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14/04/2016 07:48 CEST | Aktualisiert 14/04/2016 09:59 CEST

Volkskrankheit Schnarchen: Vom Sägen zur Luftnot

Volkskrankheit Schnarchen: Vom Sägen zur Luftnot
Amos Chapple via Getty Images
Volkskrankheit Schnarchen: Vom Sägen zur Luftnot

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Vom Sägen zur Luftnot - Schnarchen & Schlafapnoe


Schnarchen ist ein Riesenthema und rückt immer mehr ins Bewusstsein der Menschen. Schnarchen ist ab einem gewissen Schweregrad kein Kavaliersdelikt mehr, obwohl es viele Jahrzehnte als solcher galt. Schnarchen ist in den allermeisten Fällen tatsächlich eine Krankheit. Und zwar nicht nur für den Bettpartner, der den, die oder das sägende Wesen an seiner Seite die ganze Nacht ertragen muss, sondern auch und vor allem für den Schnarcher selbst wird die nächtliche Luft-Flatter-Krachmach- Sache früher oder später zum gesundheitlichen Problem. Jeder zweite Mann über 40 schnarcht und jede siebte bis achte Frau in dieser Altersgruppe.

Männer schnarchen lauter und öfter und bekommen häufiger eine Schlafapnoe als Frauen. Ab 65 Jahren schnarchen beide Geschlechter gleich viel und laut. Schlafbezogene Atmungsstörungen (Schnarchen und Schlafapnoe) sind neben den Stress-Schlafstörungen ein weiteres Kreuz des 21. Jahrhunderts und betreffen alle zivilisatorisch hochgezüchteten Länder.

Überall, wo Geld ist, wird geschlemmt und gesoffen und gefeiert und mehr gesessen und sich weniger bewegt und da werden die Leute dicker. Und wenn sie dicker werden, schnarchen sie mehr. Und wenn sie mehr schnarchen und nachts lauthals nach Luft japsen und ringen, dann kriegen ihre (Bett)-Partner die Krise.

Und die Beziehung kriegt Probleme. Und je länger und heftiger einer (oder eine, das gibt es übrigens auch) schnarcht, desto eher bekommt er auch irgendwann Atemaussetzer (eine obstruktive Schlafapnoe), einfach weil ihm durch das ständige mechanische Flattern von Gaumensegel und Zäpfchen im Wind (des Atmens) das Gewebe ausleiert und erschlafft und dann der dicke Zungengrundmuskel irgendwann ganz nach unten fällt und den Atemweg im Rachen verlegt.

Mit zunehmendem Lebensalter wird unser Gewebe schwächer, bei Männern auch rasch im Rachen. Ab den Wechseljahren ziehen die Frauen schnarchtechnisch mit den Männern gleich. Aber auch Stress kann Schnarchen auslösen verstärken.

Wenn wir durch Stress den ganzen Tag zu sehr angespannt sind, dann sind auch fast all unsere Muskeln zu sehr angespannt und dann fallen sie im Schlaf entsprechend heftiger zusammen, als wenn wir tagsüber entspannter wären. Alkohol und die meisten Schlaftabletten sind weitere Schnarchverstärker, weil fast alle "Entspanner" auch die Rachenmuskeln mehr erschlaffen lassen.

Wie entsteht Schnarchen?


Schnarchen entsteht durch Luftverwirbelungen an Engstellen der Nase und des Rachens während des Schlafs. Je jünger ein Schnarcher, desto eher sind in der Regel anatomische Probleme die Ursache (Nase, Rachenmandeln). Eine behinderte Nasenatmung spielt bei erwachsenen Schnarchern in etwa 20 % der Fälle eine entscheidende Rolle.

Hier sind dann zunächst Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Eingriffe das Mittel der Wahl. Engstellen entstehen in der Nase meist durch anatomische Verengungen (Nasenscheidewandverkrümmung oder vergrößerte Nasenmuscheln) oder - was nicht selten vorkommt - auch durch allergische oder infektbedingte Anschwellungen. Im Rachen entstehen Engstellen meist "funktionell" durch ein Nachlassen der Muskelspannung normalerweise dauerangespannter (tonischer) Muskeln.

