POLITIK
20/04/2016 10:34 CEST | Aktualisiert 20/04/2016 12:36 CEST

Diese 30 Sekunden treiben Flüchtlingshasser im Netz gerade zur Weißglut

  • Youtube-Fans von "Lutz Bachmann", "Pegida" oder "Alexander Gauland" werden derzeit mit Werbespots konfrontiert, die sie zur Weißglut treiben.

  • Mit ihren Geschichten widerlegen Flüchtlinge binnen 30 Sekunden die rechten Inhalte der Clips.

  • Hinter der Kampagne steckt eine ausgeklügeltes Hilfsprojekt für wohnungssuchende Migranten.

Wer derzeit Rassismus googelt, muss der Wahrheit ins Auge sehen: "Search Racism. Find truth" lautet der Slogan am Ende zahlreicher Werbespots, die derzeit vor Youtube-Videos von Pegida-Demos oder vor den Reden von Lutz Bachmann und AfD-Vize Alexander Gauland geschaltet sind.

Die Zielgruppe der Kampagne: Menschen, die über die "Lügenpresse" wettern, und längst in ihren rechten "Filterblasen" auf Portalen wie pi-news, Pegida-Facebookgruppen oder rechten Youtube-Channels bleiben. Für sie unliebsame Fakten zur Flüchtlingskrise blenden sie lieber aus.

Nämlich das, was die geflüchteten Menschen ihnen zu sagen haben.

"Ich war nie im Gefängnis. Lutz Bachmann schon"

Durch die großangelegte Youtube-Kampagne müssen Menschen, die im Internet nach rechter Propaganda suchen, derzeit den Opfern ihrer Hetze ins Auge sehen: Flüchtlingen wie Bakari, 31, aus Mali, Najlaa, 23 oder Fadi, 26, aus Syrien.

Vor einem Clip, der Lutz Bachmanns Hassrede gegen Ausländer bei einer Pegida-Demo in Dresden zeigt, taucht dann beispielsweise auch Akif auf, um eine Sache klar zu stellen. (Nein, nicht Pöbel-Akif.)

"Lutz Bachmann erzählt Euch gleich, dass alle Flüchtlinge kriminell sind. Also ich war noch nie im Gefängnis", erklärt der Syrer, "Lutz Bachmann schon."

Die Vorurteile fangen schon beim Googeln an

Die Stellungnahmen der Migranten gehen dabei direkt auf die nachfolgenden Inhalte der Videos ein. 30 Sekunden lang. Wie bei anderen Werbeeinblendungen auf Youtube lässt sich der Spot nicht ausblenden.

Alle Protagonisten blicken dem Zuschauer entgegen, sie sprechen mit freundlicher Stimme und haben eine deutliche Botschaft. Manchmal auch mit humorvoller Leichtigkeit im Unterton, wie Firas al-Shater, der als erster syrischer Flüchtling Deutschlands mit seinem eigenen Kanal zum Youtube-Star wurde.

Vorurteile gegen Migranten wie ihn gebe es sogar schon bei der Google-Suche, demonstriert der 26-Jährige und tippt auf sein Smartphone: "Wenn ich auf Google eingebe, "Flüchtlinge sind", dann kommen die Vorschläge "Schmarotzer", "Terroristen", "kriminell". "Was kommt aber, wenn ich "Deutsche sind" eingebe?" Firas führt es vor.

Keywords entlarven Rassisten

Dort setzt die die Aktion an: Die Initiative nutzt das sogenannte "Channel- und Keyword-Targeting". Will heißen: Die Einblendung der Inhalte von "Search Racism. Find truth" basieren auf einer Liste von Suchbegriffen und Youtube-Kanälen, unter denen potenziell fremdenfeindliche Inhalte verbreitet werden könnten.

"Die absolute Wahrheit über Flüchtlinge", "Flüchtlinge Terroristen", "Flüchtlinge raus", "Islamisierung Deutschlands" sind solche Suchbegriffe.

Aber auch wer "Rede Alexander Gauland" bei Google oder Youtube eingibt, bekommt wahrscheinlich zuerst ein Video von Hakim aus Syrien zu sehen. Der erinnert die Zuschauer daran, dass Gauland selbst als Jugendlicher aus der DDR flüchtete.

Wohnungsplattform für Flüchtlinge steckt hinter Kampagne

Hinter dem Werbefeldzug steckt die Organisation "Flüchtlinge Willkommen", eine Internetplattform, die geflüchtete Menschen an private Wohngemeinschaften vermitteln möchte.

Ins Leben gerufen wurde die Initiative von Flüchtlingsaktivisten aus Berlin, die eine Alternative zur Massenunterbringung von Asylbewerbern in zentralen Unterkünften bieten wollen.

Im Zuge ihrer Arbeit seien die Aktivisten selbst mit rechter Hetze konfrontiert worden, erzählt Mareike Geiling von "Flüchtlinge Willkommen" im Interview mit der "Süddeutschen". Mit Hilfe einer Kommunikationsagentur haben sie die Kampagne "Search Racism. Find truth" entwickelt.

"Hardcore-Nazis werden wir nicht bekehren"

Ob sich die ganz harten Flüchtlingsgegner davon umstimmen lassen - daran hat auch Geiling Zweifel.

Doch gehe es bei dem Projekt in ihren Augen nicht darum, "Hardcore-Nazis" zu bekehren: "Wir erhoffen uns, dass die Konsumenten von diesen Hetzvideos zumindest einmal mit der Perspektive von Geflüchteten konfrontiert werden". Schließlich würden viele Pegida- und AfD-Anhänger diese Stimmen sonst gar nicht mehr im Netz wahrnehmen.

Die Kampagne sei kurzfristig angelegt. Auch aus einem anderen Grund: Der Betreiber eines Youtube-Kanals verdient Geld mit der Werbung, die vor seine Videos geschaltet wird.

So finanziert "Search Racism. Find truth." möglicherweise auch indirekt rechte Youtube-Channels. Geiling geht davon aus, dass die Betreiber selbstverständlich ein Problem damit haben werden - und sobald ihnen die Clips auffallen, die Werbung für die Kanäle sperren werden.

"Liebe AfD - wie wärs mit einem Dankeschön?"

Vielleicht bewegt es aber auch einige Verantwortliche der AfD zum Nachdenken über ihre Haltung zu Migranten, wie der 26-jährige Fadi sagt: "Liebe AfD, habt ihr Euch schon bei uns für Eure tollen Wahlergebnisse bedankt? Denn wir sind schließlich Euer Wahlprogramm - respektive die Vorurteile gegen uns."

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(sho)