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19/04/2016 05:50 CEST | Aktualisiert 19/04/2016 06:16 CEST

Neue Dokumente beweisen, dass die Ölindustrie noch verlogener ist, als wir dachten

Neue Dokumente beweisen, dass die Ölindustrie  noch verdorbener ist, als wir dachten
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Neue Dokumente beweisen, dass die Ölindustrie noch verdorbener ist, als wir dachten

  • Seit Jahrzehnten bereits vertuscht die Ölindustrie systematisch Umweltrisiken

  • Das Ausmaß übertrifft selbst die Machenschaften der großen Tabakkonzerne

Im Jahr 1968 verfassten Wissenschaftler des Stanford Research Institutes einen Bericht für das American Petroleum Institute, eine Handelsorganisation für die Amerikanische Gas- und Ölindustrie.

Sie warnten, dass „die Menschheit sich auf ein gewaltiges geophysisches Experiment mit der Umwelt, der Erde, eingelassen habe“, ein Experiment, das „der Grund für ernsthafte, weltweite Umweltveränderungen“ sein könne.

Die Wissenschaftler schrieben weiter, dass „falls die Erdtemperatur signifikant steigt, eine Reihe von Ereignissen eintreten werde, darunter das Schmelzen der arktischen Eiskappen, ein Anstieg des Meeresspiegels, eine Erwärmung der Ozeane und ein Anstieg der Photosynthese.“

48 Jahre alter Bericht wurde erst kürzlich veröffentlicht

Dieser 48 Jahre alte Bericht, der en détail vorhersagt, was momentan passiert, gehört zu einem Fund amtlicher Dokumente, der am Mittwoch vom Center for International Enviromental Law in Washington entdeckt und veröffentlicht wurde.

Zusammengenommen zeigen die Dokumente, die die Organisation gesammelt hat, dass Ölindustrielle sehr wohl von den schwerwiegenden Umweltrisiken, die mit dem Kohlendioxid-Ausstoß verbunden sind, wussten. Und das schon länger, als ursprünglich angegeben. Es wurde vertuscht.

Ölindustrie war "ganz offensichtlich im Bilde"

Carroll Muffett, der Präsident des Centers, sagte der Huffington Post gegenüber, dass die Dokumente nicht nur enthüllten, dass die Ölindustrie, darunter auch Humble Oil (heute Exxon Mobil), bereits 1957 über die Rolle der fossilen Brennstoffe beim CO2-Ausstoß „ganz offensichtlich im Bilde war“, sondern man auch die Wissenschaft so hingedreht habe, dass auch die öffentliche Meinung passend geformt werden konnte, und das bereits noch früher, in den 1940er Jahren.

„Diese Geschichte ist älter und größer als man je angenommen hat“, so Muffett.

Systematische Vertuschungen

Das Center for International Environmental Law, kurz CIEL, eine non-profit Rechts-Organisation, berichtet, dass man die systematischen Vertuschungen der Ölindustrie anhand wissenschaftlicher Artikel, Chroniken der Industrie und anderer Dokumente mehrere Jahrzehnte zurück bis zu einem Treffen in Los Angeles im Jahr 1946 verfolgen könne.

Es war während dieses Treffens, dass Manager der Ölindustrie sich entschlossen, eine Gruppe zu gründen, das sogenannte Smoke and Fumes Committee. Diese Gruppe sollte Forschung zu Luftverschmutzung finanzieren und die Ergebnisse nutzen, um die Öffentlichkeit über Umweltthemen zu informieren und die öffentliche Meinung zu formen.

Das gab CIEL auf einer Website, die sich mit den Dokumenten befasst, bekannt.

Skepsis am Klimwandel gezielt provoziert

Diese Forschungsergebnisse, so CIEL, wurden genutzt, um „in der Öffentlichkeit Skepsis gegenüber der Umweltforschung und Umweltrichtlinien zu züchten, die die Ölindustrie als kostenintensiv, übereilt und möglicherweise unnötig betrachtete.“

Muffett sagte in einer Erklärung, dass die Dokumente „nur ein weiterer Beweis dafür seien, dass die Ölindustrie aktiv dazu beiträgt, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Klimaforschung und die Notwendigkeit, Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen, zu

untergraben, obwohl die Industrie um die Klimarisiken wusste.“

Exxon-Manager wussten seit 1977, was fossile Brennstoffe anrichten

Im letzten Jahr enthüllte InsideClimate News, dass Top-Manager von Exxon bereits seit 1977 von der Rolle, die fossile Brennstoffe bei der Erderwärmung spielen, wussten, und Lobbyarbeit gegen die Versuche, den Ausstoß von Treibhausgasen einzudämmen, betrieben.

Im Januar verkündete der New Yorker Generalbundesanwalt, dass man gegen Exxon Mobil wegen Täuschung der Öffentlichkeit und der Investoren bezüglich des Klimawandels ermittle.

American Petroleum Institute weiß seit den 1980er Jahren von der Klimaveränderung

Ein Bericht, der im Februar an die Öffentlichkeit gelangte, enthüllt, dass das American Petroleum Institute bereits in den frühen 1980er Jahren von der Klimaveränderung wusste.

Die Industriegruppe lies eine Anfrage um Stellungnahme der Huffington Post vom Mittwoch unbeantwortet.

American Petroleum Institute weiß seit den 1980er Jahren von der Klimaveränderung

Die neuen Dokumente von CIEL jedoch zeigen, dass die Vertuschungen bereits seit Generationen vorgenommen wurden. Muffett sagte, jedes Dokument einzeln betrachtet enthielte Elemente glaubhafter Abstreitbarkeit. „Aber wenn man alle Teile zusammenfügt, dann schrumpft die glaubhafte Abstreitbarkeit, und zwar gewaltig.“

Der Fund fügt sich in eine gewaltige Beweislast ein, auf die auch die Öffentlichkeit Zugriff hat und die zeigt, was die Industrie wusste, und was sie wann und wie mit den Informationen anstellte, so Muffett.

„Sobald die Unternehmen diese Informationen hatten, waren sie da und das Wissen konnte nicht einfach wieder gelöscht werden. So sieht es unter dem Strich aus“ erklärt Muffett.

"Die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu wissen, warum"

Laut Muffett rechtfertigen die Beweise weitere Ermittlungen. CIEL plant, schon bald weitere Dokumente zu veröffentlichen.

„Ölfirmen hatten schon früh die Möglichkeit, die Klimaforschung und Klimarisiken anzuerkennen und die Kunden zu informieren und ihnen die Wahl zu lassen“ so Muffett in einer Erklärung. „Sie haben sich für einen anderen Weg entschieden, und die Öffentlichkeit hat ein Recht darauf zu wissen, warum.“

Staatsanwältin Sharon Y. Eubanks, die Chefanklägerin im Prozess gegen die Tabakkonzerne, war eine derer, die CIEL zu der Veröffentlichung der Dokumente gratulierte.

„Bereits in den Prozessen gegen die Tabakindustrie wurden Dokumente veröffentlicht, die Licht in das Dunkel der Taten und der Tatenlosigkeit dieser mächtigen und einflussreichen Industrie brachten. Jetzt wird es ganz genauso sein“, so Eubanks in einer Erklärung.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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