ENTERTAINMENT
21/04/2016 18:20 CEST | Aktualisiert 21/04/2016 18:37 CEST

Abschiedsbrief an Prince. Was ist das nur für ein beschissenes Jahr?

Abschiedbrief an Prince. Was ist das nur für ein beschissenes Jahr?
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Abschiedbrief an Prince. Was ist das nur für ein beschissenes Jahr?

Lieber Prince,

was ist das bisher nur für ein beschissenes Jahr? Im März ist Roger Cicero mit gerade einmal 45 Jahren gestorben. Im Februar Roger Willemsen, mit 60. Und im Januar David Bowie, ebenfalls lang vor seiner Zeit. Ich saß gerade auf dem Fahrrad und fuhr an Bowies ehemaligen Wohnhaus im Berliner Stadtteil Schöneberg vorbei, da vibriert mein Handy, und die Eilmeldungen tauchen auf dem Bildschirm auf: Pop-Sänger Prince gestorben. Mit 57 Jahren. Ich musste erst einmal rechts ranfahren.

Erster Gedanke: Jetzt hast auch du uns mit Helene Fischer allein gelassen.

Mein zweiter Gedanke betraf unser kleines Geheimnis. Wir schreiben das Jahr 1993, ich war zwölf, lebte im nordhessischen Bergland und war drauf und dran, Grunge-Fan zu werden. Wer Anfang der 90er-Jahre auf dem Land cool sein wollte, der hörte Nirvana. Du hattest dich gerade mit deiner Plattenfirma überworfen und deinen Namen in ein unaussprechliches Symbol abändern lassen. Manche nannten dich nun „The Artist Formerly Known As Prince“ (oder kurz: TAFKAP), andere nur „Symbol“, und wieder anderen war das alles zu dumm und sie boykottierten dich. Für einen Zwölfjährigen war der ganze Zirkus in dieser Zeit ziemlich uncool. Ungefähr so, wie Heino zu hören, oder mit einem Aktenkoffer zur Schule zu kommen. Ich war zu dieser Zeit zum ersten Mal verliebt. Und das auch noch unglücklich, das Mädchen wollte nichts von mir wissen. Und irgendwann im Herbst dieses Jahres hörte ich im Radio zum ersten Mal eine Melodie, die mein ganzes Gefühlschaos in Noten fasste. Es war „Purple Rain“. Genauer gesagt: die letzte Minute des Liedes. Vom Text war da nicht mehr viel zu hören, aber ich fühlte mich augenblicklich verstanden. Ganz so, als ob ich dieses Lied schon Jahre lang gekannt hätte. Damals gab es noch kein Internet und keine Apps, denen man Melodien vorsummen kann. Auch das Musikfernsehen war zu dieser Zeit noch nicht im nordhessischen Kabelnetz angekommen. Also fragte ich meinen besten Freund, ob er die Melodie kennen würde. Natürlich nicht, wir waren beide erst drei, als der Song veröffentlicht wurde. Und so wartete ich tagelang vorm Radio, die Finger am Play- und Aufnahmeknopf meiner Stereoanlage. Nach zwei Wochen war es soweit. Bei HR3 lief das Lied, und durch die Abmoderation erfahre ich, dass das Lied von dir ist. Und plötzlich warst du für einige Monate insgeheim der coolste Mensch der Welt für mich. Die Kassette bewahrte ich in einem kleinen Kästchen auf, das tunlichst niemand finden sollte. Und immer, wenn ich mir sicher war, dass sich niemand mehr im Haus befand, spielte ich den Song mit voller Lautstärke ab. Dann war ich ganz bei mir. Niemals sonst in dieser Zeit hat sich meine beginnende Pubertät erhebender angefühlt als in den Momenten, in denen dein Gitarrensolo gegen die Dachschräge meines Kinderzimmers krachte.

Warum ich dir das nun alles schreibe?

Ich bin jetzt 35 Jahre alt. Und in den vergangenen Jahren beschleicht mich der Verdacht, dass langsam aber sicher Teile meiner Jugend verschwinden. Dass ich – wenn nicht im Bekanntenkreis, dann doch bei den Helden meiner frühen Tage – die ersten Todesfälle betrauern muss. Ich denke an die Sammelbilder von der Europameisterschaft 1988. Wolfram Wuttke ist vergangenes Jahr gestorben. Oder „Löwenzahn“, meine Lieblingssendung im Fernsehen, als kleines Kind: Peter Lustig ist im Februar diesen Jahres von uns gegangen. Und gerade vor ein paar Tagen haben Roxette das Ende ihrer Bühnenkarriere verkündet. Der wunderbaren Marie Fredriksson fehlt nach einer Hirntumor-Operation die Kraft, Konzerte zu geben. Überhaupt hat man den Eindruck, dass Gott da oben im Himmel bereits jetzt eine wahnsinnig gute Allstar-Band der 80-er Jahre bei sich zusammen hat. Michael Jackson. Whitney Houston. David Bowie. Und jetzt auch du, Prince. Aber, wenn ich noch einmal darüber nachdenke: Es hat gar nichts damit zu tun, dass ich langsam graue Haare bekomme. Lieber Prince: 57 ist einfach kein Alter, um sich einfach so zu verabschieden. Ruhe in Frieden, mein Freund. Auch auf HuffPost:

Video: Das war der letzte Auftritt von Prince

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(sk)