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14/04/2016 12:06 CEST | Aktualisiert 14/04/2016 12:11 CEST

Was ich auf einer Sexparty nur für Frauen gelernt habe

Wenn du willst, kann die Handschellen-Saison auch das ganze Jahr dauern.
VICTORIA DAWE, COURTESY OF SKIRT CLUB
Wenn du willst, kann die Handschellen-Saison auch das ganze Jahr dauern.

Manche Erfahrungen sollte man einfach gemacht haben.

Das erste Mal, dass ich ein Latextuch zu Gesicht bekam, war im Gesundheitsunterricht in der 8. Klasse. Das zweite Mal war bei einer Sexparty im New Yorker Stadtteil Lower East Side.
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Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zu einer Sexparty gehen würde. Für mich waren Sexpartys immer so eine Art Bacchanalien aus dem echten Leben, die man nur aus Pornos kennt. Nicht wirklich mein Ding. Ich meine damit, dass ich mich zwar als selbstbewusste und sexuell ziemlich aufgeschlossene Frau beschreiben würde, doch hinsichtlich der Tatsache, dass ich mich ausschließlich für Männer interessiere, bin ich sehr brav. Außerdem bin ich eine Verfechterin von Monogamie. Warum bin ich dann letztes Wochenende auf eine exklusive Party rein für Frauen gegangen? Vielleicht war es die Voyeurin in mir, die zustimmte, als ich auf die Party aufmerksam wurde. Doch dass die Firma, die die Party organisierte, allem Anschein nach feministisch ausgerichtet war, bestärkte mich in meiner Entscheidung. Der aus London stammende Skirt Club, der als "Erlebnis für Frauen, das ihr Selbstbewusstsein stärkt" angepriesen wurde, wurde 2014 gegründet, um "gebildete, berufstätige Frauen, die Lust auf eine bestärkende Entdeckungstour in einer privaten, sicheren Umgebung haben" zusammenzubringen. Ich bin eine gebildete, berufstätige Frau und ich stehe auf "bestärkende Entdeckungstouren". Warum es also nicht einfach einmal versuchen?

Was macht es schon, wenn ich einfach mal ein bisschen Zucker vom Hintern einer fremden Frau schlecke?

Die Party begann an einem Samstagabend um 21:00 Uhr in einem Penthouse. Zusammen mit meiner Freundin Kristin, die ich bekniet hatte, mich zu begleiten, kam ich 20 Minuten nach Beginn der Party an. Wir wollten nicht als Erste dort aufkreuzen und unnötig lange Small Talk machen müssen. Als wir am Eingang ankamen führte eine wunderschöne Engländerin, die ein mit Ketten geschmücktes Korsett trug, uns in das schwach beleuchtete Loft, das mit Rosenblättern und Kerzen dekoriert war. Man reichte uns Gläser mit Champagner und die erste Person, die mir auffiel, war die Barkeeperin. Sie trug einen Body, der ihre Brüste komplett enthüllte, bis auf ihre Brustwarzen, die mit silbernen Pailetten-Pasties bedeckt waren. Kristin und ich erkundeten das Appartement. Wir kicherten, als wir noch ein weiteres Schlafzimmer, einen Whirlpool, Paddel, Bettfesseln und Latextücher entdeckten. Die ersten paar Stunden waren ausschließlich dafür gedacht, mit den anderen Gästen in Kontakt zu kommen. Um die 50 Frauen, alle im Alter zwischen 21 und 49 Jahren, schlürften Cocktails und unterhielten sich miteinander, während zwei Chocolatiers umhergingen und Süßigkeiten verteilten – sowie flüssige Kakaobutter. Ich dachte mir nur: "Jetzt geht's aber los!" Vielleicht sollte ich an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass es nicht ganz unkompliziert ist, eine Freundin auf so eine Party mitzunehmen. Warum? Tja, ich glaube diese SMS bringt es ganz gut auf den Punkt:
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Das ist die Original-SMS, die ich am Tag nach der Party von Kristin bekommen habe.

