POLITIK
21/04/2016 10:28 CEST | Aktualisiert 18/05/2016 06:26 CEST

Er ist einer der berühmtesten Islamkritiker Deutschlands - und das hat er Muslimen zu sagen

dpa

In Deutschland leben etwa vier Millionen Muslime. Und durch die Flüchtlingskrise kommen immer mehr Menschen muslimischen Glaubens nach Deutschland. Viele Menschen hierzulande haben Angst vor der Ausbreitung eines radikalen, eines salafistischen Islam. Einer Auslegung des Koran, die zu Gewalt und Ablehnung aller Andersgläubigen aufruft.

Dabei ist das nur eine besonders radikale Strömung. Es gibt zahlreiche Muslime in Deutschland, die sich für eine Interpretation des Islam als moderne und zeitgenössische Religion einsetzen. Einer davon ist Mouhanad Khorchide. Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Seit Jahren schon kämpft er für eine neue Interpretation des Korans.

Das hat teils krasse Reaktionen hervorgerufen. Besonders von konservativen deutschen Muslimen. Sie werfen ihm eine Anbiederung an die westliche Gesellschaft vor. Und sie werfen ihm vor, er sei eine "Marionette der Mehrheitsgesellschaft". Salafisten drohen ihm gar mit dem Tod. Khorchide steht deswegen unter Polizeischutz. Um sich selbst zu schützen, will er dazu aber nicht mehr sagen.

Doch seine Haltung dem Islam gegenüber hat er trotzdem nicht geändert. Im Gegenteil. In Berlin stellte er vor wenigen Tagen sein neues Buch vor.

Unter dem Titel “Gott glaubt an den Menschen” plädiert Khorchide für eine radikale Öffnung des Islam - und für eine klare Haltung gegen den Terrorismus. Hier sind seine sieben wichtigsten Thesen:

1. Vor allem die Muslime müssen den Islam vor den Radikalen schützen

Das Problem ist, sagt Khorchide, "dass Menschen die Religionen auslegen". Und weiter: "Wir sind Kinder unserer Kontexte. Die Attentäter von Paris waren sozial marginalisierte Muslime in Frankreich, die nach mehr Anerkennung, nach Macht und Überlegenheit suchen." Aus diesen Gründen missbrauchten sie den Islam.

Die Botschaft von Khorchide ist deshalb klar: "Wir müssen die Religion davor schützen, von diesen Menschen vereinnahmt zu werden. Denn im Islam ist die Barmherzigkeit eine der wichtigsten Aspekte. Was daraus nicht ableitbar ist, ist nicht mit dem Islam vereinbar."

2. Die Attentate von Paris waren schrecklich - aber sie könnten Glaubige wachrütteln

Laut Khorchide muss sich im Islam dringend etwas ändern, damit auch die aufgeklärten Positionen stärker gestützt werden: "Vielleicht rütteln diese schrecklichen Ereignisse in Paris hierzulande einen humanistischen Islam wach", hofft er. "Selbst im schlimmsten Unglück findet sich ein Glück." Aber Wandel komme nicht immer freiwillig. Schließlich habe auch die katholische Kirche sich dem Wandel erst zu Zeiten der Aufklärung öffnen können. Einen ähnlichen Wandel will Khorchide vorantreiben.

3. Ein Mittel gegen die Radikalisierung liegt in den Moscheen

Khorchide plädiert eindringlich für eine universitäre Ausbildung von Imanen in Deutschland. Denn Salafisten sprächen junge Menschen auf Deutsch an, dass würde ihnen einen Vorteil gegenüber nur Türkisch oder Arabisch sprechenden Imamen geben. Daher sei es extrem wichtig, dass Imame Deutsch sprächen.

Aber nicht nur das. Khorchide betont weiter: "Um auf die Lebenswirklichkeit der jungen Menschen einzugehen, brauchen wir Imame, die nicht nur Deutsch sprechen, sondern auch die jungen Menschen verstehen."

4. Muslime müssen sich endlich mit den Argumenten der Salafisten auseinandersetzen

Es würde nichts bringen, zu behaupten, der Salafismus habe nichts mit dem Islam zu tun, sagt Khorchide. Vielmehr müssten sich Muslime die Argumente der Salafisten anschauen und diese mit starken Gegenargumenten entkräften.

Gerade deswegen sei es für deutsche Muslime so wichtig, sich an einem innerislamischen theologischen Diskurs zu beteiligen. Das sei die beste Möglichkeit, den radikalen Islamisten ihre Überzeugungskraft zu nehmen.

5. Islamisten lassen sich auch mit Barmherzigkeit bekämpfen

Khorchide reagiert auf die Todesdrohungen der Salafisten mit der Überzeugung des Gläubigen: "Ich habe die Hoffnung, dass Menschen ihre Positionen kritisch hinterfragen. Deswegen lege ich auch immer wieder und trotz aller Drohungen meine Argumente dar." Khorchide bezeichnet das als Barmherzigkeit auch mit potentiellen Mördern. Auch wenn sie ihm drohen - er will mit ihnen sprechen.

6. Die westlichen Gesellschaften müssen zu ihren Werten stehen

"Wir müssen lernen, im Anderen nicht das Fremde zu sehen, sondern das Neue", sagt er. Flüchtlinge seien erst einmal Menschen, denen es schlecht gehe, die nach Deutschland gekommen seien, weil sie unsere Hilfe benötigen. "Was wären unsere Werte wert", fragt Khorchide, "wenn wir sie nicht vorleben?" Wir müssten zeigen, was wir mit Menschenwürde und Nächstenliebe meinen.

7. Am Ende kann die Flüchtlingskrise Europa sogar stärken

"Unsere Werte müssen absolut sein", sagt Khorchide. Und wir dürfen sie uns auf keinen Fall von den Terroristen kaputt machen lassen. Wie das geht? "Wir verteidigen die Werte, indem wir sie leben", glaubt er. Dadurch würden die Werte sogar noch gestärkt. Khorchides Fazit: "Die Ankunft der Flüchtlinge bereichert uns."

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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