POLITIK
21/04/2016 13:21 CEST | Aktualisiert 22/04/2016 06:13 CEST

Idomenis 5000 - was ihr über die Kinder im griechischen Elendslager wissen solltet

THE BLOG

“Ich werde diese Bilder nie wieder vergessen”, sagt sie. Ihre Stimme klingt hohl durch das Telefon und ich kann hören, dass sie versucht, nicht zu weinen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das tut mir leid für dich? Das wird schon wieder? Wohl kaum.

Mit zitternder Stimme erzählt sie mir von dem Marsch, an dem sie als Helferin teilgenommen hat. Einen Marsch durch Regen und Kälte, durch unwegsame Natur, durch einen Fluss. Seite an Seite mit hunderten Frauen, Männern und Kindern. Vor allem von den Kindern wird mir meine Freundin in der nächsten Stunde erzählen. Und mir wird es die Kehle zuschnüren.

Die Szenen, die sie mir beschreibt, sind als Marsch der Hoffnung berühmt geworden, obwohl alle Hoffnungen am Ende bitter enttäuscht wurden.

Denn am Ende des Weges fanden all die Flüchtlinge und damit auch die Kinder, die sich vom griechischen Flüchtlingslager in Idomeni aus aufgemacht hatten, doch keinen Weg nach Mazedonien. Sie mussten zurückkehren in das kalte, nasse Zeltlager. Dort warten sie bis heute darauf, dass man sie rettet.

junge idomeni

“Da sind Menschen gestorben, Gina”, sagt meine Freundin am Telefon. “Ich stand in dem Fluss und habe Kinder von einer Seite zur anderen getragen. Es war so furchtbar.” Ich höre, dass sie nun doch weint. Und wieder scheint es nicht die richtigen Worte zu geben.

Dann erzählt sie mir von der Situation der Kinder im Lager. Von den menschenunwürdigen Bedingungen. Von Dauerregen, kaputten Zelten, Hunger und Krankheit. Von dem Gestank von verbranntem Plastik.

“Die Kinder sind alle traumatisiert. Sie haben schreckliche Angst. Manche haben aufgehört zu sprechen”, erzählt sie.

Ich muss schlucken. Ich stehe in meinem Wohnzimmer. Die Heizung ist warm und meine einziges Problem ist, dass der Nachbar über mir schon den ganzen Tag Nägel in die Wand schlägt.

“Ich kann einfach nicht fassen, was hier passiert”, höre ich meine Freundin sagen.

mädchen idomeni

5000 Kinder leben im Lager von Idomeni. Fast jeden Abend gehen sie hungrig ins Bett. Jeden Tag werden sie ein bisschen schwächer, ein bisschen kränker, während ein ganzer Kontinent wegschaut.

Diese Kinder haben Dinge erlebt, die niemand erleben sollte. Ihre Eltern haben sie aus ihrem Leben in der Heimat gerissen, in der Hoffnung, dass sie einen sicheren Ort zum Leben finden. Einen Ort, an dem sie zur Ruhe kommen können, verarbeiten können, was sie während des Kriegs erlebt haben.

Sie dürfen nicht. Man hält sie mit Stacheldraht davon ab.

Stattdessen erleben sie erneut traumatische Situationen. Sie sehen, wie ihre Eltern von Tag zu Tag verzweifelter werden. Sie spüren die Ungewissheit, die Angst.

Wenn sie einmal erwachsen sind, werden diese Kinder an Depressionen leiden. Sie werden Angstzustände haben. Sie werden nicht wissen, warum sie manchmal so aggressiv sind, so gereizt.

Sie werden ihr ganzes Leben leiden müssen, wenn sie keine psychologische Behandlung erhalten. Und es wird nicht nur den Flüchtlingskindern in Idomeni so ergehen. Sondern vielen anderen auch, die es nach Deutschland geschafft haben.


Denn im deutschen Krankenversicherungssystem werden sie nur schwer Hilfe finden. Es gibt nicht genügend Therapeuten in unserem Land, die die nötige Schulung besitzen. Und selbst wenn die Behandlungskosten übernommen werden, müssen Die Flüchtlingskinder oder ihre Eltern den meist unverzichtbaren Dolmetscher selbst bezahlen.

Zwar gibt es Stiftungen, die sich engagieren - die Organisation "Children for Tomorrow" in Hamburg etwa oder das Refugio in München - doch sie können bei Weitem nicht alle Kinder behandeln, die Wartelisten sind lang.

Zudem beklagen Ärzte eine Zwei-Klassen-Medizin in Deutschland, denn Flüchtlinge dürfen bisher nur bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen behandelt werden. Einen Anspruch auf Psychotherapie gibt es nicht.

junge idomeni

Ich spreche an diesem Abend noch lange mit meiner Freundin. Es ist kein fröhliches Gespräch. Was sie schildert, ist der pure Horror.

“Du kannst dir nicht vorstellen, wie das ist”, sagt sie und natürlich hat sie recht. “Die Kinder weinen, wenn ich abends das Lager verlasse. Sie klammern sich an mir fest.”

Als ich mich später in mein weiches Bett kuschle, denke ich an diese Kinder, die jetzt neben ihren Eltern und Geschwistern in winzigen Zelten liegen und frieren. Werden sie jemals wieder unbeschwert sein, frage ich mich?

Am nächsten Tag bekomme ich die Antwort. Meine Freundin schickt mir Videos von den Kleinen. Sie lachen und toben und rufen in die Kamera.


Sie machen das beste aus ihrer Situation. Sie haben trotz allem die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Sie sind stark.

Jetzt müssen wir diesen Kindern zeigen, dass auch wir stark sind. Stark genug, um ihnen Hoffnung zu geben und Wege zu finden, sie aus dieser Situation zu befreien.

Meine Freundin Sophia Maier arbeitet als freiwillige Helferin für die private Schweizer Hilfsorganisation Schwizerchrüz Michael Räber in Idomeni. Ihr könnt ihr Projekt hier mit einer Spende unterstützen. Alle Fotos und Videos in diesem Blog sind von Sophia Maier.

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Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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