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21/04/2016 08:56 CEST | Aktualisiert 21/04/2016 09:15 CEST

Das passiert mit Flüchtlingskindern, die nicht behandelt werden

Kind im Flüchtlingsheim
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Kind im Flüchtlingsheim

Sie sind die Vergessenen der Flüchtlingsdebatte: die Kinder der Hilfesuchenden, die gerade in unser Land kommen. Sie haben Krieg erlebt, ihr Zuhause verloren, und sie haben die lebensgefährliche Reise nach Europa überstanden.

Doch was macht das mit den Menschen?

Experten warnen: Ein Drittel der Flüchtlingskinder aus Syrien sei psychisch belastet, ein Fünftel leide sogar an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das ergab eine Studie von Medizinern der Technischen Universität München (TUM) in einer bayerischen Erstaufnahmeeinrichtung.

Ein unbehandeltes Trauma hat weitreichende Folgen

Psychologen sprechen deshalb auch von einer doppelten Traumatisierung. Die betroffenen Kinder brauchen dann unbedingt Hilfe - denn ein unbehandeltes Trauma kann nicht nur die Zukunft der Kleinen beeinträchtigen.

"Wenn ein Trauma nicht behandelt wird, sind die Betroffenen ihren Ängsten ausgeliefert, die sie aus der Heimat oder der Flucht mitgenommen haben", sagt Barbara Steinl, die in der medizinischen Forschung arbeitet und Heilpraktikerin mit Fortbildungen im Bereich Trauma ist. "Sie können sich nicht konzentrieren und leiden unter Schlafstörungen."

Die Kinder- und Jugendtherapeutin Shqipe Krasniqi von Refugio München nennt ebenso als erste Symptome eines Traumas Schlafmangel und mangelnde Konzentrationsfähigkeiten.

Diese Symptome haben für die Betroffenen weitreichende Konsequenzen: Die Schüler können dem Unterricht nicht richtig folgen und erwerben nur unzureichende Deutschkenntnisse. Schlechte Voraussetzungen, um ihren Platz hier in Deutschland zu finden. Denn schaffen die Kinder die Schule nicht, haben sie in Deutschland keine Chance.

kind

Gefahr von Alkohol- und Drogenmissbrauch

Sie rutschen ab: "Mit Drogen-und Alkoholmissbrauch testen manche traumatisierte Jugendliche ihre Grenzen aus. Sie haben kein Gefühl für ihre Belastbarkeit“, sagt Krasniqi.

Eine enorme Gefahr und verschenktes Potenzial, findet Heilpraktikerin Steinl: Statt sich zu integrieren und einen Beruf zu erlernen, könnten viele Flüchtlingskinder durch die Folgen einer unbehandelten Traumatisierung gesellschaftlich abrutschen.

Es droht soziale Ausgrenzung

Damit nicht genug: Zu den Symptomen einer Traumatisierung zählen auch hohe Reizbarkeit wie beispielsweise übertriebene Wutausbrüche und Schreckreaktionen – oder in manchen Fällen sogar Depressionen und Angststörungen, wie Therapeutin Krasniqi erklärt.

Dies führt erst recht dazu, dass die Kinder Probleme in der Schule haben – und sich auch sozial ausgrenzen. Solche Expertenstimmen zeigen, wie dringend wir diesen jungen Menschen helfen müssen.

Vor einer riesigen Herausforderung stehen die Behörden bei den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen: Zusätzlich zu den traumatischen Erlebnissen fehlt ihnen die Familie, die sie unterstützen könnte.

Außerdem wissen sie nicht, wie es ihren Eltern und Geschwistern in der Heimat geht und was aus ihnen werden wird. Sie leiden unter Heimweh und suchen nach einer Verbindung zur Heimat, indem sie beispielsweise nur noch Filme in ihrer Muttersprache schauen.

"Der Blick geht nur noch zurück und nicht mehr nach vorn. Die Betroffenen nehmen keinen Kontakt mit der Außenwelt mehr auf und freunden sich nicht mit Deutschen an. Sie wirken depressiv“, sagt Expertin Steinl.