Der Haupt-Erschlaffens-Übeltäter ist in den allermeisten Fällen der dicke Zungengrundmuskel, der durch die Schwerkraft im Liegen - ganz besonders in Rückenlage - und durch die Entspannung im Schlaf zu weit herunterfällt, dann den oberen Luftweg einengt oder sogar ganz verschließt. Bei Tag sind unsere Rachenmuskeln fast immer genügend angespannt, sodass bei Tag auch genügend Luft beim Atmen durch den Rachen in die Lunge kommen kann.

"Im Schlaf entspannen sich fast alle Muskeln"


Im Schlaf allerdings entspannen sich fast alle unsere Muskeln mehr oder weniger stark, so dass es dann im Rachen zu einem sogenannten "funktionellen Kollaps" der Muskulatur kommt. Kommt noch Luft hindurch, muss sie sich durch die Engstelle quetschen, dann entsteht eine Luftverwirbelung, die Gaumensegel und Zäpfchen zum Flattern bringt. Das nennt man Schnarchen.

Fällt der Zungengrundmuskel noch weiter zurück, kommt es zu einer kompletten Verlegung des Luftwegs und es kann keine Luft mehr beim einatmen in die Lunge gelangen. Das nennt man Atemaussetzer bzw. obstruktive Schlafapnoe, also zur Verengung (der Atemwege) führende Schlafapnoe.

Atemaussetzer, fachsprachlich Apnoen (von griechisch apnoeia = kein Wind) können von wenigen Sekunden bis zu über zwei Minuten dauern. In der Schlafmedizin wird eine Atempause ab einer Dauer von zehn Sekunden als eine Apnoe gezählt. Fast den gleichen Krankheitswert wie obstruktive Apnoen haben aber auch sogenannte obstruktive Hypopnoen.

Hier kommt zwar noch Luft durch die Engstellen durch, die Menge der durchströmenden Luft ist aber um mind. 50 % vermindert und die Sauerstoffsättigung des Blutes ist um mind. 3 % erniedrigt. Auch eine Hypopnoe muss mind. 10 Sekunden andauern, um als solche gezählt und bewertet zu werden. Offiziell leiden in Deutschland nur etwa 3 bis 5 % aller erwachsenen Männer an einem obstruktiven Schlafapnoesyndrom (OSAS).

Die reale Prozentzahl dürfte aber weitaus höher liegen, da die Schlafapnoe nach wie vor ein grotesk unterdiagnostiziertes und selbst in den Köpfen vieler Ärzte noch immer unbekanntes oder nicht ernst genug genommenes Krankheitsbild ist.

"Problematisch ist der absinkende Sauerstoffgehalt im Blut"


Problematisch bei den Atemaussetzern ist vor allem, dass durch sie immer wieder der Sauerstoffgehalt im Blut abfällt und immer wieder Alarmreaktionen im Organismus ausgelöst werden, die die Betroffenen - oftmals ohne dass sie das selbst nachts merken - unter ständigen Stress setzen, der sich dann unter anderem in Tagesmüdigkeit, Leistungsabfall, erhöhtem Blutdruck, schlechter Stimmung, Libidoverlust und diversen anderen Symptomen äußert.

Sauerstoff ist der Hauptbrennstoff unseres Körpers und Sauerstoffmangel gefällt unserem Körper gar nicht. Zwar sind nachts die Alarmgrenzen für einen Sauerstoffmangel gegenüber dem Tagesgeschehen schon deutlich laxer und weicher eingestellt, jedoch gibt es bei jedem Menschen eine individuelle Grenze und Schwelle, ab welchem Grad von Sauerstoffmangel der Körper Alarmreaktionen auslöst.

Diese bestehen in einem Ansteigen von Blutdruck, Herzfrequenz dem Ausschütten von Stresshormonen wie Adrenalin und Cortisol und vor allen Dingen in dem ständigen Abfeuern von so genannten Mikroarousals.

