unserer Organisation Save the Children alleine 22 kleine Schlauchboote, die innerhalb von nur fünf Stunden die Insel erreichten. An Bord waren Menschen im Alter von drei Monaten bis 76 Jahren.

Es waren keine griechischen Behördenmitarbeiter vor Ort, deshalb sorgten die vielen freiwillige Helfer um die Menschen, darunter auch die freiwilligen Mitarbeiter von Save the Children. Sie kümmerten sich um die Flüchtlinge und begleiteten sie zur Registrierung.

Die Zahlen der in Griechenland ankommenden Menschen sind enorm

Von 40.000 im letzten Jahr auf 580.000 alleine in diesem Jahr. In einem Zeitraum von fünf Tagen im letzten Monat erreichten 48.000 Menschen die Insel. Das sind fast 5000 pro Tag.

Vor Kurzem bin ich an die Nordküste der Insel Lesbos gereist und habe mit einigen Flüchtlingsfamilien gesprochen, die per Boot auf die Insel kamen. Ich traf eine Frau aus Syrien, die mit zwei kleinen Kindern und ihren beiden Brüdern unterwegs war. Ihr Mann ist noch in Syrien und hofft darauf, sie zu einem späteren Zeitpunkt wiederzusehen.

Wir halfen ihnen, das Boot an Land zu ziehen. Sie sagte mir, sie könne gar nicht glauben, dass sie noch am Leben waren. Sie war völlig unterkühlt und wurde von ihren Gefühlen überwältigt. Sie zitterte am ganzen Körper. Wir wickelten sie in eine Decke und einer unserer Mitarbeiter bot ihr seinen Schal an. Langsam, als wir begannen warme Kleidung für die Kinder zu suchen, hörte sie auf zu zittern und begann sogar leicht zu lächeln. Ihre Tochter zeigte stolz ihre warme Jacke herum.

Ich besuchte auch zwei inoffizielle Camps außerhalb der Inselhauptstadt Mytilene, wo sich die Flüchtlinge registrieren müssen, bevor sie ihre weitere Reise antreten. Ein Camp war ursprünglich für Flüchtlinge aus Syrien, ein anderes Camp für Flüchtlinge aller anderen Nationalitäten, die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan.

Unsere Mitarbeiter trafen viele Jugendliche, die alleine geflüchtet waren. Ein Junge aus Syrien war mit einer Gruppe auf der Reise, zu der auch vier andere Jungen gehörten. Sie versuchten nach Deutschland zu kommen, wo ein Bruder der Jungen lebte.

Zehntausende Jugendliche auf der Flucht

Niemand kann genau sagen, wie viele Jugendliche alleine auf der Flucht sind. Schätzungen zufolge liegt die Zahl in den Zehntausenden und wächst stetig. Zahlen der serbischen Regierung zum Beispiel zeigen, dass eines von vier Kindern, die in den letzten Monaten in Serbien ankamen, ohne Begleitung unterwegs war.

Während die internationale Gemeinschaft sich noch schwer tut, eine Lösung für den Konflikt in Syrien zu finden, der jetzt bereits fünf Jahre andauert und für den kein Ende in Sicht ist, wächst die Zahl verzweifelter Menschen aus Syrien weiter an. Vier Millionen haben das Land bereits verlassen und über sieben Millionen waren gezwungen, ihre Heimat in Syrien zu verlassen, sie blieben aber im Land.

Fast drei Millionen syrischer Kinder gehen nicht zur Schule, dazu zählen auch die, die in Nachbarländer geflohen sind. "Man muss sich nur einmal vorstellen, was es für die Zukunft Amerikas bedeuten würde, wenn alle Schulen der vier der größten Städte des Landes, New York, Chicago und Los Angeles, auf einmal geschlossen würden und es auch blieben", sagte US-Außenminister John Kerry vergangene Woche.

Schulen gehören zu den öffentlichen Einrichtungen, die komplett zerstört sind. Mehr als 4000 Angriffe auf Schulen gab es seit 2011 in Syrien, so die Vereinten Nationen. Währenddessen kommen auch zwei Nachbarländer Syriens, Jordanien und der Libanon, an ihre Grenzen, was die Flüchtlingshilfe betrifft.

Was können wir tun? Save the Children hat sich anderen großen Hilfsorganisationen angeschlossen, und Regierungen dazu aufgerufen, neue Hilfsabkommen für Flüchtlinge abzuschließen.

Wir müssen die Region stärker unterstützen

Mit Lebensmittelhilfen, Beschäftigung, medizinischer Hilfe und Bildungsangeboten, so dass weniger Menschen sich gezwungen sehen, aus der Region zu fliehen und damit auch den Flüchtlingsstrom nach Europa zu reduzieren. Zudem müssen wir die Beschränkungen für Flüchtlinge lockern, so dass sie nicht weiter in der Luft hängen - immer in Angst vor Abschiebung und Verhaftung.

Wir müssen uns auch auf die Kinder konzentrieren. Weitere Schritte sind nötig, um sicherzustellen, dass Kinder geschützt werden und zur Schule gehen können. Sonst erschaffen wir eine verlorene Generation syrischer Kinder. Jetzt in Schutz und Bildung für diese Kinder zu investieren, kann enorme Dividenden ausschütten, wenn der Krieg beendet ist und die Wiederaufbauarbeiten beginnen.

In den letzten Monaten gab es immer mehr Hilfe für Flüchtlinge von Einzelpersonen oder Unternehmen. Anfang September führte ein weltweit veröffentlichtes Foto eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen an einem türkischen Strand dazu, dass die Menschen die Flüchtlingskrise als eine humanitäre Katastrophe sahen, von der tausende unschuldiger Kinder und ihre Familien betroffen sind.

Unsere Langzeitpartner, z.B. Johnson & Johnson, haben ihre Unterstützung für Flüchtlingskinder noch einmal verstärkt.

Mit den Anschlägen von Paris stehen wir jetzt vor einer schweren Wahl. Unsere Gedanken sind natürlich bei all den Familien in aller Welt, die durch die barbarischen Anschläge vom 13. November 2015 geliebte Menschen verloren haben.

Aber wir können die Menschen aus Syrien, die vor Tod und Zerstörung in ihrem Land flüchten, nicht im Stich lassen. Wir müssen auch weiterhin in Syrien und den Nachbarländern humanitäre Hilfe leisten. Damit helfen wir nicht nur den hunderttausenden Familien, die aus Syrien geflohen sind, sondern bieten Millionen syrischer Kinder auch eine Zukunftsperspektive.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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