LIFE
19/04/2016 13:37 CEST | Aktualisiert 19/04/2016 13:39 CEST

Mein größter Alptraum: Was, wenn mein Kind andere mobbt?

Mein größter Alptraum: Was, wenn mein Kind andere mobbt?
Fran Polito via Getty Images
Mein größter Alptraum: Was, wenn mein Kind andere mobbt?

Ich werde nie den Tag vergessen, an dem meine Tochter zu mir kam und mir sagte, dass Bethany, ein Mädchen aus ihrer Klasse, sie nervte.

Mein Beschützerinstinkt war sofort geweckt: „Was macht sie denn?“ fragte ich.

„Sie läuft mir auf dem Schulhof immer hinterher und setzt sich beim Mittagessen neben mich“, antwortete sie in einem gequälten Ton, der die Dinge auf den Punkt bringen und mich sofort auf ihre Seite schlagen sollte.

„Du meinst, sie möchte deine Freundin sein?“, fragte ich noch einmal ungläubig.

Mir war sofort klar, dass ich ein Problem hatte.

Ich zog mir meinen eigenen schlimmsten Alptraum heran. Das Mittlere meiner fünf Kinder war ein charismatisches, keckes, langbeiniges, athletisches und tanzbegeistertes Mädchen, das vor Selbstbewusstsein nur so strotzte.

Und ganz offensichtlich war sie von einem anderen Mädchen genervt, das nicht das Glück hatte, so zu sein wie sie. Das Pech für meine Tochter ist nur, dass ihre eigene Mutter in der Schule Bethany war. Sommersprossen, wirres Haar, und dadurch, dass ich aus einer Army-Familie kam, stets das neue Mädchen in der Klasse – dank der vielen Umzüge meiner Eltern.

Ich würde nicht länger den Mund halten, so wie ich es früher getan hatte

Ich war immer bemüht, schnell neue Freunde zu finden und immer zog es mich zu den von Natur aus selbstbewussten Mädchen hin. Mädchen wie meine Tochter. Diese Unterhaltung versetzte mich in einen Zustand zwischen Schmerz und Wut, aber eines wusste ich ganz sicher: Ich würde nicht länger den Mund halten, so wie ich es früher getan hatte.

Zwei willensstarke Persönlichkeiten trugen am nächsten Morgen einen Kampf in meinem Haus aus, und es war nicht schön. Meine Tochter geht auf eine katholische Privatschule, an der sie und ihr kleiner Hofstaat jeden Tag den Schulhof regieren.

Sicher wird es Eltern geben, die meinen, ich würde überreagieren

Es kostete mich nur einen kurzen Anruf bei Bethanys Mutter, und meine schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich: Meiner Tochter und ihren Hofdamen war jedes Mittel recht, um sich Bethany vom Hals zu halten.

Sicher wird es Eltern geben, die meinen, ich würde überreagieren. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass wir das Mobbing-Problem in unserem Land bei der Wurzel packen müssen. Wir müssen Mobbing vom Kern aus neu definieren. Für mich ist die deutliche Abweisung und das klare Desinteresse, das meine Tochter und ihre Clique Bethany entgegenbringen, bereits der Anfang von Mobbing.

Es stimmte, das bestätigten mir auch Bethanys Mutter und die Lehrer, dass man Bethany keine fiesen Spitznamen gab oder sie grob behandelte. Man lehnte sie einfach ab. Die vollkommene Ablehnung einer Person, von der man fälschlicherweise annahm, sie hätte nichts zu bieten.

Ich war selbst einmal Kind und nenne zudem fünf Kinder mein eigen. Ich habe jede Seite des Mobbings erlebt. Ich bin überzeugt, dass Mobbing genau hier beginnt. Ein leichtfertiges Abwägen und übereiltes Ablehnen eines Außenseiters.

Die Wurzeln liegen in unserem mickrigen Selbstbewusstsein

Wir würden unseren Kindern einen großen Dienst erweisen, so glaube ich, wenn wir mit ihnen einmal offen und ehrlich über Sozialdarwinismus sprächen. Darüber, was Menschen dazu bringt, manche Menschen zu akzeptieren und andere abzulehnen. Es passiert in jedem Alter, in jeder Phase des Lebens, in allen sozialen Schichten.

Die Wurzeln liegen in unserem mickrigen Selbstbewusstsein und in unserer eigenen Angst, abgewiesen zu werden. Jeder kämpft um seinen Platz in der sozialen Nahrungskette. Ich war der Meinung, ich hätte meinen eigenen Kindern diese Dynamik immer offen präsentiert.

Eltern müssen die Dinge beim Namen nennen, es offen aussprechen, ein Licht ins hässliche Dunkel bringen. Wir müssen unseren Kindern erklären, dass wir auch als Erwachsene noch so ein Verhalten immer wieder erleben.

Verbindet die unschönen Punkte

Natürlich ist es einfach, der Person, die auf der sozialen Karriereleiter zwei Stufen über uns steht, Bewunderung und Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Aber jeder Mensch verdient diese Aufmerksamkeit und unseren Respekt.

Wir müssen uns und unsere Kinder daran erinnern, dass jeder Mensch einen unerwarteten Mehrwert für unser Leben bedeuten kann. Aber wir müssen es auch zulassen und diesen Menschen die Chance dazu geben.

Es reicht einfach nicht aus, unseren Kindern ein simples „sei nett!“ mit auf den Weg zu geben. Wir müssen genauer sein. Kinder sind der Meinung, dass sie schon nett sind, wenn sie nicht direkt unfreundlich sind.

