POLITIK
18/04/2016 15:03 CEST | Aktualisiert 19/04/2016 03:43 CEST

"Das ist Hass und Rassismus": So reagieren 15 Muslime auf den Anti-Islam-Vorstoß der AfD

HuffPost / dpa

Es sind Äußerungen, die Deutschland spalten: Am Wochenende hatten die AfD-Politiker Beatrix von Storch und Alexander Gauland den Islam zu einer Ideologie erklärt, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar ist.

"Viele Muslime gehören zu Deutschland, aber der Islam gehört nicht zu Deutschland", sagte von Storch. Und Gauland setzte provokativ oben drauf: Die "Islamisierung Deutschlands" sei eine Gefahr, der Islam ein "Fremdkörper" in Deutschland.

Dass Millionen Muslime in Deutschland seit Jahrzehnten friedlich zusammen mit Menschen anderer Kulturen und Religionszugehörigkeit zusammenleben - kein Wort davon.

Die Empörungswelle schwappte am Montag durch alle Fraktionen und Verbände im Land - doch nur vereinzelt kamen die zu Wort, um die es hier eigentlich geht: Muslime, die in Deutschland leben.

Darum hat die Huffington Post 15 von ihnen gefragt: Was haben Sie der AfD zu sagen? Wie fühlt es sich an, von einer Partei derart perfide an den Rand der Gesellschaft abgeschoben zu werden - von einer Partei wohlgemerkt, die sich anschickt, zur drittstärksten Kraft der Republik zu werden?

Cem Özdemir, Grünen-Chef:

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"Erneut wirft die AfD verbale Stinkbomben und verpestet den politischen Diskurs. In Deutschland gilt die Religionsfreiheit, selbstverständlich auch für Muslime. Es ist eine wichtige Aufgabe, den Islam in Deutschland einzubürgern.

Religionslehrer und Imame müssen in Zukunft in Deutschland ausgebildet und der Einfluss von Saudi-Arabien und der Türkei auf Islamverbände zurückgedrängt werden. Die AfD betreibt Stimmungsmache und hat keinen Beitrag zur Lösung vorzuweisen."


Bilkay Öney, Integrationsministerin von Baden-Württemberg (SPD):

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„Niemand muss Muslime oder den Islam mögen. Es muss aber auch niemand den Islam hassen, weil man sich davon nichts kaufen kann - außer der AfD, die gemerkt hat, dass man damit in politische Ämter kommt. Mir ist das zu billig. Die AfD hat noch keine vernünftigen Ideen für Wirtschaft, Renten, Gesundheitsversorgung und vieles andere formuliert.“


Michel Abdollahi, NDR-Reporter und Gewinner des Deutschen Fernsehpreises 2016:

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“Da der AfD in ihrer plumpen Rhetorik keine relevanten Themen einfallen, weil die einst eurokritische (!) Partei scheinbar eingesehen hat, dass echte Inhalte Parteispitze und Wählerschaft überfordern, widmen sie sich jetzt wieder Altbewährtem: Hass und Rassismus.

Man zeigt sich besorgt, berechtigterweise, über radikale Muslime, bietet aber keine Lösungen an, weil man an Lösungen nicht interessiert ist, sondern billigst auf Stimmenfang gehen will. Unter dem Deckmantel einer neuen Angst, der Minarett-Phobie, hetzt die Partei pauschal gegen eine Glaubensgemeinschaft und versucht so, die Gesellschaft zu spalten.

Aber es wird ihr nicht gelingen. Der Islam gehört zu Deutschland. Nicht weil der Islam es so will, sondern das Grundgesetz. Ich hätte mit dieser Rhetorik in Zukunft an deren Stelle weniger Angst vor Bauwerken und Vorhäuten, sondern mehr vor dem Verfassungsschutz.”


Lale Akgün, Autorin, Gründungsmitglied der muslimischen Gemeinde Rheinland und ehemalige Bundestagsabgeordnete:

lale akgün

"Als bekennende Muslimin weise ich die Äußerungen der führenden AfD-Politiker scharf zurück. Sie sind beschämend für eine demokratische Gesellschaft. In unserem Land hat niemand das Recht, die freie Religionsausübung in Frage zu stellen und vier Millionen Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit auszugrenzen.

Was verlangt eigentlich die AfD? Dass wir als Bürgerinnen und Bürger dieses Landes unsere Religion verleugnen? Oder dass wir nur noch heimlich unsere Religion ausüben?

Dieses Land ist unser gemeinsames Land – zu welcher Religionsgemeinschaft wir auch immer angehören mögen, ob wir gläubig oder ungläubig sind. Wir Demokraten haben schon immer über alle Glaubensgrenzen hinweg zusammengestanden und werden es auch in Zukunft tun."


Bülent Arslan, Geschäftsführer des imap-Instituts:

arsland

"Die AfD ist eine Erscheinung der Veränderungsablehnung. In der Welt von morgen werden Kulturen und Religionen viel stärker miteinander zusammenleben. Davor haben einige Menschen Angst und die AfD versucht, aus diesen Veränderungsängsten Kapital zu schlagen.

