POLITIK
17/04/2016 18:18 CEST | Aktualisiert 18/04/2016 05:39 CEST

Diese fünf vergessenen Krisen sollten wir nicht ignorieren

Diese 5 vergessenen Krisen könnten die Welt ins Chaos stürzen
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Diese 5 vergessenen Krisen könnten die Welt ins Chaos stürzen

In Deutschland blicken alle auf die Böhmermann-Krise und manchmal auch noch auf die Kriege in Syrien und der Ukraine .

Dabei drohen in der Berichterstattung fünf Krisenherde unterzugehen. Krisen, die bislang eher noch regionale Bedeutung haben - aber sich leicht zu weltweiten Problemen entwickeln könnten.

1. Griechenland droht schon bald das nächste Finanzchaos

Führende Wirtschaftsforschungsinstitute glauben nicht, dass Griechenland seine Schulden aus eigener Kraft bedienen kann.

Die Konjunkturexperten der Institute machten bei der Vorstellung ihrer Frühjahrsprognose für die Bundesregierung klar, dass sie mit einem Schuldenschnitt für Griechenland rechnen. "Ein Schuldenschnitt für Griechenland ist auf lange Sicht schlicht unvermeidbar", sagte Oliver Holtemöller, Leiter der Makroökonomischen Abteilung am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), gerade erst der „Welt“. "Im Moment werden die Probleme des Landes nur hinausgezögert."

greece euro

Es geht um viele Milliarden Euro, die der deutsche Steuerzahler dem griechischen Staat geliehen hat. Zugleich wurden durch die Sparpolitik der vergangenen Jahre Millionen von Griechen in die Armut gestürzt.

Allerdings geht es nicht "nur" um immense Summen. Es geht letztlich um die Frage, wie viel Solidarität es unter den europäischen Ländern noch gibt. Es geht um Europa.

2. Chinas Wirtschaft schwächelt massiv

Lange Zeit war China der Motor der Weltwirtschaft. Doch die Wirtschaft im Reich der Mitte ist in den ersten drei Monaten des Jahres so langsam gewachsen wie zuletzt 2009 während der globalen Finanzkrise. Das Bruttoinlandsprodukt legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nur noch um 6,7 Prozent zu, wie das staatliche Statistikbüro am Freitag mitteilte.

Im Schlussquartal 2015 hatte das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt noch 6,8 Prozent betragen. Im Gesamtjahr war die Wirtschaft um 6,9 Prozent gewachsen, so langsam wie seit 25 Jahren nicht mehr.

china stock

Für die kommenden Monate deuten die Wirtschaftsdaten auf eine Stabilisierung hin, da die Anlageinvestitionen, Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze unerwartet stark zulegten.

Dennoch ist Chinas Wirtschaft extrem nervös. So droht etwa schon lange eine Immobilienblase. Auch die Aktienmärkte waren zuletzt hoch nervös.

Eine Rezession oder ein Financrash in China hätte auch massive Folgen für uns. Denn die deutsche Wirtschaft, vor allem die Maschinen- und Autobauer, die Millionen Menschen beschäftigen, ist in hohem Maße abhängig von den Exporten nach China.

Geht es der Wirtschaft in China also schlecht, leiden auch wir.

China ist wichtigster Wirtschaftspartner in Asien und ein gewaltiger Absatzmarkt für Waren „Made in Germany“. Deutsche Unternehmen haben im Jahr 2015 Waren im Wert von rund 75 Milliarden Euro nach China exportiert. Doch die Zeiten zweistelliger Wachstumsraten der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt sind vorbei, der Industrie-Motor im Reich der Mitte stottert hörbar. Und das hat Folgen: Denn wenn chinesische Verbraucher weniger im Portemonnaie haben, kaufen sie weniger deutsche Autos.

Ein etwas komplizierter Effekt: China hat in der Vergangenheit massiv auch deutsche Staatsanleihen gekauft. Das senkt unter anderem auch die Zinsen für deutsche Verbraucher bei den Banken.

Und die Aussichten für die Wirtschaft in China sind auch aus einem anderen Grund alles andere als gut. Die dortige Immobilienblase droht bald zu platzen: Der Häuserboom der vergangenen Jahre hatte in dem asiatischen Land bereits 2014 ein vorläufiges Ende erreicht: Es besteht die Gefahr eines massiven wirtschaftlichen Abschwungs.

3. Mazedonien befindet sich in einer massiven innenpolitischen Krise

Für die EU ist Mazedonien offenbar vor allem der Prellbock gegen einen weiteren Zustrom an Flüchtlingen. Dass das Land in einer Mega-Krise steckt, kommt in der Berichterstattung hierzulande praktisch kaum vor.

Schon lange kämpft das Land, in dem auch eine große muslimische Minderheit lebt, mit innenpolitischen Problemen. Nun haben sich diese dramatisch zugespitzt.

Nachdem Parlamentspräsident Trajko Veljanoski am Freitag eine vorgezogene Parlamentswahl bereits für Juni angekündigt hatte, hat die Opposition eine Intensivierung der seit Mittwoch anhaltenden Proteste angekündigt, bei denen es in der Nacht zum Freitag in der Hauptstadt Skopje abermals zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten gekommen war. Das berichtet die „FAZ“.

