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21/04/2016 04:27 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 05:44 CEST

Muslima fordert: "Wir dürfen uns dem Männerdiktat nicht unterordnen"

(GERMANY OUT) Zwei Muslima in einer Gasse in der Altstadt von Marrakesch. Marokko, März 2007    (Photo by JOKER / Katharina Eglau/ullstein bild via Getty Images)
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(GERMANY OUT) Zwei Muslima in einer Gasse in der Altstadt von Marrakesch. Marokko, März 2007 (Photo by JOKER / Katharina Eglau/ullstein bild via Getty Images)

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Was lernen wir aus der islamischen Geschichte? Ohne uns Frauen wären die Herrscher, Gelehrten oder auch Kalifen nicht nur nicht geboren und aufgezogen worden, sondern auch in ihrem Treiben nicht besonders weit gekommen. So bedauerlich die Stärkung des patriarchalen Konstrukts auch ist, Hopfen und Malz sind hierzulande noch nicht verloren.

Wenn selbst Muslimas in weniger rechtsstaatlichen Ländern sich trauen, für Emanzipation und Freiheit zu kämpfen, dann werden wir Muslimas es hier wohl auch noch hinbekommen, das Ruder wieder an uns zu reißen.

Erinnern wir uns an die ersten Einwanderinnen in den 1960erund 1970er-Jahren, die, aus Marokko, Tunesien oder der Türkei kommend, hier ein neues Leben begannen. Diese Zeiten waren weit frauen- und ausländerfeindlicher als heute.

Auch wenn gegenwärtig weder Rassismus, Sexismus noch Diskriminierung aus der Gesellschaft vertrieben sind, stehen uns dennoch weit mehr Möglichkeiten der Entfaltung offen, als noch unserer (Groß) Müttergeneration. Der Wind weht nicht mehr so stürmisch wie zu Adenauers und Kohls Zeiten.

Wir dürfen uns nichts mehr einreden lassen

Dass es in unseren Herkunftsländern nicht überall rosig zugeht, bedeutet nicht, dass wir unsere Lebensfreude begraben und uns einem Männerdiktat unterordnen sollten, weil sie uns angesichts der Weltlage ein schlechtes Gewissen einreden wollen.

Wir dürfen uns nichts mehr einreden lassen, das jeglicher Grundlage entbehrt. Wir sollten die Augen öffnen und jenen die Hand reichen, die Hilfe und Menschlichkeit suchen und auf uns besser Gestellte angewiesen sind.

Egal ob wir dafür irgendwelche Bonuspunkte auf einem imaginierten Hassanat-Konto gutgeschrieben bekommen oder nicht. Es genügt zu wissen, dass keine gute Tat, wie im Koran beschrieben, je von Allah vergessen wird.

Ich für meinen Teil kann aus langjähriger persönlicher Erfahrung bezeugen, dass einem nichts fehlt. Der Gedanke, auf Allah vertrauen zu können, gibt mir persönlich viel Sicherheit.

Vielleicht wäre es an dieser Stelle nicht unangebracht, einen Blick auf unsere monotheistischen Geschwister zu werfen. Während wir Muslime bei Wohltätigkeit von Zakat sprechen, heißt es bei den Juden Tzedaqa. Es verbindet uns wohl mehr, als viele uns einreden wollen. Und es täte manchen Muslimen gut, einen Blick auf die jüdischen Richtlinien zu werfen, statt auf irgendwelche Salafisten zu hören.

Der jüdische Philosoph, Rechtsgelehrte und Arzt Maimonides, der um 1138 in Córdoba geboren wurde und sich um 1160 im marokkanischen Fes niederließ, bestimmte acht Richtlinien für die Tzedaqa.

