POLITIK
21/04/2016 12:42 CEST | Aktualisiert 21/04/2016 13:45 CEST

Früher hetzte er gegen Flüchtlinge, heute hilft er ihnen

Früher hetzte er gegen Flüchtlinge, heute hilft er ihnen
Privat
Früher hetzte er gegen Flüchtlinge, heute hilft er ihnen

"Das Boot ist voll“ und "Gegen die Überfremdung“: Das sind nur zwei der Parolen, die bei Pegida jeden Montag in Dresden skandiert werden. Es sind Parolen, die auch Michael Beyerlein früher auf Plakate gepinselt hat.

Beyerlein war Fremdenfeind, Bezirksvorsitzender der rechten Republikaner im fränkischen Hof. Wer mit dem 56-Jährigen heute spricht, erlebt einen anderen Mann.

Es ist mehr als ein Sinneswandel – Beyerlein hat sich vollkommen neu erfunden.

Heute wohnt er in Sachsen – der Hochburg des deutschen Fremdenhasses. Doch statt wie früher gegen "Asylanten“ zu wettern, packt er an: Bei der Diakonie im Erzgebirge arbeitet er als Koordinator für Flüchtlingsarbeit, immer wieder hilft er im Flüchtlingsheim aus. Er ist jetzt Pastor. Seine Frau ist Afrikanerin, er lernte sie in Uganda kennen.

sissi und micha

Ein Rechtsruck, vergleichbar mit dem heute

Es ist ein erstaunlicher Wandel, den Beyerlein selbst nie für möglich gehalten hätte. Der Huffington Post sagt Beyerlein: "Ich schäme mich manchmal für das, was ich damals gemacht habe.“

Denn damals – in den achtziger und neunziger Jahren – geht ein Rechtsruck durch Deutschland. Vergleichbar mit dem, der derzeit spürbar ist. Die rechtsextremen Republikaner kommen unter ihrem redegewandten Bundesvorsitzenden Franz Schönhuber auf Landesebene in Bayern zu Hochzeiten auf fast 15 Prozent.

Mittendrin: Michel Beyerlein. "Ich hatte einen engen Kontakt zu Schönhuber“, berichtet er: "Er war ein rhetorisch guter Mann – und wusste, was viele besorgte Menschen damals hören wollten.“

Ein Autounfall änderte alles für ihn

Beyerlein klebte Wahlkampfplakate der Partei, machte gegen Zuwanderung mobil. In Wirtshäusern hält er fremdenfeindliche Reden – auch dann noch, als nach den Brandanschlägen von Solingen 1993 fünf Menschen mit Migrationshintergrund dem rechtsextremen Terror zum Opfer fallen.

Eine Auto-Panne ändert im Jahr 2000 alles. Beyerlein muss einen Freund abschleppen, dessen Wagen liegen geblieben war. Er bittet ihn, das Auto zu einem Freund zu bringen, einem kanadischen Missionar.

Zwischen Beyerlein und dem Kanadier entsteht eine enge Freundschaft. Eines Tages nimmt dieser ihn in das Flüchtlingsheim mit, in dem er arbeitet: Es ist ein Wendepunkt für den Fremdenfeind Beyerlein. Die Flüchtlinge begegnen ihm mit einer Herzlichkeit, die ihn beeindruckt.

So sehr, dass er seine Verbindungen zur rechten Szene abbricht. 2001 tritt er aus der Partei aus. Er wendet sich der Kirche zu – und der Arbeit mit Flüchtlingen.

Ein Autounfall änderte alles für ihn

Im Zuge seiner Ausbildung zum Pastor geht Beyerlein nach Uganda. Dort lernt er seine heutige Frau Sissi kennen. "Auch sie war ein Flüchtling“, erzählt Beyerlein. Aus dem Bürgerkriegsland Ruanda war sie nach Uganda geflohen.

sissi micha

Auch sie engagiert sich heute in Chemnitz. In der Chemnitzer Begegnungsstätte "Die Brücke“, die ihr Mann initiiert hat, bringt sie Einheimische und Flüchtlinge zusammen.

Von rechten Hetzern lässt sich Beyerlein nicht mehr beirren: "Leute wie Lutz Bachmann erzählen den Leuten, was sie hören wollen. Da kann man auch Sachen erzählen, die gar nicht stimmen.“

Er ist überzeugt: "Wir haben es 1989 geschafft, wir haben es 1945 geschafft. Ich bin auf Merkel-Kurs, wenn sie sagt dass wir es schaffen.“

Fotos: privat

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