Als die Party ungefähr zwei Stunden im Gange war, wurden die Schokoladenverkostung und das allgemeine Kennenlernen beendet und eine Burlesque-Tänzerin trat auf – eine gelenkige Brünette mit starkem Augen-Make-up und einer Federboa. Als ihr Auftritt vorbei war, fungierten die Partygäste nicht mehr nur als Beobachterinnen, sondern wurden selbst aktiv. Die Tänzerin ließ eine Frau Schokolade von ihrem leicht bekleideten Körper lecken und danach betraten zwei Frauen den Raum, die nur mit schwarzen Dessous bekleidet waren. Sie forderten uns auf, Shots von ihrem Körper zu lecken. Immerhin bin ich aufs College gegangen. Was macht es dann schon, wenn ich einfach mal ein bisschen Zucker vom Hintern einer fremden Frau schlecke? Dies führte dazu, dass die Stimmung im Raum sich bedeutend veränderte und viele der Frauen sich mehr trauten, mit den anderen Frauen zu flirten. Zwei Frauen begannen mitten im Wohnzimmer miteinander rumzumachen, während andere in die verschiedenen Räume verschwanden. Die Türen wurden nicht verschlossen und jeder konnte die Räume nach Lust und Laune betreten und wieder verlassen. Kristin und ich machten es uns im oberen Badezimmer gemütlich. Sie ließ sich ein Bad ein und setzte sich in die Wanne. Ich saß mit meinem Champagnerglas am Wannenrand. Wir verbrachten ungefähr 90 Prozent des Abends dort und gingen wirklich nur raus, um uns neue Getränke zu holen oder um herauszufinden, was sonst noch so passierte, damit wir uns gegenseitig davon berichten konnten. Das Badezimmer wurde zu unserem Wohnzimmer, weil nahezu alle anderen Plätze – Couches, Küchentresen und Betten – belegt waren. Ich wollte die Vorgänge in den anderen Zimmern nur ungern stören und da immer wieder Gäste ins Badezimmer kamen fand ich diesen Platz besonders spannend. Die Frauen gingen auf die Toilette und unterhielten sich danach ein wenig mit uns ... oder sie stiegen für andere Handlungen in die abgetrennte Dusche. Obwohl in den frühen Morgenstunden auch in der Badewanne sexuelle Handlungen stattfanden – nachdem wir sie geräumt hatten – wurde sie für den größten Teil des Abends als eine Art Tisch verwendet, um den wir alle herumsaßen.

"Moment mal, das ist also eine Sexparty für heterosexuelle Frauen, die Sex mit anderen heterosexuellen Frauen haben wollen?“

Meine Aufregung stieg erst am Tag der Party. Eine Freundin fragte mich: "Moment mal, das ist also eine Sexparty für heterosexuelle Frauen, die Sex mit anderen heterosexuellen Frauen haben wollen?“ Der Versuch, es zu erklären, brachte mich ins Stottern. Die Skirt-Club-Gründerin Genevieve LeJeune beschreibt die Veranstaltung als einen Ort, an dem "heterosexuelle Frauen etwas Neues ausprobieren können und bisexuelle Frauen einen Platz finden, um andere bisexuelle Frauen kennenzulernen.“ Für mich ergab das Sinn, bis jemand anderes es laut aussprach. Die Frage meiner Freundin brachte auch mich durcheinander. Mir war nicht so ganz klar, warum heterosexuelle Frauen Lust darauf haben sollten, andere heterosexuelle Frauen aufzureißen. Im Laufe des Abends stieg der Schaum in Kristins Bad immer höher und das Gestöhne im Nebenzimmer wurde immer lauter. Frauen gingen im Badezimmer ein und aus – und hatten dabei immer weniger Kleidung am Leib. Ich behielt mein bauchfreies Top ganze drei Stunden an und meinen Rock 30 Minuten länger. 2016-04-14-1460639641-1644772-570d3e8e150000ee010b4a96.jpeg VICTORIA DAWE,

MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG DES SKIRT CLUBS Um ehrlich zu sein hatten die Frauen noch seeeehr viel weniger an als auf diesem Bild.

Man musste sich nicht unbedingt ausziehen, doch als ich noch mehr als meinen BH und meine Unterhose trug, dachten die anderen Frauen, dass ich mich nicht traute, mitzumachen – dass ich zwar wollte, aber den Mut dazu nicht aufbrachte. Sie fragten mich, warum ich nicht nur im BH und in Unterhosen herumlaufe – oder gleich ganz nackt. Sie taten das, um mich miteinzubeziehen und nicht, weil sie mich kritisieren wollten. Dieser Grad an Respekt herrschte auch den ganzen Abend über.

