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18/04/2016 14:14 CEST | Aktualisiert 19/04/2017 07:12 CEST

Kanada: Hotel am Ende der Welt

Jeremy_Koreski
Vor dem Wickaninnish Inn liegt ein ganzjähriges Surferparadies

Irgendwann ist die Straße einfach zu Ende. Vor einem wirft der raue Pazifik seine Wellen auf die felsige Küste. Im Rücken: der Pacific-Rim-Nationalpark. Jahrtausende alter, unberührter Regenwald, die spektakulären Bergspitzen des Triple Peak und Tofino, das kleine 2000 Seelen Dorf auf Vancouver Island, bevölkert von Althippies und Surfern. Und Aussteigern, ewigen und solchen auf Zeit. Letztere genießen ihre vorübergehende Freiheit vom Alltag im Wickaninnish Inn.

Wer Charles McDiarmid trifft, sieht ihn selten im Anzug. Und wenn, dann ist dieser eher aus Neopren, denn aus feinem Zwirn. Der 59-Jährige geht fast jeden Morgen mit seinen Mitarbeitern surfen, am Chesterman Beach, der sich gleich neben dem Wickaninnish Inn gen Süden streckt. Die schicken Anzüge in seinem Kleiderschrank sind nur noch stumme Zeugen eines vergangenen Lebens.

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In Tofino aufgewachsen, arbeitete McDiarmid nach seiner Ausbildung zum Hotelfachmann in Luxushotels auf der ganzen Welt. Er heiratete, bekam drei Kinder und könnte wahrscheinlich heute ein Spitzenhotel in New York, Tokio oder Kapstadt leiten. Aber das war nie sein Plan. Schon immer zog es ihn zurück in seine Heimat. In dieses Dorf voller Lebenskünstler, in diese rohe Landschaft, in der man die ursprüngliche Natur noch in all ihrer Wucht spüren kann und wo die Menschen ihr Glück darin finden, durch den Regenwald zu streifen, fischen zu gehen, in heißen Quellen zu baden oder Wale und Schwarzbären zu beobachten. Ein ideales Ziel für Reisende. "Die Zutaten waren schon immer da", sagt Charles, "was fehlte, war die richtige Klammer, um sie miteinander zu verbinden."

Diese Klammer schuf McDiarmid 1996 mit der Eröffnung des Wickaninnish Inn. Ein einzigartiger Ort. Gelegen auf einer Felsspitze direkt am Pazifik, schmiegt es sich fast organisch ein in die umliegenden Zedernwälder. Alle 75 Zimmer bieten Meerblick durch Panoramafenster. Holz und Glas bestimmen die Architektur. Und obwohl das Wicki, wie alle es nennen, nur 18 Monate nach Eröffnung in die exklusive Vereinigung von Luxushotels Relais & Châteaux aufgenommen, und seit mehreren Jahren in Folge zum besten Resort Kanadas gewählt wird, sucht man hier Prunk, wie man ihn aus High-End-Häusern in Dubai oder China kennt, vergeblich.

Lokal statt international

"Wer ein Fünf-Sterne-Hotel neben einem Hippieort baut, darf nicht mit Applaus rechnen", sagt McDiarmid. Von Anfang an war ihm klar, dass sein Projekt sehr misstrauisch beäugt werden würde. Aber McDiarmid ist selbst ein Hippie. Zumindest im Geiste. Und deshalb packt er die Dinge anders an. "Gemeinschaftswesen ist das höchste Gut in einer so kleinen Gesellschaft, wie wir sie in Tofino vorfinden", weiß McDiarmid. Deshalb band er die Gemeinschaft in sein Hotelprojekt ein. Viele Möbel und zahlreiche Schnitzereien im Hotel stammen von dem einheimischen Künstler Henry Nolla, der bis zu seinem Tod 2004 mietfrei in einem Strandhaus-Atelier direkt neben dem Hotel wohnte, das heute ein kleines Museum ist.