Unter anderem Hilfe zur Selbsthilfe leisten; so wohltätig sein, dass Spender und Bedürftige nicht voneinander wissen; genauso bleiben die Wohltäter dem Bedürftigen unbekannt. Es soll gegeben werden, bevor um Hilfe gebeten wird, und es soll gegeben werden, nachdem um Hilfe gebeten wurde, und zwar auf freundliche Art und Weise.

Angesichts der RefugeeWelcome-Kampagne und jener muslimischer Akteure, die mit einer Extraportion Schmalz von ihrer Hilfsbereitschaft in sozialen Medien berichten, ein kostenfreier Tipp.

Doch bevor wir für irgendjemanden etwas zum Positiven verändern können, gilt es erst einmal, uns selbst in den Fokus zu stellen. Uns selbst zu lieben, darauf zu hören, was unsere wahren Wünsche und Bedürfnisse sind. Ob es tatsächlich unsere sind oder die der Gemeinschaft, Familie oder Gesellschaft.

Uns so zu kleiden, wie wir uns wohlführen, sollte unser oberstes Credo sein, und wir dürfen uns von niemanden einreden lassen, dass wir ein paar Pfund abnehmen und uns lieber stylischer, attraktiver kleiden sollten oder eine bestimmte Weise gottgefälliger sei. So oberflächlich kann nur ein Mensch sein, nicht aber ein allmächtiger und barmherziger Gott. Warum auch?

Sollten wir nicht lieber beginnen, Tabus zu durchbrechen?

Da Gott nicht oberflächlich ist und die Geschlechter in den Offenbarungen als gleichwertig berücksichtigt, warum sehen einige von uns dann dabei zu, wie andere leiden oder im Namen des Islam ausgegrenzt werden?

Sollten wir nicht lieber damit beginnen, die Tabus, die sich mit den Jahrhunderten festgesetzt haben, zu durchbrechen? Warum sollen Muslime unter der Sturheit jener leiden, die Menschen erniedrigen und nicht bereit sind, sich weiterzuentwickeln?

Nehmen wir das Thema Homosexualität. Wie kann es sein, dass Ender Çetin, der DİTİB-Gemeindevorsitzende der Berliner Sehitlik-Moschee, in Schulen geht und den Schülerinnen und Schülern erklärt, dass der Islam Homosexuelle nicht ausgrenzt und verdammt, nach dem Vortrag aber auf die Nachfrage der Schüler, was seine persönliche Meinung dazu sei, Homosexualität als ekelhaft bezeichnet?

Wenn zwei Frauen sich küssen, sei das okay, zwei Männer hingegen - das sei abartig. Dies berichtete eine LGBT Beraterin und Lehrerin in Berlin. Warum betreiben muslimische Verbände Ausgrenzung und keine gründliche Auseinandersetzung mit diesem Thema? Es gibt genügend Untersuchungen hierzu.

Aber nein, dafür wird auf der Verbandsseite halbherzig ein Text zum Thema veröffentlicht, den die wenigsten Muslime lesen und der offenbar nur dazu dient, Imagepflege gegenüber Nichtmuslimen zu betreiben. Die homosexuellen und transsexuellen Muslime sollen sich weiterhin verstecken und bloß nicht zu ihrer Sexualität als Muslime stehen. Genauso wenig wird über Gewalt und Missbrauch aufgeklärt.

Da muss erst der Neurologe Dr. Mimoun Aziz aus Düsseldorf seine Erfahrungen aus dem Klinikalltag öffentlich machen und den Verein Cultursensible Wohlfahrtspflege in Deutschland e.V. aufbauen.

So berichtete er, wie junge Frauen und Mädchen von den eigenen Familienmitgliedern vergewaltigt und missbraucht werden und weder auf Unterstützung durch die Verbände noch durch ihre Gemeinde zählen können, weil diese das Patriarchat und die Täter schützen und von ihnen Schweigen einfordern. Nichts spezifisch Muslimisches.