Ich habe mich in meinem fast nackten Körper wahrscheinlich noch nie so wohl gefühlt.

Am Ende des Abends fiel mir kaum mehr auf, dass alle mehr oder weniger unbekleidet waren. Die Nacktheit war völlig unbedeutend geworden. Ich meine, wenn eine Frau mit einem roten Gummiseil gefesselt wird und vor einem großen Fenster nach vorne gebeugt wird, ist es nicht mehr wirklich erwähnenswert, dass sie dabei nackt ist. Es verleiht einem ein gewisses Selbstbewusstsein, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen, wenn alle anderen auch fast oder komplett nackt sind. Ich habe mich in meinem fast nackten Körper wahrscheinlich noch nie so wohl gefühlt. Diese angenehme und befreiende Umgebung rechtfertigt auch mehr oder weniger den Preis von 180 $ pro Ticket, denn wenn die Bedingungen stimmen, ist es ziemlich leicht, seine Hemmungen fallen zu lassen. Im Ticketpreis ist auch die private Atmosphäre eines Luxusappartements enthalten und das gegenseitige Verständnis aller Teilnehmer dass "erlaubt ist, was gefällt“. Es war jedoch auch klar, dass der Skirt Club auf einen ganz speziellen Typ Frau ausgerichtet ist. Es ist ein bestärkendes, jedoch auch ein "elitäres“ Erlebnis, an dem nur Frauen teilnehmen können, die es sich leisten können. Mein einzig echter Kritikpunkt am Skirt Club sind die genauen Definitionen, mit denen die Events vermarktet werden. LeJeune betont ausdrücklich, dass ihre Partys keine "Lesben-Sexpartys" sind, sondern Veranstaltungen für "heterosexuelle Frauen und Frauen, die sich für Bisexualität interessieren". Mir ist erst nach der Party klar geworden, dass diese Unterscheidung getroffen wird, damit Frauen angesprochen werden, die zwar sexuelle Erfahrungen mit anderen Frauen machen wollen, die sich jedoch nicht unbedingt selbst als bisexuell oder lesbisch bezeichnen würden. Dahinter scheint die Absicht zu stecken, dass auch diese Frauen eingeschlossen und nicht verprellt werden, doch diese vermeintliche Inklusion hat einen Haken. LeJeunes offizielle Erklärung dazu lautet, dass speziell homosexuelle Frauen "oft finden, dass das, was wir zu bieten haben, nicht wirklich das ist, wonach sie suchen" und dass die Partys deshalb nicht für homosexuelle Frauen vermarktet würden. Als ich einer guten Freundin, die homosexuell ist, am Tag nach der Party erzählte wo ich gewesen war, fragte sie nur: "Warum hast du mich nicht mitgenommen?"
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Zum Ende des Abends hin wurde das Appartement zur Höhle von abertausend Orgien. Irgendwann standen acht Frauen in der gläsernen Duschkabine. In der Badewanne lagen sechs Frauen. Der Whirlpool war übersät mit zerbrochenen Champagnergläsern. In den Betten konnte man die Körper der einzelnen Frauen überhaupt nicht mehr voneinander unterscheiden. Kristin und ich zogen uns schließlich in eine Abstellkammer zurück um zu besprechen, wann wir gehen wollten, als wir plötzlich von zwei Frauen unterbrochen wurden, die sich leidenschaftlich küssten, während die eine den Kopf der anderen nach unten drückte. Ingesamt betrachtet eignet sich der Skirt Club ausgezeichnet für Frauen, die ihre sexuellen Grenzen ausloten wollen und nach einer Erfahrung an einem völlig ungestörten, sicheren Ort suchen. Würde ich als heterosexuelle Frau, die dadurch einen kleinen Einblick in die Welt von Sex mit anderen Frauen gewonnen hat, noch einmal auf eine Sexparty rein für Frauen gehen? Wahrscheinlich nicht. Und dennoch würde ich jeder Frau dringend ans Herz legen wenigstens einmal im Leben so eine Party zu besuchen. Manche Erfahrungen sollte man einfach gemacht haben, vor allem wenn die Kleidung dabei optional ist. Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.
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