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15/04/2016 16:08 CEST

Überlastete Republik: Warum junge Asylbewerber Deutschland wirklich überfordern

Rund 70.000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge befinden sich in Deutschland
dpa
Rund 70.000 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge befinden sich in Deutschland

  • Ein Vormund betreut im Durchschnitt bis zu 50 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge

  • Die Asylverfahren der Kinder und Jugendlichen ziehen sich oftmals unnötig in die Länge

Fast 70.000 minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge befinden sich aktuell in Deutschland - mehr als doppelt so viele wie im vergangenen Jahr.

Weil sie als besonders schutzbedürftig gelten, ist für die Kinder und Jugendlichen theoretisch eine intensive Betreuung durch Sozialpädagogen vorgesehen.

Die Realität sieht wohl leider anders aus. Denn durch die stark angestiegenen Zahlen fehlt vielerorts das Personal, das sich eigentlich um eine geeignete Unterbringung und Betreuung der Minderjährigen kümmern sollte, berichtet die "Welt".

"Im Einzelfall betreut ein Vormund 100 Minderjährige"

"Wegen des starken Zuzugs von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen ist der Bedarf an Vormündern groß, meist betreut ein Vormund 50 Minderjährige, in Einzelfällen können es aber auch mehr als 100 sein", sagte Tobias Klaus vom Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge im Interview mit der "Welt".

Weil viele Amtsvormünder überlastet seien, seien viele neue Kräfte eingestellt worden, heißt es weiter. "Die Anfragen von Vormündern an unseren Verband haben massiv zugenommen. Viele von ihnen sind unerfahren und wissen nicht, ob sie einen Asylantrag stellen sollen oder nicht", sagte Klaus weiter.

Die Anträge der Jugendlichen ziehen sich so über Monate hin - im Durchschnitt sogar länger, als die von erwachsenen Flüchtlingen.

Unbegleitete Minderjährige warten oft über ein halbes Jahr auf ihren Asylantrag

Rund 6,7 Monate mussten unbegleitete Minderjährige letztes Jahr warten, berichtet das Blatt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vermeldete währenddessen eine durchschnittliche Wartezeit für Erwachsene von rund sechs Monaten.

Das könnte wohl auch daran liegen, dass viele Vormünder lange zögern, überhaupt einen Antrag für die Minderjährigen zu stellen.

Denn: Soziale Einrichtungen und auch das BAMF gehen wohl im Sinne des Kindeswohls davon aus, dass es sinnvoll sein kann auf den Antrag zu verzichten - vor allem, wenn die Minderjährigen aus einem Herkunftsland mit geringen Erfolgschancen stammen.

Rund 6.000 Kinder und Jugendliche gelten als vermisst

Und das, obwohl in der Praxis unbegleitete Minderjährige wohl nur im Einzelfall abgewiesen werden: Rund 93 Prozent der Asylanträge der Kinder und Jugendlichen, die alleine nach Deutschland kamen, wurden genehmigt, berichtet die "Welt" unter Berufung auf eine Studie des BAMF.

Der Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) kritisierte aktuell nicht nur die nicht kindgerechte Unterbringung vieler unbegleiteter Kinder und Jugendlicher in Massenunterbringungen, sondern machte auch auf diese dramatische Zahl aufmerksam.

5835 geflüchtete Kinder und Jugendliche wurden demnach allein 2015 als dauerhaft vermisst gemeldet, berichtet die Organisation unter Berufung auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen.

Mit Material von dpa

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