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Die Sicherheitskräfte mussten demnach Tausende Anhänger und Gegner der Regierung auseinanderhalten. Die Opposition hatte schon zuvor einen Boykott der Wahl angekündigt, da ihrer Ansicht nach die Voraussetzungen dafür nicht gegeben sind, die in einer von der Europäischen Union vermittelten Vereinbarung über den Ausweg aus der Krise im Juli 2015 festgelegt wurden.

Die massiven Proteste hatten sich an einer am Dienstag verkündeten Entscheidung von Staatspräsident Gjorge Ivanov entzündet, in der die Opposition die endgültige Aufkündigung der Vereinbarung vom Juli sieht. Ivanov hatte durch Begnadigungen Ermittlungen gegen eine Vielzahl ranghoher Politiker beendet.

Die Krise hatte Anfang 2015 mit dem Vorwurf des Oppositionsführers Zoran Zaev gegen die Regierung begonnen, diese habe etwa 20.000 Mazedonier illegal abhören lassen.

Jede Destabilisierung des Landes hätte direkte Auswirkungen auf die Flüchtlingsströme. Auswirkungen, die die ganze EU spüren würde.

4. Brasilien wird seit Längerem von einer Wirtschafts-, Politik- und Umweltkrise gebeutelt

Die größte südamerikanische Volkswirtschaft galt lange als aufstrebende Wirtschaftsnation des amerikanischen Kontinents schlechthin. Doch die Zeiten, in denen sogenannte BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) europäischen Sozialstaaten als Vorbild präsentiert wurden, sind lange vorbei.

Brasilien wird seit Längerem von einer Wirtschafts-, Politik- und Umweltkrise gebeutelt. Die Korruption zerfrisst das ganze Land – selbst die Spitzen der Politik sind offenbar betroffen.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff stemmt sich mit aller Macht gegen ihren drohenden Sturz. Bis zur letzten Minute versuchte ihr Lager, Abgeordnete von einer Zustimmung zu ihrer Amtsenthebung abzubringen.

brazil

Im Abgeordnetenhaus war dafür eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig, Ergebnisse des mehrstündigen Votums wurden in der Nacht zu Montag erwartet. Stimmt anschließend noch der Senat Ende April mit einfacher Mehrheit zu, würde Rousseff zunächst für 180 Tage suspendiert. In dieser Zeit würden die Vorwürfe gegen Rousseff im Senat juristisch geprüft. Bis Oktober könnte der Senat sie mit Zwei-Drittel-Mehrheit endgültig des Amtes entheben.

Zu Beginn des Abstimmungsprozesses gab es tumultartige Szenen in der Hauptstadt Brasília. Es kam im Abgeordnetenhaus zu lauten "Arbeiterpartei raus"-Rufen und Wortgefechten zwischen Gegnern und Anhängern der Präsidentin von der linken Arbeiterpartei (PT), der Tricksereien beim Staatshaushalt vorgeworfen werden. Abgeordnete der Arbeiterpartei riefen: "Es darf keinen Putsch geben". Sie zeigten ein Banner "Weg mit Cunha" - Parlamentspräsident Eduardo Cunha hatte das Verfahren gegen Rousseff federführend unterstützt, obwohl ihm selbst die Annahme von fünf Millionen Dollar Schmiergeld vorgeworfen wird.

Keine vier Monate vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro ist die Stimmung am Tiefpunkt: Das Land steckt in einer tiefen Rezession, ist nahezu regierungsfähig und dutzende Politiker sind verstrickt in einen Korruptionsskandal, die Arbeitslosenzahl liegt bei 9,6 Millionen.

Zugleich steckt das Land in einer latenten Umweltkrise. Der Amazonas-Regenwald wurde in den vergangenen Jahren massiv abgeholzt. Zudem gab es zuletzt mehrere Umweltkatastrophen: Nach dem Dammbruch in einem Eisenerz-Bergwerk begrub giftiger Schlamm im November vergangen Jahres in Brasilien eine ganze Region unter sich.

Damit steht für den weltweiten Klimaschutz viel auf dem Spiel. Und auch für die Weltwirtschaft. Denn in Brasilien haben viele aussändische Firmen investiert, darunter VW. Kracht es dort, überträgt sich das.

5. Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan spitzte sich zuletzt massiv zu

Der Territorialkonflikt um Nagorni Karabach eskaliert regelmäßig. Während Armenien an seiner Besetzung aserbaidschanischer Gebiete festhält, wächst in Aserbaidschan der Frust ob der seit Jahren ungelösten Situation.

Zuletzt spitze sich die Situation im Kaukasus aber wieder massiv zu: Anfang April starben mindestens ein Kind und mehr als 30 Soldaten bei Kämpfen in der Region Berg-Karabach.

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Auch für den Westen ist der Konflikt, der in der deutschen Berichterstattung eine sehr untergeordnete Rolle spielt, relevant. Erfahrungen der Vergangenheit etwa in Georgien oder Tschetschenien zeigen, dass regionale Konflikte, schnell auch zu internationalen Krisen führen können. Die EU sollte also auch den armenisch-aserbaidschanischen Konflikt nicht aus den Augen verlieren.

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(sk)