POLITIK
21/04/2016 13:38 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 04:50 CEST

Warum Radio in Deutschland so unglaublich langweilig ist - und wie sich das verbessern ließe

Woman in bed reaching for  clock radio
Ken Reid via Getty Images
Woman in bed reaching for clock radio

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich das Radio hassen gelernt habe.

Vor meinem Studium habe ich im Hochsommer in einer Fabrik zwei Monate lang Schrauben gezählt. Noch quälender als das war ein verrostetes Radio, das die Halle beschallte. Nicht laut, aber auch nicht leise genug, um weghören zu können.

Voreingestellt war darauf der Sender RPR1, das größte Privatradio in Rheinland-Pfalz, “die besten Hits aus 80ern, 90ern und von heute". Es waren nicht sehr viele "Hits".

Lieder und Werbespots kannte ich sehr schnell auswendig, weil es immer dieselben waren. Dazwischen Nachrichten, Staumeldungen, Blitzeralarm, Wetter (30 Grad BADESPASS!!!) und Gewinnspiele (TEILNEHMEN, JETZT!).

Die Radiohölle auf Erden

Acht Stunden pro Tag war ich eingesperrt mit diesem Wahnsinn.

Die Radiohölle auf Erden.

Herrgott war ich froh, als es vorbei war.

Heute höre ich kaum mehr Radio. Auf meinem Smartphone läuft auf dem Weg zur Arbeit Deutschlandfunk, der brüllend langweilig, aber extrem spannend ist. Außerdem gibt es großartige Formate anderer Sender.

Sie sind die Ausnahme.

Es ist einsam und öde in Deutschlands Radiolandschaft geworden.

Besonders schade ist das, weil Radio eigentlich ein großartiges Medium ist.

Es war einmal das Lagerfeuer der Nation, um das sich Menschen versammelten, um Großereignisse zu verfolgen. Dann prägte Radio über Jahrzehnte den Musikgeschmack der Deutschen. Junge Künstler sind so groß geworden. Es war das schnellste Informationsmedium, schneller als das Fernsehen. So prägte es auch die politischen Debatten.

Heute ist von diesen Alleinstellungsmerkmalen nur noch wenig übriggeblieben - ihren Musikgeschmack können Hörer bei Spotify und AppleMusic deutlich besser bedienen. Junge Künstler können ihre Musik heute deutlich besser über andere Plattformen bekannt machen.

Und Informationen bekommen Menschen schneller im Internet, Geschichten in Podcasts, jederzeit abrufbar. Politische Debatten erreichen über das Fernsehen und das Internet ebenfalls deutlich mehr Menschen als über das Radio.

Übrig geblieben ist ein Nebenbei-Medium, das die Deutschen im Hintergrund dudeln lassen. Beim Autofahren, arbeiten, kochen… Nur wehe, es traut sich was oder fällt auf - dann wird umgeschaltet. Jedenfalls scheint das die herrschende Meinung unter Deutschland Radiomachern zu sein.

Show aus der Steinzeit, die kakophone Züge annimmt

Innovation wird in dieser Rolle bestraft, was aber nicht weiter stört: Die Werbepreise sind stabil, die Hörerzahlen auch. Vier Stunden am Tag schalten die Deutschen im Schnitt immer noch ein, die akustische Tapete für 50 Millionen Deutsche.

Sie werden von Marketingleuten ausgepresst, ob sie Gitarrenklänge morgens um neun Uhr aushalten oder nicht. Wenn nicht, gibt es eben keinen Rock um diese Uhrzeit - zumindest in keinem Sender, der die Massen erreichen will.

Gemeinsam mit dem Karussell aus Werbung, Nachrichten, Gewinnspielen, Stau- und Blitzermeldungen erhält sich so ein System, das wie eine unsägliche Show aus der Steinzeit wirkt, die vor allem im Privatradio kakophone Züge annimmt und auch Formatradio genannt wird.

Es gibt auch Licht im Schattenreich

Hier wird noch mehr Werbung gespielt, noch mehr vertickt. Die Liste an unerlaubter Schleichwerbung ist mittlerweile seitenlang. Während in Fernsehen-, Zeitung- und Onlinemedien Werbung klar getrennt werden kann, ist es im Radio nicht immer hörbar, ob es sich um einen redaktionellen Beitrag handelt.

Nur ein Beispiel: Der Sender “Mainwelle” hat einen Beitrag über eine neue Verkaufsstation eines Elektronikmarktes gesendet, der von einer PR-Agentur produziert wurde.

Im Privatradio sind solche grenzwertigen Ausflüge noch weniger dramatisch als im öffentlich-rechtlichen. Die Privaten müssen Geld verdienen, die Öffentlich-Rechtlichen hingegen haben einen Auftrag, der im Rundfunkstaatsvertrag festgelegt ist. Wenn sich die Popwellen der öffentlich-rechtlichen Sender immer weiter den Formatradios annähern, könnte man böse sagen, dass sie ihren Auftrag nicht erfüllen.

Ich will fair sein: Natürlich gibt es in diesem Schattenreich auch Licht.

Das Reportage-Format PlanB von 1Live etwa, einer Welle des Westdeutschen Rundfunks. Zündfunk von Bayern 2, die außergewöhnlich gute Musik spielen. Oder das Grimmepreis-prämierte ByteFM, die es geschafft haben, sich mit innovative Programmen von dem privaten Einheitsbrei abzuheben.

Spannend ist auch das BerlinCommunityRadio, das aus der kreativen Szene der Hauptstadt berichtet. Und das sehr erfolgreich. Hier dringen auch junge, unbekannte Künstler durch, die in Formatradios längst keine Plattform mehr haben. Auch der Berliner Radiosender FluxFM gehört mittlerweile zu den weltweit besten Radiostationen im Bereich elektronische Musik.

Trotz allem: Radio hat in Deutschland eine Zukunft

Sicher: Diese Beispiele sind noch in der Nische.

Aber sie lassen hoffen, dass Radio in Deutschland eine Zukunft hat.

Hoffen lässt mich auch, dass es endlich mit dem Digitalradio voran geht. Jahrelang haben es die Bundesländer blockiert. Man hatte, typisch Deutsch, Angst vor der Vielfalt. UKW-Radios können 30 Sender empfangen, DAB+ aber unendlich viele. Und dazu nicht nur Musik, sondern auch Text.

Es ist zwar noch ein weiter weg, bis UKW ganz abgeschaltet wird - hunderte Millionen Radios stehen noch in deutschen Badezimmern, Büros und Werkstätten.

Doch wenn ich ein Radio dann auch gutes Programm empfangen kann, bin ich gerne bereit, auch wieder mehr zu hören.

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und wird Interviews führen.

Ein Schwerpunkt ist auch die Zukunft des Radios in Deutschland. Mit Blogs, Interviews und Kommentaren wollen wir uns dem Nebenbei-Medium kritisch auseinandersetzen.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

(lk)