Doch diesen Mädchen, die nun auch noch glauben, eine Schande und eine Sünderin im Islam zu sein, wird ihre seelische Last weder von der Mutter noch von einem Imam genommen. Stattdessen bleiben sie sich selbst und einem Suizidversuch überlassen.

Warum dieser Hass?

Warum wird in einer Gemeinde ein Arabisch-Lehrer gedeckt, der über Jahre hinweg seine Schülerinnen und Schüler missbraucht hat, wie mir eine der damals Betroffenen berichtete? Allein auf pädophile katholische Priester zu zeigen, löst das Problem nicht. Es stärkt nur das tabuisierende Umfeld, das sich gegen die Opfer stellt.

Warum werden in Gemeinden wie der IGMG Frauen ausgegrenzt, die ihr Kopftuch selbstbewusst ablegen? Und warum wird ein Austausch über dieses Thema blockiert, wie es der bundesweit bekannteste Fall von Emel Zeynelabidin zeigt?

Ihre langjährigen Bemühungen um die Frauenbildung und die Gründung eines muslimischen Kindergartens in der Gemeinde werden ignoriert. Stattdessen wurde sie bezichtigt, vom Teufel besessen zu sein. Wer heute sagt, es ist in diesen Gemeinden viel in Bewegung, flunkert sich die Welt zurecht.

Warum werden Imaminnen wie Rabea Müller oder die amerikanische Amina Wadud, die gemischtgeschlechtliche Gebete leiten, nicht nur dem Spott ausgeliefert, sondern zu Ungläubigen erklärt? War doch die Urgemeinde eben nicht nach Geschlechtern getrennt, wie wir wissen. Warum dieser Hass? Zu viel Sex im Kopf, bei einem Gebet in Anwesenheit der Frau? Die Sexualisierung wird hiermit nur verstärkt, falls es diesen Geschlechterexperten entgangen sein sollte.

Warum soll es zudem bei den Forderungen einiger Muslimas bleiben, endlich einen größeren und sauberen Gebetsraum in einer Gemeinde zu erhalten? Warum so bescheiden? Eine Schmach, dass dies im Jahre 2015 noch Thema ist. Sollte die Verweigerung und Trägheit nicht langsam zu denken geben?

Wie kann es sein, dass bis heute Eltern und vor allem Gelehrte Frauen untersagen, einen Nichtmuslim zu ehelichen? Warum missachten sie die Offenbarung, Sure 2 Vers 221, die ausschließlich besagt, dass Frau wie Mann keinen Götzendiener ehelichen sollen? Warum werfen so viele Muslime einen Keil zwischen die Liebenden. Weil die Frauen der Gemeinde im Patriarchat gefangen sind, statt das Schweigen zu durchbrechen?

Dass jene männlichen Verneiner darauf pochen, ist nur zu verständlich. Bequem und ohne sich weiterzuentwickeln, können sie aus einem großen Pool an Frauen fischen und ihre Töchter wie ein Faustpfand und Lockmittel im Zaum halten. Sie könnte der Gemeinde sogar noch einen zukünftigen Muslim bescheren, indem der zukünftige Gatte für sie konvertiert.

Dass unter diesen Umständen keine tatsächliche Auswahl für Frauen existiert, ist offensichtlich. Kein Wunder, dass sich so manch eine resigniert in ein dunkles Gewand hüllt, damit sie niemand mit ihrem idiotischen Ehemann zusammen erkennt.

Die Geschlechtertrennung hat auch den Nebeneffekt, dass andere Frauen nicht sehen müssen, welchen Einfaltspinsel aus dem drögen Männerpool Frau ehelichen musste. Da bleibt die Hinwendung zu Gott allein der einzige Halt. Gäbe es ein Zölibat für Frauen im Islam, die Orden wären heute voll.

