LIFESTYLE
18/04/2016 08:54 CEST | Aktualisiert 18/04/2016 09:56 CEST

Bier: Reinheitsgebot gilt seit 500 Jahren - aber es kommt Katerstimmung auf

Photo by Rafa Elias via Getty Images
Das Reinheitsgebot soll gutes Bier garantieren

  • Reinheitsgebot feiert 500. Geburtstag.

  • Geschätzt wird bei Bier Originalität und Spezialitäten.

Der 500. Geburtstag des Reinheitsgebotes von 1516 naht. Dafür machen die Brauer sicherheitshalber ein Fass auf: So wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zum Festakt in Ingolstadt am 22. April erwartet.

Und im Zentrum stehen vier ganz schlichte Zutaten: Wasser, Gerste und Hopfen sowie Hefe zum Gären. Sie sind die Zutaten für gutes Bier - das besagt das Reinheitsgebot seit 500 Jahren. Bis heute braucht es für das Feierabendbier eigentlich nicht mehr.

Die Bier-Zutaten nach dem Reinheitsgebot

  • Malz wird je nach Biersorte aus Gerste oder Weizen gewonnen. Das Getreide wird mit Wasser vermengt, damit es keimt. Danach wird das Grünmalz ähnlich dem Rösten von Kaffee in der Darre getrocknet. Es gibt mehr als 40 Sorten wie helles und dunkles Malz, Rauch- oder Karamellmalz.
  • Hopfen sorgt für den mehr oder weniger bitteren Geschmack des Bieres. Zudem beeinflusst er die Schaumkrone und erhöht die Haltbarkeit. Es gibt Bitter- und Aromahopfen. Der Braumeister kann aus über 200 Sorten auswählen. Meist nimmt er mehrere Sorten für einen Sud. In der Hallertau, zwischen München und Nürnberg, liegt das größte Hopfenanbaugebiet der Welt.
  • Wasser ist der Hauptbestandteil jedes Biers. Seine Mineralstoffe beeinflussen den Geschmack. So wird das malzig-süße Münchner Dunkelbier mit hartem Wasser gebraut. Das feinherbe Pils hingegen braucht weiches, kalkarmes Wasser. Laut der Trinkwasserverordnung sind die Anforderungen an Brauwasser höher als die an Trinkwasser.
  • Hefe verwandelt bei der Gärung den Malzzucker in Alkohol, Kohlensäure und Wärme. Die Hefe prägt auch das Aroma des Biers maßgeblich mit. Es gibt 200 Hefestämme. Brauer unterscheiden zwischen obergärigen Hefen für Weizen- und untergärigen für Gerstenmalz. Untergärige sinken an den Boden der Flüssigkeit, obergärige steigen auf.

Die Rezeptur scheint einfach und genial, für manchen zudem richtig süffig. Aber die Realität lässt sich auch nicht wegtrinken: Der Branche droht ein mächtiger Kater. Nicht wegen der Glyphosat-Affäre vor wenigen Wochen. Sechs Punkte, die das Problem der deutschen Bauer zeigen:

1. Bier ist weltweit beliebt - nur die Deutschen trinken weniger

Weltweit wächst der Bierkonsum. China und Brasilien sind riesige Märkte und produzieren selbst weit mehr Bier als Deutschland. Und im internationalen Geschäft dominieren Braugiganten wie AB-Inbev und SABMiller, die aktuell eine Megafusion im Wert von rund 100 Milliarden Euro festzurren, oder Heineken.

Selbst die größten deutschen Braukonzerne wie Radeberger oder Oettinger sind im Vergleich nur Zwerge, die sich in der Vergangenheit auf den deutschen Markt konzentriert haben.

Das könnte jetzt zum Problem werden: Trank der Bundesbürger 1976 im Durchschnitt 151 Liter Bier, sind es heute nur noch 106 Liter - wieder ein Liter weniger als im Vorjahr. Jürgen-Michael Gottinger, Branchenexperte bei der Münchner Unternehmensberatung W&P, schaut auf die alternde Bevölkerung, die gesellschaftlichen Trends und rechnet mit einem weiteren deutlichen Rückgang bis 2025: "Eine Katastrophe für die deutschen Brauereien."

2. Pils ist beliebt - besonders wenn es günstig ist

Schon jetzt wird die Branche deshalb von einem erbitterten Preiskampf erschüttert. Pilsbiere schmecken den meisten Biertrinkern, sind aber nur noch schwer zu unterscheiden - da greifen die meisten Käufer zum billigeren Angebot. "Heute wird jede vierte Flasche Bier über Aktionen verkauft", sagt Gottinger. Und dieser Anteil steige jedes Jahr um ein Prozent.

3. Brauereien sterben - die Gesamtzahl steigt aber

Viele mittelständische Brauereien haben dem Preisdruck nicht standgehalten und mussten aufgeben, sagt Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes.

Trotzdem ist die Zahl der Bierproduzenten in Deutschland im vergangenen Jahr um weitere 31 auf 1388 gestiegen. Und zwar vor allem dank der neuen Gasthof- und Mikrobrauereien. Sie produzieren keine 1000 Hektoliter im Jahr, machen aber inzwischen die Hälfte aller Brauereien aus.

4. Craft Beer ist im Trend - unter Feinschmeckern

Beflügelt wurde die Entwicklung von Craft Beer, meist hopfenbetont-fruchtigen Sorten, die mit ganz neuen Aromen spielen und viele Biertrinker neugierig gemacht haben. Dafür sind Feinschmecker dann auch bereit, zwei Euro pro Flasche zu zahlen. Mit einem Marktanteil im Promillebereich spielen Craft-Biere aber bisher keine große Rolle.

5. Bier muss originell sein - dann ist es eine Spezialität

Andere dagegen sind mit einer regionalen Ausrichtung und konsequenter Markenpflege erfolgreich - "authentisch, präsent vor Ort, mit tadelloser Qualität" können sie auch höhere Preise durchsetzen: "Sie werden als Spezialität wahrgenommen."

Gottinger nennt als Beispiele hierfür das Münchner Augustiner oder das Tegernseer. "Originelle regionale Marken sind im Trend." Auch Flensburger ist so im hart umkämpften Pils-Markt erfolgreich unterwegs.

6. Alkoholfreies boomt - und passt zum Lebensstil

Viel wichtiger ist ein anderer Trend: "Alkoholfreies Bier brummt wie der Teufel", sagt Ebbertz. Laut Deutschem Brauerbund wuchs der Marktanteil im vergangenen Jahr weiter kräftig auf 5,6 Prozent. Brauereien bewerben ihre Alkoholfreien heute als Lifestyle-Getränke, kalorienarm, gesund, als isotonische Getränke für Sportler.

Denn die Deutschen achten mehr auf Gesundheit und Fitness - da hat es die Flasche Pils mit 430 Kilokalorien und fünf Prozent Alkohol schwerer.

Am Arbeitsplatz wird ebenfalls volle Leistungsfähigkeit erwartet. Ein Bier zum Mittagessen in der Kantine ist in den allermeisten Unternehmen längst passé. Da passt es ins Bild, dass die Stadt Berlin über ein Alkoholverbot diskutiert.

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