POLITIK
15/04/2016 04:20 CEST | Aktualisiert 15/04/2016 07:36 CEST

US-Zeitung pöbelt über „Merkels Geschwafel" – das sagen internationale Medien zur Böhmermann-Affäre

  • Internationale Medien greifen jetzt den Fall Erdogan auf

  • Der Tenor: In Deutschland steht die Redefreiheit auf dem Spiel

Internationale Medien greifen zunehmend den Fall Böhmermann auf. Während sich die meisten türkischen Medien wenig überraschend auf die Seite des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan stellen, kommt scharfe Kritik von US-Medien.

Die „New York Times“ etwa zeigt sich verwundert über den Streit. Die „Washington Post“ übt in einem Leitartikel scharfe Kritik an Angela Merkels Haltung im Fall Böhmermann.

Merkel kuscht wegen der Flüchtlinge

„Der ganze Fall sollte nichts als schallendes Gelächter über den Größenwahn Erdogans auslösen. Es ist alarmierend, dass Merkel zumindest vorgibt, das Ganze ernst zu nehmen“, schrieben die Herausgeber bereits am Donnerstag.

Das deutsche Gesetz, das ausländischen Staatsführern erlaube, Kritiker in Deutschland zu verklagen, sei anachronistisch und müsse abgeschafft werden, kritisierte die Zeitung. Es habe in einer westlichen Demokratie keinen Platz. Merkel hatte das Schmähgedicht des ZDF-Satirikers Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan als „bewusst verletzend“ bezeichnet.

Der wahre Grund für Merkels Äußerungen sei Erdogans wichtige Rolle in der europäischen Flüchtlingsfrage, hieß es weiter. Merkel habe vermutlich eine diplomatische Krise verhindern wollen. Das sei aber womöglich verhängnisvoll, stehe doch die Redefreiheit in Deutschland auf dem Spiel.

Mit Meinungsfreiheit hat das nichts mehr zu tun

„Merkels Geschwafel ist dazu angetan, Erdogan und andere Regime - China kommt uns in den Sinn - zu ermutigen, kritische Äußerungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Grenzen zu unterdrücken“, schreibt die Zeitung. Merkels einzige Antwort auf Erdogan solle darin bestehen, was ihr Sprecher bereits am Montag gesagt habe: „Als Eckstein der Verfassung ist die freie Meinungsäußerung unverhandelbar.“

Auch in anderen Ländern ist die Böhmermann-Affäre ein Thema.

So etwa in Großbritannien. In dem Land werden die Presse- und Meinungsfreiheit von jeher groß geschrieben. So berichtet etwa der angesehene „Guardian“ ausführlich über die Diskussion über die Böhmermann-Affäre in deutschen Medien und der Politik. "Die Affäre hat die deutsche Öffentlichkeit gespalten", resümiert die Zeitung zutreffend. Britische Medien üben auch Kritik an Merkel.

"Keine Satire"

Ganz anders die Presse am Bosporus: Die bekannte türkische Zeitung „Sabah“ rechnet besonders heftig mit dem deutschen Satiriker ab: "In der deutschen Geschichte gab es noch nie ein derartiges Hass-Gedicht, auch wenn es unter der Rubrik 'Satire' veröffentlicht wurde.“

Damit werde „nicht nur der türkische Präsident Erdogan beleidigt, sondern eine ganze Nation“, zitiert der „Deutschlandfunk“ aus der Europaausgabe des Blatts.

Bei der Tageszeitung, die mit einer Auflage von über 330.000 eine der reichweitenstärksten am Bosporus überhaupt ist, glaubt man: „Mit Meinungsfreiheit hat das nichts mehr zu tun. Der Antrag auf Strafverfolgung des türkischen Botschafters wird die Medien, die die Sache zu einer nationalen Angelegenheit gemacht haben, noch zorniger machen", kommentiert „Sabah“ in seiner Montagsausgabe. Das Blatt gilt am Bosporus als einflussreich.

"Unverschämt"

Auch von anderen türkischen Medien gibt es Kritik. „Hat die deutsche Kultur diesen Humor hervorgebracht?“ schreibt die AKP-nahe Tageszeitung "Star": „Das, was als Humor bezeichnet wird, ist lediglich eine widerwärtige Pornofantasie.“ Die regierungsnahe "Takvim" zeigt sich ebenfalls entrüstet und bezeichnet Böhmermann als einen „unverschämten TV-Moderator“, der „nicht zu duldende Ausdrücke in den Mund genommen hat.“

Nur einzelne Blätter berichten neutral. So etwa „Hürryet“, die zumindest in ihren Online-Ausgaben, auf den von "Sabah" und anderen eher regierungsnahen Medien zur Schau gestellten nationalen Pathos verzichten.

Mit Material der dpa

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