Es ist Zeit, den Tabuschleier zu lüften

Während der Prophet seine Tochter Zainab, die mit dem bis zu seinem Tod unbekehrten Abu al-As ibn al-Rabi' verheiratet war, nicht von ihrem Ehemann trennte und keinen Keil zwischen ihnen trieb, erzählen ignorante Väter bis heute gar in die Fernsehkameras, dass sie ihre Töchter einfach nicht mit einem Deutschen - einem Nichtmuslim - verheiraten können. So sehr ihnen das auch leid tue. Das gehe einfach nicht, wegen der Religion. Was auch sonst. Belegen müssen sie ja nichts. Es gilt das männliche Wort.

Es ist Zeit, den Tabuschleier zu lüften, und nicht weiter immerzu über Kopftuch- und Schleierverbote zu schwadronieren. Wenn zudem eine tuchtragende junge Frau nicht immerzu über ihr Kopftuch reden möchte, sollte sie sich vielleicht auch nicht öffentlich immerzu dazu äußern.

Und wer keine anderen Probleme in der Gesellschaft sieht, als dass der IS ihr den Style gestohlen hat, dem scheint der Schleier offenbar nicht nur das Haupthaar, sondern auch den Verstand eingewickelt zu haben.

Allen anderen, die tatsächlich etwas verändern und Muslimen ein freies und selbstbestimmtes Leben bescheren möchten, rufe ich zu: Traut euch! Sprecht die Dinge an, die euch bewegen. Lasst euch nicht einschüchtern, weil ihr damit angeblich den Islam beschmutzt. Wir haben gelernt, dass dies ganz andere machen und in der Vergangenheit gemacht haben. Keine Einschüchterungen mehr! Geht euren Weg!

Als Gläubige seid ihr Gottes Geschöpfe und geliebt. Egal was euch jemand einreden mag. Vergesst es! Lasst uns lieber die muslimische Gemeinschaft hierzulande beleben und sie in all ihren Facetten sichtbar machen und damit all jenen die Stirn bieten, die eine islamische Vielfalt bekämpfen. Inspiration gibt es genug in unserem Erbe! Denkt weiter. Macht von eurem Verstand Gebrauch!

Keine falsche Scham mehr! Traut euch und durchbrecht das Schweigen. Viel zu lange schon sind Muslime weltweit in einer muslimischen Form des viktorianischen Sittenkodex gefangen. Vor lauter neidvoller Bewunderung des Westens und gleichzeitiger Passivität glaubten Herrscher, durch eine Adaption christlich-erzkonservativer Werte die eigene Rückständigkeit hinter sich lassen zu können.

Doch der Westen erlangte keinen Fortschritt, indem er Homosexualität verbot und Frauen unterdrückte, sondern indem sich Menschen der Wissenschaft und Aufklärung zuwandten und Frauen für ihre Rechte kämpften.

Und ich erinnere daran: Solch ein Einstehen und Einfordern ist nie ein Spaziergang, aber ihre Entbehrungen sind unser Gewinn an Freiheit. Für deren Erhalt und Weiterentwicklung sind wir alle gefragt. Egal welcher Konfession oder Nichtkonfession, welcher Hautfarbe, welchen sozialen Standes oder welcher sexuellen Vorlieben.

Kosmetische Dekrete sind so sinnvoll, wie oberflächliches Putzen. Vielleicht sollten wir eher von einer viktorianischen Christianisierung des Islam sprechen, statt von der Islamisierung des Abendlands. Da liegt der Hund begraben und nicht umgekehrt!

Führen wir erst uns, dann allen anderen unser emanzipatorisches Erbe vor Augen, damit wir alle gemeinsam in Frieden und Freiheit daran wachsen mögen. Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit, um Louis Antoine Léon Saint-Just zu zitieren. Oder um den Koran zu zitieren: Seid nicht unterwürfig im Reden!

In diesem Sinne: Keine Ausreden mehr! Hade Yellah. Traut euch!

emanzipation im islam

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Emanzipation im Islam - eine Abrechnung mit ihren Feinden". Es erschien im Herder Verlag.

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