WIRTSCHAFT
18/04/2016 18:23 CEST | Aktualisiert 18/04/2016 18:31 CEST

Was dieser türkischstämmige Unternehmer geschafft hat, hielten seine Eltern für unmöglich

Was dieser türkischstämmige Unternehmer geschafft hat, hielten seine Eltern für unmöglich
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Was dieser türkischstämmige Unternehmer geschafft hat, hielten seine Eltern für unmöglich

  • Nach dem großen Finanzcrash 2008 wird Yalcin Akgün arbeitslos

  • Sein Bankberater schüttelt den Kopf, als der türkischstämmige Gastarbeitersohn ein Unternehmen gründen möchte

  • Heute ist Akgün Vorbild für viele Unternehmer mit Migrationshintergrund

Alles oder nichts. Vor dieser Entscheidung stand Yalcin Akgün, als seine Kündigung ins Haus flatterte. Ein Jahr nach der Lehman-Pleite befand sich Europas Wirtschaft im Sturzflug, viele Produktionsbänder in Deutschland stockten, auch im Betrieb des türkischstämmigen Maschinenbautechnikers.

Als der Sohn einer Gastarbeiterfamilie 2009 seinen Job bei einer Firma für Kunststofftechnik verlor, beschloss er sich selbstständig zu machen - in einer Zeit, in der alle Schwarz für Deutschland sahen.

"Schaffe, schaffe Häusle bauen"

"Schaffe, schaffe Häusle bauen": Mit schwäbischen Tugenden hatte es Akgün bis dahin weit gebracht. Vom Hauptschulabschluss zur Meisterprüfung als Maschinenbauer. Vom türkischen Arbeiterkind zum schwäbischen Eigenheimbesitzer.

"Ich war die Ausnahme unter meinen türkischstämmigen Freunden", erklärt Akgün im Gespräch mit der Huffington Post. Auch sein Bankberater hielt Akgün zunächst für eine Ausnahmeerscheinung: Denn man musste schon den Verstand verloren haben, um in der dunkelsten Finanzkrise einen Kredit für ein Start-Up zu beantragen.

"Warum soll ausgerechnet ihr Betrieb laufen?"

150.000 Euro Kredit hatte der heute 50-Jährige beantragt - für ein paar Kunststoffspritzmaschinen. Damit wollte er das Geschäftsfeld seines früheren Arbeitgeber übernehmen. Bis zur Insolvenz produzierte Akgün für einen Kunststofftechnik-Hersteller Verkleidungen für Präzisionswaagen, Bildschirmrahmen und Lamellen für Autobelüftungsanlagen.

"Warum soll ausgerechnet ihr Betrieb laufen?", erinnert sich der heute 50-Jährige an die Skepsis des Bankberaters. Heute begründet der Unternehmer seinen Erfolg mit dem Credo jedes Selfmademans: "Weil ich einfach daran geglaubt habe".

Dieser Glaube bedeutete für den Gastarbeitersohn aber mehr

Für den Sohn einer türkischen Gastarbeiterfamilie bedeutete dieser Glaube aber mehr. Denn er hat dafür mit Traditionen gebrochen. Eine Ausnahme unter seinen türkischstämmigen Freunden war Akgün vor allem, weil er sich den Vorbildern und Idealen seines Elternhauses widersetzt hatte, blickt der Unternehmer auf seine Jugend zurück: "Für meine Eltern gab es nur ein Ziel: Arbeiten und Geld verdienen, um bald wieder in die Türkei zurückzukehren. Bildung war schlicht und einfach Zeitverschwendung."

Ich habe gemerkt, dass meine Eltern "Gastarbeiter" sind

Nach dem ersten Grundschuljahr wurde er in die Türkei zu seinen Großeltern geschickt. Dort ging er bei seinem Onkel, einem Maschinenbauingenieur, ein und aus und lernte die Bücherregale des türkischen Bildungsbürgers kennen. Akgün kehrte zurück zu seinen Eltern, die als erste Generation türkischer Gastarbeiter bis heute in Deutschland leben - und machte einen radikalen Einschnitt.