Deswegen können wir diesen Ängsten nur entgegenstehen, indem wir klar die Zukunft skizzieren: Es werden mehr Muslime in Zukunft in Deutschland leben. Sie werden viel stärker in die Öffentlichkeit drängen und für ihre Anliegen sich einsetzen. Ich bin sehr froh, dass ich einem Land lebe, das seinen Bürgern diese Chancen bietet. In vielen klassischen muslimischen Ländern ist dies wegen 'AfD-ähnlichen Haltungen' leider nicht möglich.“


Dilek Kolat, Berlins Integrationssenatorin (SPD):

kolat

"Der Islam ist in Deutschland eine Realität, so wie Christentum, Judentum sowie andere Religionen und Glaubensgemeinschaften. In Berlin haben wir über 250 davon. Die AfD differenziert bewusst nicht zwischen Islam und Islamismus und will suggerieren, alle Menschen muslimischen Glauben seien radikal und gefährlich. Das ist falsch.

Ich appelliere an alle Vernünftigen zu unterscheiden: Der allergrößte Teil der Muslime in Deutschland lebt friedlich und gesetzestreu hier. Der politische und radikale Islamismus ist eine Minderheit. Er muss bekämpft und seine Ausbreitung durch Präventionsarbeit verhindert werden.“


Cemile Giousouf, Integrationsbeauftragte der Unionsfraktion:

giousouf

"Auf ihrem Marsch nach Rechtsaußen hat die AfD jedes Maß verloren. Heute sind es die Flüchtlinge, auf die auch geschossen werden darf. Morgen wird die Beschneidung von jüdischen und muslimischen Jugendlichen verboten. Übermorgen Schwule und Frauen mit Berufsberuf belegt.

Wir müssen jetzt ein Stoppzeichen setzen. Rechtspopulismus ist für diesen Krakeel fast schon eine beschönigende Bezeichnung. In Wahrheit sind sich islamistische Obermuftis und Rechtsradikale in ihrem gestörten Verhältnis zur Moderne, Freiheit und Demokratie ja durchaus ähnlich!

Die AfD sind aber nicht nur Muslimfeinde, sondern Religionsverächter ohne jeglichen Anspruch, Humanisten zu sein. Es sind in der Wolle gefärbte Rassisten auf der Suche nach dem nächsten Aufregerthema. So sind Höcke und Co. die wahren Feinde unserer freiheitlichen Grundordnung.“


Raed Saleh, Fraktionschef der SPD im Berliner Abgeordnetenhaus:

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"Es ist für mich als Sozialdemokrat Aufgabe meiner Generation, die Mauern zwischen Religionen, Kulturen und Weltanschauungen zu überwinden, wie es einst die Aufgabe war, Ost und West zu versöhnen."


Merve Gül, Jura-Studentin und Übersetzerin beim "Deutsch-Türkischen Journal":

merve guel

"Es ist fast schon als tragische Komödie zu betrachten, wie mir Kriminelle der AfD-Spitze das Grundgesetz erklären wollen. Da hat jemand die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht verstanden.

Die freiheitlich demokratische-Grundordnung hat die Achtung vor den im Grundgesetz konkretisierten Menschenrechten und vor allem das Recht der Persönlichkeit auf Leben und freie Entfaltung zu gewährleisten. Mit der Aushebelung dieser Grundordnung für Muslime versucht die AfD Spitze scheinbar, ihre eigene Entfaltung und Freiheit zu wahren.

Sie verachtet aber dadurch das Gleichheitsgebot des Grundgesetzes. Leute, jetzt mal ehrlich. Ihr müsst den Islam nicht geil finden. Aber wenn ihr schon für so viel Demokratie und abendländische Kultur werbt, dann müsst ihr ihn dulden. Genauso wie wir die zahlreichen AfD-Wähler dulden müssen und nicht nach Mallorca abschieben.

Über fünf Millionen Muslime leben hier nach dem Recht, das ihnen die Verfassung einräumt. Und wenn jemand das nicht mit ansehen kann, dann hat er nicht nur ein Problem mit dem Islam oder mit Muslimen, sondern mit der Demokratie. Das kann man dann auch nicht mehr mit Abstiegsängsten begründen. Wir müssen uns gut überlegen, wie wir mit diesen Menschen umgehen."


Ahmed Agdas, Jung-Politiker und Student der Sozioökonomie:

ahmed agdas

"Mittlerweile lebe ich in vierter Generation in Deutschland. Meine Familie hat den Weg in die Bundesrepublik deshalb gesucht, weil hier die freiheitlich demokratische Ordnung herrscht und jedem die Tür des Wohlstands offen steht.

Das Land, in das wir gerne gekommen sind, hatte sich noch nicht lange von einer Diktatur verabschiedet. Aber meine Familie glaubte an eine Zukunft in Demokratie, Freiheit, Schutz der Minderheiten und Frieden in Europa.