Diese Mikroweckreaktionen sind kleine Mini-Stromstöße, die vom Gehirn aus an die Körpermuskeln gesendet werden, damit der Schnarcher bzw. Apnoiker seine Rachenmuskeln wieder anspannt, damit wiederum mehr Luft und damit Sauerstoff ins Blut kommt.

Dummerweise führen diese - oft durch den ganzen Körper zuckenden - Mikroweckreaktionen zu einem ständigen "Herausschießen" des Schläfers aus den tieferen Schlafstadien, wodurch der Nachtschlaf zerstückelt, verflacht und fragmentiert wird.

Das "Restless-Legs-Syndrom"


Auch nächtliches Zucken der Gliedmaßen, vor allem der Beine (Periodische Beinbewegungen, PLM, häufig beim Restless-Legs-Syndrom anzutreffen) führt häufig zu schlaffragmentierenden Mikroarousals und auch schon reines heftiges Schnarchen kann ohne Atempausen und ohne Sauerstoffabfall bereits zu häufigen Mikroarousals mit Tiefschlafverlust, fragmentiertem Schlafprofil und teils exzessiver Tagesmüdigkeit führen.

Man nennt dieses Störungsbild ein "Upper Airway Resistance Syndrom", UARS, zu Deutsch: ein "Widerstandssyndrom der oberen Atemwege". Es ist sehr wichtig, das hier zu erwähnen, denn es gibt viel mehr Menschen mit einem UARS, als mit einer echten obstruktiven Schlafapnoe (OSAS).

Die UARSler fallen aber trotz Tagesmüdigkeit bei fast allen ambulanten Screening-Untersuchungen auf Schlafapnoe durch das Raster und werden von den screenenden Lungenund HNO-Ärzten meist mit einem Schulterzucken wieder nach Hause geschickt.

Denn die Screening-Untersuchung (die sog. Polygraphie) misst nur echte Atempausen und Sauerstoffabfälle. Sie versagt aber bei der Detektion eines UARS, weil sie aufgrund des Fehlens von EEG- und Muskelableitungen keine Mikroweckreaktionen erkennt. Der müde und erschöpfte Schnarcher wird dann ohne Diagnose und vor allem ohne Therapie wieder nach Hause geschickt und weiß immer noch nicht, warum er immer so müde ist.

"Länger andauernde Schlafphasen sind kaum erreichbar"


Länger dauernde erholsame Schlafphasen sind durch Atemaussetzer oder auch schon starkes Schnarchen oft kaum erreichbar. Das ist unter anderem der Grund, warum die allermeisten starken Schnarcher und Schlafapnoiker über eine ausgeprägte bis zumindest moderate Tagesmüdigkeit klagen.

Denn selbst wenn sie acht oder mehr Stunden schlafen, so ist ihr Schlaf in der Qualität, d.h. in der Tiefe und Durchgängigkeit meist massiv gestört. Wenn man das mit einem Handy vergleicht, kann man sagen, dass das Handy zwar acht Stunden am Ladekabel hing.

Wenn das Ladekabel aber einen Defekt hat, dann kann es dort noch so lange hängen, das Handy wird einfach nicht mit genügend Strom aufgeladen, einfach weil die Lademaschine kaputt ist.

Die Folgen von unbehandeltem starkem Schnarchen, UARS und Schlafapnoe können alle Organsysteme betreffen, schädigen aber in erster Linie die Blutgefäße und damit das Herz-Kreislauf-System. 80 % aller Schlafapnoiker haben auch am Tage einen erhöhten Blutdruck.

Die obstruktive Schlafapnoe erhöht unbehandelt das Risiko für Diabetes, einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall sowie auch für Depressionen und Impotenz. Schnarchen und Schlafapnoe begünstigen das Auftreten von Reflux (Sodbrennen) sowie von Asthma und Infekten. Unbehandelte Apnoiker sterben auf zehn Jahre gesehen in 20 bis 40 % der Fälle früher als behandelte.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Schlafen für Aufgeweckte. Mehr Lebensenergie durch guten Schlaf", erschienen bei Random House.

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