Die Wohnsituation ist „für Kinder ungeeignet“

Leider fehlt es vor allem in Erstaufnahmeeinrichtungen an Kapazitäten, die angekommenen Flüchtlinge psychologisch zu betreuen – egal, ob es sich dabei um Kinder oder Erwachsene handelt. Krasniqi kritisiert darüber hinaus vor allem die Wohnsituation der Flüchtlingskinder.

"Die Übergangseinrichtungen sind nicht für Kinder geeignet. Sie können dort nicht zur Ruhe kommen, die Familien haben keine Privatsphäre und keine Selbstbestimmung und sie machen mich auch als Therapeuten hilflos", sagt sie. "Wenn mir eine Mutter erzählt, dass ihre Kinder nicht schlafen können, weil sie in der Unterkunft das Licht nicht ausmachen kann, was soll ich dann machen?"

Die Therapeutin fordert: "Wer über Integration spricht, der sollte erstmal daran denken, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen. Und die Wohnsituation ist am schlimmsten: Die Kinder können einfach nicht in diesen Containern leben, das ist kein geeignetes Umfeld für sie."

Dabei könnte man vor allem die traumatisierten Kinder gut auffangen – mit umfangreicher Betreuung: Je jünger die Kinder sind, wenn sie in Deutschland ankommen, desto besser können sie das Neue aufnehmen und sich anpassen. "Dafür brauchen sie aber eine beschützte Wohnsituation, feste Ansprechpartner und klare Regeln. Sie müssen sich aufgehoben fühlen“, betont Steinl.

Betroffene Kinder müssen stabilisiert werden

Refugio München ist ein Beratungs- und Behandlungszentrum für Flüchtlinge und Folteropfer. Dort bietet man schwer traumatisierten Flüchtlingskindern Einzeltherapien an und betreut auch die Familien, beispielsweise mit einem Elterntraining. Die Kinder können sich zudem kreativ austoben.

In der Kunstwerkstatt zum Beispiel. "Ziel ist, die traumatisierten Kinder zu stabilisieren und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen", sagt Krasniqi. "Wir zeigen ihnen auch, was sie beispielsweise machen können, wenn sie Albträume haben“.

Der Therapeutin ist es wichtig, den Kindern Sicherheit und feste Strukturen zu bieten. "Wenn eine Traumatisierung nicht behandelt wird, kann sie chronisch werden und ist damit schwer therapierbar“, warnt sie.

Ganz schwarz malen will Krasniqi die Situation aber nicht: Sie lobt, dass die Kinder schnell in die Schule aufgenommen werden können und bereits gute Strukturen bestehen, wenn es darum geht, Jugendliche zu integrieren.

"Kinder sind ja flexibel, sie schaffen es in der Regel gut, sich in einem neuen Umfeld einzuleben. Man darf nicht vergessen, dass sie starke Persönlichkeiten sind – immerhin haben sie einen weiten Weg zurückgelegt, um hier sein zu können“, sagt Steinl.

Diese Erfahrung hat auch Niels Espenhorst vom Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge (UMF) gemacht. "Sie gehen relativ 'straight' durch das Bildungssystem durch, und sie finden in der Regel auch einen Job. Sie beißen sich irgendwie durch, weil sie es müssen, weil sie auch einen Leidensdruck haben", sagte sie dem Fernsehsender 3sat.

Die Chancen stehen also gut, dass die Kinder es schaffen werden, sich später ein neues Leben in Deutschland aufzubauen und sich zu integrieren – wenn man ihnen und ihren Familien rechtzeitig hilft.

Für die Huffington Post Deutschland ist der 21. April ein besonderer Tag: Peter Maffay ist heute unser Chefredakteur. Er gibt Impulse, lässt Texte schreiben und führt Interviews.

Ein Schwerpunkt sind die vielen traumatisierten Flüchtlingskinder, die seit Monaten zu Tausenden in Deutschland ankommen.

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