POLITIK
14/04/2016 13:38 CEST | Aktualisiert 23/05/2016 05:50 CEST

Reiche schotten sich ab: Wie Deutschland immer mehr zur Ghetto-Republik wird

Reiche schotten sich ab: Wie Deutschland immer mehr zur Ghetto-Republik wird
John Rowley via Getty Images
Reiche schotten sich ab: Wie Deutschland immer mehr zur Ghetto-Republik wird

  • Viele Reiche in Deutschland haben die Solidarität mit den Armen aufgekündigt

  • Aktuelles Beispiel: der Disput um ein Asylbewerberheim im Hamburger Nobelviertel Blankenese

  • Das fördert die Wut auf die Eliten - ein großes Problem

Es gibt Orte, an denen jeder erkennen kann, wie Privilegierte in diesem Land sich aus der Solidarität mit dem Rest der Republik davonstehlen. Wo durch Kontakte und Geld eine Parallelgesellschaft entsteht, für die andere Maßstäbe gelten als für den Rest dieses Landes.

Und genau das könnte zu einem der wichtigsten Probleme unserer Zeit werden.

Nehmen wir zum Beispiel den feinen Hamburger Stadtteil Blankenese. 13.200 Einwohner, Durchschnittsjahreseinkommen pro Erwerbstätigem: 101.406 Euro. Dort wehren sich Bürger seit Wochen gegen die Errichtung einer Flüchtlingssiedlung mit Platz für 192 Menschen.

Es wäre das erste Asylheim überhaupt in dem einstigen Fischerdorf, das sich schon seit Jahrzehnten bei Millionären wegen seiner ruhigen Lage ungeheurer Beliebtheit erfreut.

Die reichen Wutbürger von Blankenese

Etwa jeder siebzigste Bewohner von Blankenese wäre nach dem Bau des Heims ein Geflüchteter. Es gibt in Deutschland Gemeinden, die sich in den vergangenen Monaten mit dem Vielfachen an Zuzug arrangiert haben und dies bisweilen auch gerne tun, wie zum Beispiel die Stadt Goslar in Niedersachsen oder die Gemeinde Altena im Sauerland.

Doch in Blankenese sehen das einige Menschen offenbar anders. Sie blockierten mit ihren Luxusfahrzeugen die Zufahrt zum dem Waldstück, in dem die Siedlung gebaut werden soll. Später entschied dann ein Gericht, dass die Bauarbeiten aus Naturschutzgründen gestoppt werden müssen. Die Anwohner hatten sich offenbar einen guten Anwalt leisten können.

„Die interessieren sich kein Stück für seltene Bäume und Pflanzen. Die haben ihre Hütten für viel zu viel Geld gekauft und fürchten, dass sie bald nur noch die Hälfte wert sind. Darum geht’s", sagte ein Anwohner der „Hamburger Morgenpost“. Womöglich liegt er damit gar nicht so falsch.

Gefahr für die Demokratie

Längst nicht jeder Bewohner von Blankenese ist ein Egoist. Aber bisher raffen sich dort zu wenige auf, um den Egoisten das Handwerk zu legen. Eine Form von Nachlässigkeit, die der gesamten Gesellschaft eines Tages teuer zu stehen kommen könnte.

Denn die Wut über die vermeintliche Doppelmoral von gesellschaftlichen Eliten ist in den vergangenen Jahren zur stärksten (und womöglich noch einzigen voll funktionsfähigen) Triebfeder für politisches Engagement in Deutschland geworden. Und meist war das nicht im Sinne unserer Demokratie.

Die elitenkritischen (und oft auch rassistischen) Bewegungen der vergangenen Jahre, wie zum Beispiel Pegida, wurden auch deswegen stark, weil es unter den Mitgliedern einen Konsens gab: „Die da oben“ machen ohnehin, was sie wollen.

Schere zwischen Arm und Reich

Das war in dieser Vereinfachung meist falsch und verkürzt. Aber dank der ebenso wohlhabenden wie Ich-fixierten Protestbürger von Blankenese bekommt diese Weltsicht nun wieder Auftrieb.

„Armes Deutschland“ kann man da wohl kaum sagen.

