POLITIK
16/04/2016 17:22 CEST | Aktualisiert 16/04/2016 17:54 CEST

So irre verlief die Diskussion über den HuffPost-Text zum Hass auf Erdogan

So irre verlief die Diskussion über den HuffPost-Text zum Hass auf Erdogan
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So irre verlief die Diskussion über den HuffPost-Text zum Hass auf Erdogan

Es war eigentlich nur eine einfache Frage: „Kann es sein, dass wir Erdogan vor allem deshalb hassen, weil er Muslim ist?“

Sie war Gegenstand eines HuffPost-Textes, der sich mit der Diskussionskultur in der Böhmermann-Affäre auseinandersetzte.

Die Gründe für den Verdacht:

1. Die immer wiederkehrenden islamfeindlichen Beleidigungen im Bezug auf den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Zum Beispiel „Ziegenficker“, aber auch „Schafsficker“ und ähnliche Schimpfwörter. Sie haben ihre Wurzel ganz klar in den islamischen Ernährungsvorschriften (Muslime essen im Gegensatz zu vielen Deutschen kein Schweinefleisch) und in rassistischen Vorurteilen gegenüber Türken als „rückständig“ und „provinziell“.

Jan Böhmermann hatte sie in seinem „Schmähgedicht“ wenigstens apostrophiert, von seinen Anhängern werden sie jetzt ganz ohne Apostrophe weiterverwendet.

2. Die unterschiedliche Wahrnehmung von Autokratien in Deutschland. Als Russlands Präsident Wladimir Putin im Jahr 2014 die Krim annektieren ließ, zeigten sich viele Deutsche verständnisvoll. Die Krim und die Ostukraine seien ja Teil der „Einflusssphäre“ Russlands. Im Falle Erdogans fällt es den Deutschen offenbar viel leichter, den Despoten zu erkennen.

3. Mangelndes Demokratieverständnis im Umgang mit Erdogan. Um es klar zu sagen: Recep Tayyip Erdogan ist ein brutaler Autokrat, ein Menschenfeind, ein Unterdrücker und keinesfalls ein geeigneter Bündnispartner für westliche Demokraten. Dieser Mann hat sich schuldig gemacht am Tod von vielen Menschen und beraubt Millionen von Bürger ihrer Freiheiten.

Aber auch dieser Mann ist ein Mensch, und in einem Rechtsstaat hat auch er Menschenrechte. Es wird zu klären sein, ob Jan Böhmermann den türkischen Präsidenten tatsächlich im strafrechtlichen Sinne „beleidigt“ hat. Aber woher kommt bloß die allzu schnelle Bereitschaft, einem konservativen Muslim wie Erdogan das Recht auf Würde (Artikel 1 Grundgesetz) abzusprechen? Kann es am Ende sein, dass sich viele Böhmermann-Fans einfach moralisch und kulturell überlegen fühlen?

Die Diskussion an diesem Freitag, an dem der Text erschien, war ohnehin hitzig. Quer durch die politischen Lager verliefen die Fronten. Sascha Lobo notierte dazu am Samstag:

Doch der Erdogan-Text rief besonders heftige Reaktionen hervor.

Der frühere „Bild“-Unterhaltungsjournalist und jetzige Chefredakteur von "stern.de", Philipp Jessen, glaubte offenbar, dass der Autor des Textes „durchgedreht“ sei. Gründe für sein Urteil nannte er trotz Nachfrage nicht.

Daniel Steinvorth, Auslandsredakteur bei der „Neuen Zürcher Zeitung“, verglich die Aussagen des Textes mit denen der „AKP-Lobby“ (gemeint ist die Partei von Erdogan) in der Türkei.

Aber das waren noch die sachlicheren Einlassungen.

Twitter-User „steve_schmidt75“ sprach Erdogan indirekt das Menschsein ab.

In eine ähnliche Kerbe schlug „satyrography“. Er bezeichnete Erdogan schlicht als „Arschloch“.

„KlausSplinter“ urteilt, dass Erdogan ein „Angeber und Großkotz“ sei.

Es gab aber auch User, die Gründe dafür angaben, warum sie Erdogan verachten.

Auffallend war auch, dass sich mit zunehmender Dauer der Diskussion auch Parolen unter die Tweets der Böhmermann-Fans mischten, die man zuletzt auch bei diversen Pegida- und AfD-Demos beobachten konnte.

Außerdem gab es auch einige positive Reaktionen auf den Text.

Was das nun alles über die Diskussionskultur in Deutschland aussagt? Vielleicht soviel: Allzu viele Deutsche meinen derzeit allzu schnell, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.

Doch ob das wirklich stimmt, das wissen wir eben noch nicht.

Solidaritäts-Song für Böhmermann: Hallervorden nennt Erdogan einen "Terroristen"

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(sk)