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21/04/2016 07:23 CEST | Aktualisiert 18/05/2016 12:18 CEST

Viele Flüchtlingskinder reisen allein - das sind ihre Geschichten

HuffPostGriechenland

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LESBOS, Griechenland -- Unter den vielen Migranten und Flüchtlingen, die in diesem Jahr aus den vom Krieg zerrütteten Ländern des Nahen Ostens nach Griechenland kommen, befinden sich auch tausende unbegleitete Minderjährige. Diese Kinder haben sich ganz allein auf die schwierige Reise begeben.

Einige der jungen Flüchtlinge haben ihre Familien im Krieg oder auf dem Weg nach Europa verloren. Andere haben zwar noch Verwandte, doch sie haben die Flucht dennoch ganz allein angetreten. Familien, die nicht genug Geld besitzen, um für alle Familienmitglieder Schleuser zu beauftragen, schicken manchmal auch nur ein Kind - zumeist den ältesten Sohn - auf die beschwerliche Reise.

Die Reise birgt viele Gefahren, sowohl für die körperliche Unversehrtheit der Kinder als auch für ihr psychisches Wohlbefinden. Sie müssen das Mittelmeer überqueren und sich mit Schlepperbanden auseinandersetzen, denen die Verletzlichkeit von Kindern egal ist. Während manche der Kinder Verwandte in Europa haben, zu denen sie fahren wollen, kommen andere, weil sie arbeiten und ihren Familien Geld schicken wollen.

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Die Organisation METAction arbeitet mit griechischen Behörden zusammen, um Flüchtlingskinder in geeignete Aufnahmezentren im ganzen Land zu begleiten.

Wenn die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Griechenland ankommen, sind sie berechtigt, in Auffanglagern untergebracht zu werden. Sie sind jedoch nicht verpflichtet, dort zu bleiben. Außerdem können sie einen Antrag stellen, um mit Familienmitgliedern, die sich bereits in Europa befinden, zusammengeführt zu werden.

Da der Prozess der Zusammenführung jedoch mehrere Monate dauert, beschließen viele Kinder, ihre Reise allein fortzusetzen und ihre Verwandten auf eigene Faust ausfindig zu machen.

Die Organisation METAction arbeitet bereits seit 2011 mit den griechischen Behörden zusammen, um allein reisende Flüchtlingskinder in geeignete Aufnahmezentren im ganzen Land zu begleiten. Die Nichtregierungsorganisation konnte bereits für sehr viele Kinder neue Unterkünfte finden, allein in diesem Jahr waren es 735.

"20 Jahre lang mussten unbegleitete minderjährige Flüchtlinge monatelang in Auffanglagern bleiben. METAction hat einen riskanten Schritt gewagt und seit 2011 wurden 2.672 Kinder umgesiedelt", sagte Lora Pappa, die Präsidentin von METAction, im Gespräch mit der HuffPost Griechenland. Minderjährige in den Auffanglagern könnten leicht in die Hände von Menschenhändlerringen fallen.

Die Art, wie Griechen sich zusammenschließen und Flüchtlingen helfen, ist rührend, sagt Pappa. "Die Menschen wollten helfen. Und sie taten es auch."

METAction stellt auch Dolmetscher zur Verfügung und arbeitet mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zusammen, um Flüchtlingen und Migranten dabei zu helfen, Kontakt zu Behörden aufzunehmen.

Außerdem werden die Flüchtlinge von METAction über ihre Rechte unterrichtet. Pappa sagte, dass METAction vor vier Monaten in etwa 100 Dolmetscher bereitgestellt habe, diese Zahl sei jedoch aufgrund der Flüchtlingskrise auf 180 gestiegen.

Im vergangenen Monat begleitete die HuffPost Griechenland die Organisation METAction bei der Umsiedlung von 11 Kindern in neue Unterkünfte. Die Kinder waren allein von der Türkei aus nach Griechenland gefahren, ihre Reise hatte jedoch schon viel früher begonnen. Sie wurden von der Insel Lesbos aus in ein Unterbringungszentrum in der griechischen Hafenstadt Piräus verlegt.

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Die Huffington Post begleitete die Non-Profit- Organisation METAction bei der Umsiedlung von 11 Kindern, die auf der griechischen Insel Lesbos angekommen waren.

DIE REISE

Auf der Fahrt zum Hafen von Lesbos sahen die Kinder glücklich aus. Bald würden sie an Bord einer Fähre gehen, die Flüchtlinge und Migranten von den griechischen Inseln aus in andere Teile des Landes bringt.

An Bord des Schiffes, auf dem sich hunderte erst kürzlich in Griechenland angekommene Menschen befanden, waren die Kinder so beschäftigt damit, Karten zu spielen und zu malen, dass manche von ihnen nicht einmal dann mit Spielen aufhören, als es etwas zu Essen gab.

Mithilfe von Dolmetschern erklärte die METAction-Teamleiterin Christina den Kindern, wohin sie gebracht werden sollten. Sie versuchte, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und mehr über ihre Familien zu erfahren.

