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15/04/2016 08:39 CEST | Aktualisiert 15/04/2016 16:50 CEST

Der Fall Claudia Effenberg zeigt, was in unserem Land unglaublich schief läuft

Der Fall Claudia Effenberg zeigt, was in unserem Land unglaublich schief läuft
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Der Fall Claudia Effenberg zeigt, was in unserem Land unglaublich schief läuft

Man muss Claudia Effenberg nicht mögen, um eines zu verstehen: Sie hat unsere Gesellschaft entlarvt. Sie hat den Schleier weggerissen, der unsere Fratze bedeckt. Seht her, wie hässlich wir sind!

Während Medien und Hater über ihr angebliches Botox-Gesicht lästerten, kannte nur Claudia Effenberg den wahren Grund für ihr verändertes Aussehen. Jetzt hat sie ihn öffentlich gemacht und ich hoffe sehr, dass sich einige Menschen schämen. Auch wenn ich das für unwahrscheinlich halte.

Das hat Deutschland gesehen:

Claudia Effenberg sieht plötzlich anders aus. "Was ist denn mit deinem Gesicht passiert, Claudia?", titelte die "Bild". Hatte da etwa jemand eine Schönheits-OP? Ist das der verzweifelte Versuch eines Möchtegern-Promis, das Altern aufzuhalten?

Effenberg ist die Frau, die einer anderen den Mann gestohlen hat. Die Frau, die immer ein bisschen zu laut und schrill ist. Die ihren Ehestreit in der Öffentlichkeit austrägt und in peinlichen Reality-Shows auftritt. Eine Botox-Panne scheint da fast die logische Konsequenz zu sein.

Das hat Claudia Effenberg gesehen:

Effenberg hat ihre Schwester an den Krebs verloren. "Es hat mir das Herz zerrissen, als ich von ihrer Krankheit erfuhr", sagte sie jetzt dem Magazin "Bunte".

Man kann nur erahnen, wie die vergangenen Monate für sie gewesen sein müssen. Sie trauerte um einen geliebten Menschen. Sie nahm deshalb ein paar Kilo zu. Und las in den Zeitungen Spekulationen über ihr Aussehen. Häme, Spott, gehässige Sprüche in einer Zeit, in der sie so verwundbar war.

Sie musste es stumm ertragen. Denn die andere Wahl wäre gewesen, öffentlich über etwas zu sprechen, das sie selbst erst begreifen musste.

Wir marschieren in Reihe und Glied

Der Fall Claudia Effenberg zeigt, was in unserem Land unglaublich schief läuft. Denn gerade an unserem Umgang mit Personen des öffentlichen Lebens zeigt sich, wie wir als Gesellschaft ticken. Wir verurteilen, wir spotten, wir missgönnen ihnen den Erfolg. Wofür ist die eigentlich berühmt? Wie ist der an dieses Amt gekommen? Wieso haben die soviel Geld?

Eine Person des öffentlichen Lebens muss alles aushalten können, finden wir. Und vergessen dabei, dass auch Prominente Menschen sind. Reichtum, Bekanntheit und Erfolg scheinen in Deutschland ein Verbrechen zu sein, für das die Betroffenen ein Leben lang bestraft werden müssen. Es ist kein Wunder, dass zum Beispiel Milliardäre hier zurückgezogen leben, während sich Mark Zuckerberg, Bill Gates und Elon Musk öffentlich engagieren.

Deutschland ist eine militärische Gesellschaft. Wir marschieren in Reihe und Glied. Und wehe, wenn jemand ausbricht! Wer beliebt ist, erntet auch Hass. Ist arrogant. Muss immer im Mittelpunkt stehen. Lacht zu viel. Wer nicht beliebt ist, gilt als Außenseiter. Ist zu still. Zieht sich zurück. Geht zu wenig aus sich heraus.

Schönheits-OPs sind verpönt, gleichzeitig wollen wir auch niemanden altern sehen. Wir lästern über Cellulite und Bauchspeck, über den Magerwahn empören wir uns aber auch.

Die halb zerfetzten Regeln des Umgangs miteinander gelten nicht mehr

Es ist ein verdammt schmaler Grat, den wir als normal und angemessen sehen. Wer auf einer Seite die Grenze übertritt, steht unter kritischer Beobachtung. Und gerade im Umgang mit Prominenten lassen wir alle Menschlichkeit fahren. Die sowieso schon halb zerfetzten Regeln des Umgangs miteinander gelten bei ihnen nicht. Ihnen gegenüber können wir sein, wie wir wirklich sind. Gehässig, missgünstig, kalt.

Der Mob, der die Fackeln und Mistgabeln in die Höhe reckt. Und mit einer gemeinsamen, grausamen Stimme spricht. Ich empfehle zu diesem Thema den Roman "Herr der Fliegen" des Nobelpreisträgers William Golding. Darin entfesselt die Gesellschaft ihr inneres Biest, als Schuljungen auf einer einsamen Insel landen und von den Zwängen der Zivilisation befreit werden. Das Buch stammt aus dem Jahr 1954.

Heute reicht es, wenn das Gesicht einer Prominenten plötzlich rundlicher ist als vorher. So weit ist es gekommen.

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