Wir gehören noch nicht lange zu Deutschland, aber wir gehören dazu. Die Ideologie der AfD ist noch nicht die ganz ferne Geschichte, aber sie ist Geschichte. Die Deutschen haben sich gegen die Ideologie, wie sie heute von der AfD vertreten wird, entschieden und haben die Wahl getroffen, in Vielfalt, Wohlstand und Frieden zu leben.

Sie haben sich gegen die Verfolgung von Minderheiten, Schießbefehle und Hetze entschieden. Wenn heute etwas nicht mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist, dann ist das die AfD und seine Ideologie."


Fatih Köylüoğlu, Bundessprecher der Initiative "Manifest der Vielfalt":

fatih koeylueoglu

"Die gegenwärtige Entwicklung der Partei AfD ist alarmierend. Die rechtspopulistische AfD skandiert und verankert in ihrem Parteiprogramm, dass der Islam nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Dies bildet den Nährboden für Islamophobie und Menschenverachtung.

Dies wirft einen großen Schatten auf unsere freiheitlich-demokratischen sowie menschenrechtlichen Grundpfeiler unserer pluralen Republik. Wenn die AfD tatsächlich glaubt, sie würde christliche Werte vertreten, dann ist der Hinweis zu erbringen, dass viele Muslime in Deutschland christlicher handeln und denken, als die AfD."


Sadiqu Al-Mousllie, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Niedersachsen:

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"Es ist beängstigend, dass wir in Deutschland eine solche Partei wie die AfD beherbergen und von unseren Steuergeldern finanzieren. Als deutscher Muslim, der seit mehr als 25 Jahren in Deutschland lebt, fühle ich mich direkt angegriffen.

Ich zahle nicht nur Steuern hier. Ich sorge als Arzt direkt für mindestens sechs Arbeitsplätze! Welche politische Kultur die AfD pflegt, war uns schon immer klar. Ich lehnte in der Vergangenheit (Januar 2015) eine Teilnahme an einer Sendung, weil Frau Petry dabei war. Diese Ideologie des Hasses bekommt viel Platz in unserem Fernsehen. Leider zeigen sie sich nun unmaskiert. Einige unserer Mitglieder haben schon uns gegenüber ihre Ängste und Verunsicherung um ihre Familien artikuliert."


Samir Bouaissa, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in NRW:

zentralrat

"Berauscht von den Ergebnissen der letzten Landtagswahl und der aktuellen Prognosen, zeigt die AfD nun ihr wahres verfassungsfeindliches Gesicht. Das Ziel dieses Programmes ist eindeutig muslimisches und zum Teil auch jüdisches Leben aus Deutschland zu verdrängen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Wähler dies erkennen und diesen offen verfassungsfeindlichen Bestrebungen eine Abfuhr erteilen."


Annett Abdel-Rahman, islamische Religionspädagogin:

abdel

"Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen und ich fühle mich als aktive Bürgerin meines Landes unserem Grundgesetz und unseren Werten verpflichtet. Dazu gehört die Freiheit eines religiösen wie nicht religiösen Bekenntnisses, dazu gehört auch der Wert, die Menschenwürde zu bewahren und zu beschützen.

Wer zum Beispiel Flüchtlinge an Grenzen erschießen möchte, alleinerziehende Mütter alleine lassen will oder eben Muslime diskriminiert, indem sie aus unser aller Gesellschaft ausgeschlossen werden, hat sich von unserem Grundgesetz und unseren Werten entfernt. Im Gegenteil, die AfD polarisiert, sie macht Politik mit der existenziellen Angst von Menschen.

Damit schürt sie Hass und Gewalt unter allen Bürgern dieses Landes. Ich wehre mich gegen diese Perspektive für mein Land!"


Eren Güvercin, Journalist und Buchautor:

eren guevercin

"Dieser hysterische Diskurs ist nichts Neues für die hier lebenden Muslime. Schon vor der AfD gab es diesen Diskurs, der die Religionsausübung der Muslime problemastisiert hat. Die AfD springt auf diesen Zug auf, mit noch extremeren Forderungen, die längst die Grenzen unseres Grundgesetzes überschritten haben.

Die etablierten Parteien reagieren wie immer: die AfD ist eine Art neue NSDAP. Sorry, aber solche historischen Vergleiche sind Bullshit. Ich erwarte von den etablierten Parteien als ein Muslim, der in Deutschland geboren und deutscher Staatsangehöriger ist, eine inhaltliche Positionierung.

Wenn die Grünen, die CDU oder die SPD immer wieder seit Jahren muslimische Gemeinden und ihre Verbände problematisieren und religionsverfassungsrechtlich benachteiligen, grenzt es an Heuchelei ihren Beitrag für die hysterische Islamdebatte unter den Teppich zu kehren.

Gibt es keine begründete Kritik an der muslimischen Community? Sicherlich, aber wenn diese an den wahren Problemen vorbeigeht und populistisch die einfache Religionsausübung zum Problem macht und stigmatisiert, dann stärkt dies gerade die radikalen Ränder. Auf beiden Seiten!"


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