Seine Gäste schickt der 59-Jährige nicht mit hoteleigenen Booten zur Walbeobachtung oder in eine selbstgeführte Surfschule am Strand ("Obwohl das ein gutes Geschäft wäre"), sondern kooperiert mit den Anbietern in Tofino. Die Seifen in den Badezimmern, der Fisch auf der Menükarte, die Serviettenhalter im Restaurant und das Craft Bier in den Gläsern; sie alle stammen von kleinen lokalen Betrieben aus und um Tofino. "Ich importiere nur Dinge, die ich auf Vancouver Island nicht bekommen kann", sagt McDiarmid. So schlug Misstrauen schnell in Respekt um für den Mann, der verstand, dass wahrer Luxus durch die Symbiose lokaler Zutaten entstehen kann.

Waldfrüchte statt Wachteln

Eine Philosophie, die Charles McDiarmid auch im Hotelrestaurant umsetzt: The Pointe ist die beste Adresse auf Vancouver Island. Der achteckige, fast vollverglaste Raum bietet einen spektakulären Blick auf die Küste. Lautsprecher leiten die Meeresgeräusche ins Innere. Bei Sturm klatscht die Gischt der Brandung gegen die Panzerglasscheiben. Das Menü wechselt zwar nur etwa vier Mal jährlich. Und doch schmeckt jedes Gericht täglich ein wenig anders im The Pointe. Denn die Köche arbeiten stets mit dem, was frisch von lokalen Zulieferern kommt. Neben dem obligatorischen Burger finden sich natürlich viele Fischgerichte auf der Karte. Albacore Thunfisch an süßer Paprika mit Fenchel und Honigwasser beispielsweise, oder Meeresfrüchte in Safran-Kokosnuss-Curry mit Kurkuma-Focaccia.

Für die geschmacklichen Highlights sind aber nicht nur die Köche zuständig. Die liefern vielmehr die sogenannten Foresters. Waldläufer, die die Zedernhaine in der Umgebung täglich durchstreifen und alles sammeln, was essbar ist: Beeren, Kräuter Pilze, Wurzeln. Dinge, die man noch nie in seinem Leben gegessen hat, zu Soßen, Gelees oder Beilagen verarbeitet werden und den Besuch im The Pointe kulinarisch einzigartig machen.

Gummi statt Gucci

3160 Millimeter Niederschlag im Jahresdurchschnitt. London kommt auf 621. Kein Wunder, dass zur Standardausstattung eines jeden Zimmers im Wickaninnish Inn Gummistiefel und Regenzeug gehören. Der typische Schönwetterurlauber ist hier fehl am Platz. "Wir bieten unseren Gästen das unverfälschte Naturerlebnis", sagt McDiarmid, dessen Hotel praktisch inmitten eines jahrtausendealten Regenwalds steht. Auf unzähligen Trails lässt sich der auf eigene Faust erkunden. Lokale Veranstalter fahren Touristen zum Fischen oder zum Whale Watching vor die Küste oder führen sie zur Bärenbeobachtung in die umliegenden Fjorde. Unter Surfern gilt die Westküste von Vancouver Island ohnehin längst als Geheimtipp. Die Wassertemperatur übersteigt zwar selten die 15 Grad, dafür werden die Wellen bis zu acht Meter hoch und Saison ist das ganze Jahr. Und dann gibt es noch eine ganz andere Gruppe von Touristen: die Storm Chaser. "Einen Pazifiksturm am Strand zu erleben", weiß McDiarmid, "oder eben hinter den sicheren Panzerglasscheiben des Hotels, ist ein einmaliges Gefühl. Pure Lebendigkeit. Es erinnert dich daran, dass wir nur Gast auf diesem Planeten sind."

Die raue, ungezähmte Wirklichkeit vor der Tür, gelebte Herzlichkeit im Inneren. Das ist es, was das Wickaninnish Inn so unverwechselbar macht. Angestellte begegnen Gästen auf Augenhöhe statt mit Unterwürfigkeit, und so stellt sich innerhalb kürzester Zeit das Gefühl ein, bei guten Freunden zu Besuch zu sein. Das zu spüren, ist unbezahlbar.

Weitere Informationen: The Wickaninnish Inn wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Zum Jubiläum erhalten Gäste, die einen Aufenthalt von mindestens drei Nächten bis zum 31. Mai 2016 sowie zwischen dem 1. Oktober und 20. Dezember 2016 buchen: ein Upgrade in eine höhere Zimmerkategorie und eine Flasche Blue Mountain Sparkling Wine (aus dem Okanagan Valley, B.C., Wert 140 EUR). Doppelzimmer ab umgerechnet 300 Euro. www.wickinn.com