"Als ich gemerkt habe, dass meine Eltern nur "Gastarbeiter" sind, war das eine andere Welt für mich", schildert der Unternehmer heute. "Es ging ums Geld, ums Arbeiten, dabei kannten meine Eltern keine deutsche Tageszeitung - und auch soziale Aktivitäten mit den Kindern gabs so gut wie gar nicht.“

Akgün biss sich durch seine Karriere

So hart diese Urteil klingt, so hart biss sich Akgün durch seine Karriere: Nach der Ausbildung zum Maschinenbau-Mechaniker bildete er sich in Abendkursen zum Programmierer weiter, absolvierte eine Ausbildung für Arbeitsgestaltung und Betriebsorganisation, 1992 führte ihn sein Weg zur Meisterprüfung als Maschinenbauer.

Und jetzt: Beschäftigt der türkischstämmige Unternehmer zehn Mitarbeiter. Dazu fünf Azubis, bevorzugt Jugendliche mit - aber auch ohne Migrationshintergrund, die "in der Warteschleife stehen oder nicht auf direktem Weg zu einem Abschluss oder einer Ausbildung gefunden haben", erklärt Akgün. Heute erzählt er von ehemaligen Azubis, die alle "inzwischen gut verdienende Fachkräfte und Familienväter" seien.

Die Glaubensregeln des Business

Spricht man Akgüns auf seinen Glauben an, definiert er das so: Ja, er sei zwar Muslim, allerdings spiele das für Glaubensregeln im Geschäftsleben keine Rolle. "Kompetenz, Qualität, Liefertreue, Kundenzufriedenheit", das seien die obersten Geboten im Business.

So muss Akgün denken. Denn er plant, künftig Audi, Bentley Carl Zeiss oder Mettler Toledo als Kunden für seinen Betrieb zu gewinnen, die er bislang nur als Sublieferant für größere Firmen bedient.

Einige Leute werden bei einem türkischstämmigen Geschäftspartner unsicher

So ganz reibungslos lief es für den Unternehmer aufgrund seines Migrationshintergrunds nicht immer. Zwar habe er heute "keinerlei Nachteile" als türkischstämmiger Unternehmer, erklärt Akgün. Doch kommt es mehr als bei anderen auf den Namen an, den man sich gemacht hat.

"Tatsächlich ist es so, dass manche Leute Ängste oder Unsicherheit zeigen, wenn sie mit einem türkischstämmiger Geschäftspartner verhandeln. Sobald aber klar ist, dass die fachlichen Qualitäten stimmen, spielt das überhaupt keine Rolle mehr.“

"Bildungs"-Credo kann auch Probleme machen

Was die zweite Gastarbeiter-Generation von ihren Eltern unterscheidet: "Bildung", sagt der zweifache Familienvater, "was aber auch zum nächsten Problem führen kann". Während es früher galt, schnell Geld zu verdienen, gehe es den Eltern heute darum, dass ihr Kind zu den Aufsteigern gehört, am besten einen Hochschulabschluss macht: "Oft fehlt es den Eltern allerdings am nötigen Durchblick, dass ihre Kinder die Anforderungen oft nicht erfüllen können."

Andere türkischstämmige Gastarbeiterfamilien würden auch heute noch "mit den Reisekoffern im Flur" in Deutschland leben. Die "nationalistisch geprägten", erklärt Akgün, würden ihre Kinder bis heute noch auf eine Rückkehr in die Türkei einstimmen - was selbstverständlich hinderlich für deren Integration sei.

Für den 50-Jährigen hat sich die Entscheidung zur Selbstständigkeit in Deutschland gelohnt: Von einst 100.000 Euro ist der Umsatz des Kunststoffteileherstellers auf inzwischen 600.000 Euro jährlich angestiegen. Und auch der Bankberater hält Akgün heute für eine Ausnahmeerscheinung - im positiven Sinne. Mittlerweile bekäme er die Kredit förmlich aufgedrängt, erklärt der Unternehmer.

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