POLITIK
21/04/2016 07:25 CEST | Aktualisiert 21/04/2016 07:30 CEST

Deutscher Lehrerverband fordert: "Brauchen mehr Psychologen für traumatisierte Flüchtlingskinder"

dpa

  • Experten schlagen Alarm: Jedes fünfte Flüchtlingskind ist traumatisiert

  • Deutscher Lehrerverband fordert daher jetzt mehr Schul-Psychologen

  • Studie zeigt, dass sich gelungene Integration positiv auf den Wohlstand auswirkt

Mehr als eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen - davon ein Drittel Kinder und Jugendliche, die im schulpflichtigen Alter sind: Vieles ignorieren diese Zahlen, aber damit steht unser Land vor der eigentlichen Herausforderung der Flüchtlingskrise.

Denn Fakt ist: Ein großer Teil der Kinder, die in den vergangenen Monaten nach Deutschland gekommen sind, sind schwer traumatisiert.

Auf ihrer Flucht nach Europa haben viele von ihnen schlimme Erlebnisse gemacht. Beinahe jedes fünfte Flüchtlingskind ist traumatisiert, schätzt die Bundespsychotherapeutenkammer - damit liegt die Zahl bei Flüchtlingskindern 15 Mal höher als bei deutschen Kindern.

Es droht eine humanitäre Katastrophe

Während Teile der Republik immer noch darüber diskutieren, ob Asylbewerber die Zukunft des Landes gefährden, ist die Situation für die Flüchtlingskinder tatsächlich vielfach katastrophal.

Experten schlagen schon seit längerem Alarm. Die meisten Lehrer seien in Deutschland "nicht dazu ausgebildet, mit traumatisierten Kindern umzugehen", sagte Bernd Jehle, Leiter des Instituts für Pädagogik und Schulpsychologie in Nürnberg, bereits vor einigen Monaten im Interview mit der Huffington Post.

Bei vielen Flüchtlingskindern reiche die rein unterrichtliche und sozialpädagogische Betreuung nicht mehr aus, weil sie stark traumatisiert seien, warnte Jehle damals.

"Man muss den Flüchtlingskindern psychotherapeutisch helfen"

Darum wollen Lehrer jetzt ein Umdenken in deutschen Klassenzimmern. "Wenn Flüchtlingskinder in Deutschland die Schule erfolgreich besuchen sollen, dann muss man ihnen auch psychotherapeutisch und sozialpädagogisch helfen", fordert Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, im Gespräch mit der Huffington Post.

Kraus' Botschaft an die Länder, die für Bildungsfragen zuständig sind: "Dies kann nur geschehen, wenn wir für die Schulen entsprechendes Personal bekommen."

Neben Psychologen gehörten dazu auch Dolmetscher, sagt Kraus, die zwischen den jungen Flüchtlingen und den Therapeuten sprachlich vermitteln und - unter Wahrung der Vertraulichkeit - die Lehrer der jungen Flüchtlinge einbeziehen sollen.

Deutsche Schulen sind derzeit überfordert

Mit anderen Worten: Deutsche Schulen brauchen Tausende neue Psychologen - denn sie sind derzeit völlig überfordert, wenn es um die Betreuung von Flüchtlingskindern geht.

Klar ist: Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Wer Menschen integrieren will, wer offen sein will und wer eine gelebte Willkommenskultur will, der darf auch die Betreuung und Bildung der Kinder nicht außer Acht lassen.

Bildungspolitik als Schlüssel zu Integration

Doch die Investition würde sich lohnen, denn die jungen Menschen, die jetzt in das hoffnungslos überalterte Deutschland kommen, sind das Kapital von morgen. Das bestätigen alle seriösen Studien. So hat das Deutsche Institut für Wirtschaft kürzlich ausgerechnet, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Deutschen durch gelungene Integration steigen wird.

Ein Grund mehr, Bildungspolitik wieder als das zu behandeln, was sie ist: als Schlüssel zu Integration.

Dabei gibt es bereits gute Ansätze, die zeigen, dass das deutsche Bildungssystem durchaus flexibel sein kann, wenn es darauf ankommt.

"Refugee Teachers Welcome" bildet geflüchtete Lehrer aus

Abgesehen von dem Mangel an Psychologen, waren viele Schulen in Deutschland durchaus gut vorbereitet auf die Flüchtlingskrise. Es gibt viele Sprachlernklassen und spezielle Vorbereitungskurse; einige Schulen haben schon lange Erfahrung mit der Integration von Migrantenkindern.

An der Uni Potsdam startet dieses Sommersemester das Programm "Refugees Teachers Welcome", das geflüchteten Lehrern einen Einblick in das deutsche Schulsystem geben soll - und das Sprachbarrieren zwischen Kindern und Lehrern beheben soll.

Dafür lernen die Teilnehmer erst ein halbes Jahr lang intensiv Deutsch. Danach folgt ein gemeinsames Seminar mit deutschen Lehramtsstudenten und Praktika an Schulen.

Das deutsche Bildungssystem braucht Lösungen

Dass eingewanderte Lehrer wichtige Vorbilder für Schüler mit ausländischen Wurzeln sind, weiß die Direktorin der Neuen Oberschule in Bremen, Sabine Jacobsen, nur zu gut. 85 Prozent ihrer Schüler stammen aus Zuwandererfamilien. "Die Flüchtlingskinder können jetzt auch unabhängig von der Sprache fachbezogene Fortschritte machen."

Die Beispiele zeigen: Ideen Flüchtlingskinder zu integrieren und ihnen zu helfen, gibt es viele. Die Frage ist nur: Wie lange dauert es, bis die Politik reagiert?

(ben)

Mit Material von dpa

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