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21/04/2016 06:30 CEST | Aktualisiert 18/05/2016 12:16 CEST

Flüchtlingskinder: Wir schaffen eine verlorene Generation

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"Wie ein Lichtschalter, der angeknipst wurde"

"Mein Vater hat mir gesagt, dass Bildung das Wichtigste ist und dann wurde er in Syrien verhaftet. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen. Für ihn gehe ich weiter zur Schule und möchte Lehrerin werden", erzählte mir ein 10-jähriges syrisches Mädchen aus Homs.

Momente wie diese machen mich sehr nachdenklich. Das junge Mädchen versprüht wie die anderen syrischen Kinder, die ich gesprochen habe, große Begeisterung für Bildung, ihr Blick in ihre Zukunft ist geprägt von sehnsüchtigen Träumen und klaren Zielen. Und das, obwohl diese Kinder so viele schlimme Dinge durchgemacht haben, die wir uns in Europa nur schwer vorstellen können.

Gesprochen habe ich mit dem Mädchen im Bekaa Tal im Osten Libanons, wenige Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Über eine Million syrische Flüchtlinge, davon hunderttausende Kinder, leben zum Teil seit Jahren in Zelten und unfertigen Häusern, denn im Libanon gibt es keine Flüchtlingslager.

Fast 30 Prozent der Bevölkerung des kleinen Landes sind Flüchtlinge. Seit Anfang 2015 hat der Libanon die Grenzen zu Syrien geschlossen und begrenzt die Arbeitsmöglichkeiten der Erwachsenen Flüchtlinge drastisch. Es gibt daher tausende Fälle von Kinderarbeit, bei der Ernte und auf den Straßen von Beirut.

Junge Mädchen werden frühverheiratet, weil die Familien nicht mehr für sie aufkommen können. An den Baustellen unterwegs sieht man kleine Jungen mit Schippen in Gräben arbeiten. Ihre Gesichtsausdrücke verraten, dass sie schon lange nicht mehr Kinder sein durften.

Obwohl der Libanon große Anstrengungen unternimmt, lassen die Umstände den lebensgefährlichen Weg nach Europa für viele zur einzigen Zukunftsperspektive werden.

Mehr als die Hälfte der Flüchtlingskinder gehen nicht zur Schule

Das kleine Land Libanon hat es auch mit internationaler Hilfe geschafft, flüchtende Kinder und ihre Familien zu beherbergen und mit dem Nötigsten wie Zelten und Decken auszustatten. Eine der größten Herausforderungen für die über 1.4 Millionen Kinderflüchtlinge, die im Libanon und den anderen Ländern um Syrien leben, bleibt Bildung aber ein Traum: Über die Hälfte von ihnen kann nicht zur Schule gehen.

Und das zum Teil schon seit Jahren. Diese Jahre sind nur schwer wieder aufzuholen und Save the Children und andere Organisationen warnen davor, dass sich daraus eine verlorene Generation entwickelt.

Kinder, die jahrelang nicht zur Schule gehen, die in Armut aufwachsen und in den Aufnahmeländern diskriminiert werden, fallen leichter den Versprechungen von Fundamentalisten zum Opfer.

Auch werden sie es schwer haben, ihr Heimatland wieder mit aufzubauen, wenn der schreckliche Krieg vorbei sein wird. Im Libanon haben wir daher unseren Schwerpunkt auf Bildung gelegt, um das aus allen Nähten platzende Bildungssystem zu stützen.

Neben der Unterstützung von libanesischen Schulen und Lehrern sind wir besonders im Bereich der frühkindlichen Bildung tätig und haben Kindergärten und kinderfreundliche Räume aufgebaut. Dort lernen und spielen Kinder angeleitet von syrischen Freiwilligen und unseren ausgebildeten Kollegen, oft in unfertigen Häusern, die notdürftig ausgebaut wurden.

Die Versorgung reicht nicht aus

In einem solchen Haus zwischen Zelten mitten auf einem abgelegenen Acker besuchen wir einen unserer Kindergärten. Er wurde erst eine Woche zuvor eröffnet und ist schon voll besetzt mit 3 bis 6-jährigen syrischen Kindern aus der Umgebung.

Ein Blick in die Klassen zeigt, wie hungrig die Jungen und Mädchen auf spielerische Bildung sind. Viele von ihnen sind in ihrem Eifer nicht zu stoppen und melden sich ununterbrochen auf die Fragen des syrischen Lehrers. Auf mich wirkt die Szene, als hätte jemand den Lichtschalter angeknipst.

Die Versorgung von flüchtenden Kindern und ihren Familien mit Zelten und Decken ist unbenommen wichtig. Aber sie reicht nicht. Denn auf den Äckern Libanons sitzt die Zukunft Syriens.

Wenn wir nicht bald von ihnen als einer verlorenen Generation sprechen möchten, dann braucht es vor allem Bildungsangebote, die den Kindern Perspektiven bieten. Nur so können wir verhindern, dass diese Generation für Syrien und die ganze Region verloren geht.

Wenn diese Reise eines deutlich gemacht hat, dann, dass die Kinder bereit sind, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Wir müssen nur den Lichtschalter anknipsen.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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