Verbindet die unschönen Punkte. Erklärt den darwinistischen sozialen Überlebenswillen, der oft ihre Impulse leitet. Ich versichere euch, Kinder können damit umgehen. Sie haben das eh schon mal irgendwo gesehen oder erlebt. Aber sie brauchen euch, um dem Ganzen eine Stimme zu verleihen, eine neue Ausrichtung.

Mein eigensinniges Kind stellte sich quer

Was meine Tochter betrifft, so habe ich ihr gesagt, dass sie sich die Zeit nehmen und die Energie aufbringen solle, um Bethany richtig kennenzulernen. Am nächsten Tag nach der Schule sollte sie mir drei coole Dinge über Bethany erzählen, die sie vorher noch nicht wusste.

Mein eigensinniges Kind stellte sich quer. Sie wollte nicht. Aber ich ließ nicht locker. Ich weigerte mich, sie am nächsten Morgen in die Schule zu fahren. Das würde ich so lange tun, bis sie zustimmte. Zumindest jetzt noch hatte ich die Autoschlüssel und damit die Macht.

Ihr Widerstand gab uns Zeit, die Unterhaltung über Sozialdarwinismus zu führen. Ich erklärte es ihr anhand eines Geldautomaten-Vergleichs. Sie hatte auf der Sozialbank ein kleines Vermögen. Es wäre für sie keine Schwierigkeit, ein bisschen von dem Vermögen abzuheben und Bethany davon abzugeben. Das Risiko für meine Tochter ist gering.

„Investiere doch mal!“ ermutigte ich sie.

Widerwillig zog sie sich an und ließ sich von mir zur Schule bringen. Sie hatte einen schönen Tag – zumindest, was noch davon übrig war. Aber sie war immer noch sauer auf mich, als ich sie abholte und gab mir klar zu verstehen, dass sich die Mütter ihrer Freundinnen aus diesen Dingen raushielten und ihre Töchter sich ihre Freunde selbst aussuchen ließen (wirklich sehr kluge Frauen).

Und sie nannte mir drei coole Dinge über Bethany, die sie vorher noch nicht gewusst hatte.

Kein Wunder, dass das Mobbing-Problem nicht ernstgenommen wird

Zwei Wochen später telefonierte ich noch einmal mit Bethanys Mutter. Das nennt sich soziales Begleiten. Wie ein Helikopter schwirren wir über allen Dingen, die unsere Kinder betreffen: angefangen bei der Kleidung, über die Ernährung, die Schlafmuster und die Hygiene bis hin zu schulischem Engagement.

Und dann verkünden wir mit Stolz, dass wir uns aus Freundschaften und anderen sozialen Dingen raushalten. Ich möchte jedes Mal ungläubig fragen, ob sich Eltern ernsthaft um jeden noch so kleinen Scheiß kümmern, um Fußballtrikots und glutenfreie Ernährung, sich aber aus dem Sozialverhalten komplett raushalten?

Kein Wunder, dass das Mobbing-Problem nicht ernstgenommen wird! Bethanys Mutter bestätigte mir aber auch, dass Bethany schon Freundschaften geschlossen hatte und es ihr gut ginge.

Sie ist liebenswürdig und allen Menschen gegenüber offen

Ein paar Jahre später zog Bethanys Familie weg. Meine Tochter weinte bei dem Abschied. Über die sozialen Netzwerke halten sie immer noch Kontakt. Sie war und ist ein wirklich cooles Mädchen, das ihren Freunden viel bieten kann.

Aber am meisten hat meine Tochter gewonnen. Diese Erfahrung war so wertvoll für sie. Inzwischen studiert sie und ihre Freunde könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie ist liebenswürdig und allen Menschen gegenüber offen. Als sie noch leicht zu beeinflussen war und ein bisschen Unterstützung brauchte, lernte sie Folgendes:

  • Dem ursprünglichen Instinkt anderen Menschen gegenüber liegt oft eine falsche Motivation zugrunde.
  • Man kann mit den ungewöhnlichsten Menschen befreundet sein. Die besten Freundschaften bestehen oft zu den Menschen, die dem eigenen Typ am wenigsten entsprechen. Kontrast ist ein Mehrwert, wenn es um Freundschaft geht.
  • Es gibt Zeiten, da investiert man im sozialen Gefüge auch mal zu Gunsten von anderen Menschen. Sei großzügig! Die Dividende wird groß ausfallen!

Am wichtigsten aber ist, dass es mir ziemlich egal ist, wie gut meine Tochter in einem Schulwettbewerb abschneidet. Auch ob sie an Laktoseintoleranz leidet, interessiert mich wenig. Ob sie sich ihr blondes langes Haar raspelkurz schneidet ist ihre Sache. Aber meine Tochter soll verdammt nochmal andere Menschen gut behandeln.

Eltern, eure Kinder entwickeln sicher einmal ein Gespür dafür, wann man besser eine Jacke mitnimmt und wie gesunde Ernährung aussieht. Aber ihr müsst eure Energie investieren, um euren Kindern ein gutes Sozialverhalten beizubringen. Wenn wir schon die Generation der Helikopter-Eltern sind, dann sollten wir doch zumindest über den richtigen Bereichen schwirren.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Video:

Mobbing: Er wurde sein Leben lang gehänselt. Dann hat eine Kleinigkeit alles verändert