Die Gruppe bestand aus acht Jungen und drei Mädchen. Ahmed hatte Omar, Anas, Mohammed und Hussein im Auffangzentrum in Lebos kennengelernt und die fünf Jungen, die alle aus dem Irak und Syrien stammten, hatten sich angefreundet. Omar ist der Älteste von ihnen.

Obwohl er bei den griechischen Behörden angegeben hat, dass er 17 Jahre alt ist, gibt er später zu, dass er eigentlich schon 19 ist. Anas, der Jüngste unter ihnen, ist erst 14 Jahre alt und sieht sogar noch jünger aus. Rahel, Bilen und Ayana stammen aus Eritrea. Amir, Ehsan und Ali kommen aus Afghanistan. (Die Namen der Kinder wurden für diese Reportage geändert.)

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Ahmed (links) und Anas ruhen sich auf ihrer Reise etwas aus.

ANAS

Anas ist ein höflicher und süßer Junge. Er hat hellbraune Haare und haselnussbraune Augen.

Er ist in Syrien aufgewachsen, doch er hatte in den vergangenen drei Jahren mit seiner Familie im Irak gelebt. Anas leidet an Epilepsie. Er sagt, dass er sich auf die Reise nach Europa gemacht hat, weil es im Irak nicht ausreichend medizinische Versorgung für seine Krankheit gab.

Omar will Anas beschützen: "Gibt es da, wo wir hinfahren, Medikamente für ihn?", fragte er das Team. "Mach dir keine Sorgen, dort gibt es Medikamente", versicherte Christina ihm.

Anas Tante, die in Nordeuropa lebt, hat ihm Geld für seine Reise geschickt. Er machte sich mit einigen Nachbarn auf den Weg, doch sie wurden in Griechenland getrennt und er war so lange alleine unterwegs, bis er neue Freunde fand.

Christina bat Anas dringend darum, Kontakt zu seiner Tante aufzunehmen, sobald er in Athen ankommt. Er versprach ihr, dass er nicht weglaufen und sich auf eigene Faust auf die Suche nach seiner Tante begeben würde. Hinsichtlich der Terroranschläge in Paris und der damit verbundenen Schließung von Grenzen wartete er noch mit der Kontaktaufnahme.

Mittlerweile waren einige der Kinder eingeschlafen. Die Mädchen malten. Ein paar der Jungen spielten zusammen mit dem Dolmetscher und Christina ein syrisches Kartenspiel. Omar spielte jedoch nicht mit. "Was ist los?", fragte Christina. Mit dem wenigen Englisch, das er spricht, antwortete er: "Ich muss dauernd an meine Mutter denken. Es macht mich verrückt."

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Trotz der Strapazen, die hinter ihnen liegen, haben die Kinder noch immer große Pläne für ihre Zukunft.

OMAR

Omars kurzes Leben bestand nur aus Schwierigkeiten. Er wuchs in der syrischen Stadt Aleppo auf. Alle seine Verwandten lebten dort nah beieinander. Jetzt ist die Familie über fünf Kontinente verteilt. Einige seiner Onkel leben noch in Syrien, andere wohnen in Nordeuropa und wieder andere befinden sich auf dem Weg dorthin. Seine Eltern hängen schon seit drei Jahren in der Türkei fest. Sie sind noch jung - sein Vater ist 42 und seine Mutter erst 35. Omar hat noch zwei jüngere Brüder.

Omar erzählt, dass er von der Regierung ins Gefängnis gesteckt wurde, bevor seine Familie Syrien verließ. Er nennt den Grund dafür nicht, doch er berichtet, dass er sechs Tage lang gefoltert wurde. Als ihm die Flucht gelang, gaben seine Eltern ihm einen gefälschten Pass, laut dem er zwei Jahre jünger ist als in Wirklichkeit. So konnte er der Wehrpflicht in Syrien entgehen.

Seine Freundin, seine Jugendliebe, musste er in Aleppo zurücklassen, erzählt Omar. Vor einem Jahr erfuhr er, dass sie von einer Bombe getötet wurde. "Was soll man dagegen machen? So ist Krieg eben", sagt er.

Doch trotz allem, was er durchgemacht hat, schmiedet Omar noch Pläne für die Zukunft. Er will sicher in Nordeuropa ankommen und dort seine Onkel wiedertreffen. Er will die Schule abschließen und studieren, um Ingenieur zu werden.

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"Fremde Länder fühlen sich so an, als hätte dein Vater eine andere Frau geheiratet. Sie wird niemals deine Mutter sein", so Hussein.

HUSSEIN

Der sechzehnjährige Hussein will später einmal Dolmetscher werden.

Seine Eltern sind die Einzigen, die noch in seinem Heimatland Syrien leben. Seine restlichen Verwandten befinden sich in Nordeuropa.