Gänzlich falsch in ihrer Alltagsbeobachtung liegen die Elitenkritiker jedoch nicht. Natürlich ist der Unterschied zwischen Armen und Reichen in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren größer geworden. Das belegen Studien.

Und während sozialer Ausgleich in der alten Bonner Republik zur Staatsräson gehörte („soziale Marktwirtschaft“), stagnierten in der Berliner Republik über mehr als ein Jahrzehnt die Durchschnittlöhne. Die Spitzenlöhne jedoch schnellten im gleichen Zeitraum nach oben.

Sehnsucht nach Führergestalt

Aber was ist mit der gefühlten Machtlosigkeit gegen „die da oben“?

Grundsätzlich funktioniert die Demokratie in Deutschland immer noch gut. Und wer sich statt einer demokratisch gewählten Bundesregierung eine starke Führergestalt wie Russlands Präsident Wladimir Putin wünscht, der sollte sich vielleicht selbst mal fragen, warum es sich dann überhaupt noch lohnt, im nächsten Atemzug über die vermeintlichen bundesdeutschen Defizite in Sachen Meinungsfreiheit zu klagen. Die Diskussion darüber würde in Russland jedenfalls relativ kurz ausfallen.

Was aber auffällt, das ist das Anwachsen von unsichtbaren Grenzen, an denen stets jene stoßen, die aufsteigen wollen oder Aufstieg möglich machen möchten.

Im vergangenen Jahr etwa schrieb die Bestseller-Autorin Julia Friedrich in ihrem Buch „Wir Erben“ über die gigantischen Vermögen, die in den kommenden Jahrzehnten in Deutschland vererbt werden. Derzeit sind es etwa 200 Milliarden Euro pro Jahr.

Selbst die Linken wollen die Erbschaftssteuer nicht erhöhen

Doch selbst in Gesprächen mit vermeintlich „linken“ Politikern hat sie erlebt, dass eine Anhebung der Erbschaftssteuer zur Finanzierung von dringend nötigen Infrastruktur- und Bildungsprojekten kaum machbar sein wird. Die SPD flüchtet sich in vermeintlichen Pragmatismus. Die Grünen haben Angst um ihre reiche und die Linke um ihre überdurchschnittlich alte Wählerschaft.

Die seit bald elf Jahren regierende CDU beharrt ohnehin darauf, dass eine höhere Erbschaftssteuer dem Mittelstand schaden würde. Und die CSU verweist seit Jahren neckisch auf „Omas kleines Häuschen“ am Tegernsee, das im Falle einer Erbschaft mitunter einen Millionenwert hat.

Kurz: Der Schutz der Privilegierten ist allen etablierten Parteien wichtiger als die Investition in die Zukunft.

Bildungssystem benachteiligt Arme

Ein anderer Fall ist das Bildungssystem. Deutschland ist eines der Länder mit der größten Bildungsungerechtigkeit in Europa. Wer hier in eine Arbeiterfamilie geboren wird, dessen Aussichten auf ein Studium sind um ein Vielfaches Geringer als die eines Akademikerkindes.

Namhafte Experten gehen davon aus, dass die frühe Selektion nach der vierten Klasse für die weiterführenden Schulen eines der Grundübel ist. Dadurch werden vor allem jene Schüler bevorzugt, die von Haus aus gewohnt sind, zu lernen. Sogar CDU-Vize Thomas Strobl soll zu den Anhängern der sechsjährigen Grundschule gehören.

Viele Reiche wollen die Spaltung

Und da wären wir wieder in Hamburg. Der damalige schwarz-grüne Senat wollte Ende der Nullerjahre die Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre verlängern. Dagegen regte sich vor allem unter den Wohlhabenden der Stadt Protest.

Mit gezielter Emotionalisierung und einem professionellen Wahlkampfmanagement gelang es den wütenden Großbürgern, die Reform per Volksentscheid zu kippen.

Die sechsjährige Grundschule wurde bisher lediglich in den traditionell sozialdemokratisch regierten Ländern Berlin und Brandenburg eingeführt.

Und im Rest der Republik? Da können die reichen Eltern auch künftig sicher sein, dass ihre Kinder spätestens auf der Uni weitgehend unter sich bleiben können. Auch das ist Deutschland im Jahr 2016.

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