Hussein bezahlte Schleusern 800 Dollar, damit sie ihn nach Griechenland bringen. Dies ist kein fester Preis. Er variiert je nach bestimmten Faktoren. Bei schlechtem Wetter sinkt der Preis beispielsweise auf die Hälfte.

"Fremde Länder fühlen sich so an, als hätte dein Vater eine andere Frau geheiratet. Sie wird niemals deine Mutter sein", so Hussein.

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"An einem Ort wie diesem kann man nicht leben", sagte Hussein über sein Heimatland Syrien.

MOHAMMED

Mohammed hat einen blauen Fleck unter seinem linken Auge, und wenn er nach links schaut sieht man, dass das Auge blutunterlaufen ist. Er erzählte nicht, was passiert war.

Der Junge riss ständig Witze, so schnell hintereinander, dass selbst der Dolmetscher nicht mehr hinterherkam. Außerdem lächelte er die ganze Zeit über.

Bis er von Syrien zu erzählen begann.

"Jeder ist gegen jeden. Wenn man nachts draußen unterwegs war und ein Auto vorbeifuhr, musste man sich verstecken. Wenn man Leute vom IS traf und etwas Kurzärmeliges anhatte, gab es Ärger. Einer meiner Cousins arbeitete in einer Geflügelfarm. Sie warfen eine Bombe darauf und er wurde getötet. An so einem Ort kann man nicht leben", sagte Hussein.

Mohammed unterbrach ihn: "Wenn alles noch so wäre wie früher, dann würde auch keiner fliehen. Vor fünf Jahren war noch alles in Ordnung."

Mohammeds Eltern wussten nicht, dass er in Griechenland war. Sie dachten, er würde in der Türkei bleiben. Doch Mohammed will nach Nordeuropa fahren.

"Ich habe noch 100 Euro. Reicht das, um dorthin zu kommen?", fragte der Junge. "Ein Bekannter hat mir erzählt, dass es ihn 120 Euro gekostet hat." Er hatte Schleppern 1.200 Dollar gezahlt, damit sie ihn nach Griechenland bringen.

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Rahel und Bilen spielen Karten.

RAHEL & BILEN

Die beiden Cousinen Rahel, 16, und Bilen, 17, sind gemeinsam aus Eritrea geflohen. Sie sprachen auf diesem Abschnitt ihrer Reise nicht viel, doch man konnte erkennen, dass Bilen sehr aufmerksam ist.

AMIR, EHSAN & ALI

In den frühen Morgenstunden schliefen die Kinder endlich, nur der 14-jährige Amir nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Kindern hatte Amir keine Verwandten in Nordeuropa und es gab auch sonst keinen Ort, an den er gehen konnte.

Er wollte sich einfach nur einen Job suchen, um seinen Eltern, die er in Afghanistan zurücklassen musste, Geld schicken zu können. Man will sich nicht ausmalen, wer einem 14-Jährigen einen Job geben würde und wie dieser Job dann aussehen sollte.

Ehsan und Ali, die ebenfalls 14 Jahre alt sind, waren in Afghanistan Nachbarn und hatten sich gemeinsam auf die Reise gemacht.

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"Wir wissen nicht, was aus ihnen wird. Wir können nur hoffen, dass alles gut geht", sagte ein Teammitglied von METAction.

DIE ANKUNFT

Das Schiff traf am frühen Morgen in Piräus ein. Die drei Jungen aus Afghanistan fuhren zusammen mit einem Teammitglied und einem Dolmetscher zum Unterbringungszentrum.

Wir begleiteten die anderen in ihr neues Zuhause, ein altes Hotel, das in eine Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge umgewandelt worden war. Die Kinder frühstückten und wurden über die Regeln und Abläufe in der Unterkunft informiert.

Es wurde ihnen erneut eingeschärft, dass es das Beste für sie sei, zu bleiben, bis sie Kontakt zu ihren Familienmitgliedern aufnehmen könnten und das Verfahren zur Familienzusammenführung abgeschlossen sei.

Als wir gingen, verabschiedeten die Kinder sich. Manche von ihnen waren ein wenig traurig.

"Das Schwierigste an unserer Arbeit ist, dass wir keine Kontaktdaten mit den Kindern austauschen dürfen, weil unser Verhältnis zu ihnen rein dienstlich bleiben soll", hatte uns Anna, die Teil des Teams ist, zu Beginn der Reise erzählt. "Wir wissen nicht, was aus ihnen wird. Wir können nur hoffen, dass alles gut geht."

Diese Reportage ist ursprünglich bei der HuffPost Griechenland erschienen und wurde ins Englische übersetzt und für eine internationale Leserschaft überarbeitet. Die englische Version wurde von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt.

RICHTIGSTELLUNG: Aufgrund eines Übersetzungsfehlers stand in einer früheren Version der englischen Reportage, dass unbegleitete Minderjährige vorher in Gefängnissen gesessen hätten. Stattdessen waren sie in Auffanglagern untergebracht worden.

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