POLITIK
14/04/2016 18:21 CEST | Aktualisiert 14/04/2016 20:47 CEST

Wie sich ein Land selbst zerfleischt

Die deutsche Selbstgerechtigkeit nervt
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Die deutsche Selbstgerechtigkeit nervt

Ist euch auch aufgefallen, dass das Leben in Deutschland immer unangenehmer wird? Nicht, weil es uns schlechter geht als früher. Nicht, weil die Regierung falsche Entscheidungen trifft.

Ich finde es aus einem anderen Grund unangenehm. Mittlerweile darf man nichts mehr sagen oder tun, ohne dass sich jemand darüber empört. Es scheint, als würden die Menschen darauf lauern, dass ein anderer einen Fehler macht. Nur damit sie sich aufregen können.

Manchmal frage ich mich, wie diese Leute vor Verbitterung noch atmen können

Vielen Deutschen quillt die Selbstgerechtigkeit aus allen Körperöffnungen. Rechthaben ist ihr Hobby. Nein, es ist ein Reflex. Von allem und jedem fühlen sie sich angegriffen. Überall sehen sie den Gegner, der bekehrt werden muss. Egal was Experten, Politiker oder irgendein ihnen unbekannter Internetnutzer sagen - sie wissen es besser.

Sie schimpfen über Angela Merkel. Über einen Prominenten, dessen Gesicht, pardon "Fresse", sie nicht mehr sehen können. Oder einfach über den Fremden, der auf der Rolltreppe zu langsam geht. Manchmal frage ich mich, wie diese Leute vor Verbitterung noch atmen können.

Es geht nicht nur um grantige Senioren

Das Phänomen betrifft nicht nur grantige Senioren. Auch junge Menschen, die vor Optimismus strotzen sollten. Die Empör-Gesellschaft erstreckt sich über alle Altersklassen und sozialen Schichten.

Natürlich kann man diesen Trend auch in anderen Teilen der Welt beobachten, begünstigt davon, dass im Internet jeder zu allem seine Meinung abgeben kann. Ich habe aber das Gefühl, dass es in Deutschland schlimmer ist. Weil wir alles ein bisschen enger sehen. Die Stöcke in unseren Ärschen sind kleine Propeller, die unsere Empörung antreiben.

140 Zeichen zum Pöbeln

Jedes falsch gewählte Wort eines Politikers bauschen wir zum Skandal auf. Twitter nutzen wir hauptsächlich, um auf 140 Zeichen jemanden anzupöbeln, dem wir noch nie begegnet sind. Wenn eine junge Mutter mit ihrem Baby eine Weltreise macht, löst das überall auf der Welt Begeisterung aus. Hier motzt sofort jemand: "Wie egoistisch, mit so einem kleinen Kind!!"

Viel Empörung wegen - nichts

Ist es nicht anstrengend, sein Leben so zu leben? Es gibt so viele andere Dinge, die man tun könnte, statt sich aufzuregen. Meistens ist der Anlass für den Ärger winzig im Vergleich zu dem, was wirklich zählt.

Ich kann mir eine Million sinnvollere Tätigkeiten vorstellen, als einen Wut-Kommentar unter einen Facebook-Post zu schreiben. Zum Beispiel diesen Papagei anzuschauen, der um ein Wasserglas springt:

Klar, eine tiefere Bedeutung hat das nicht. Aber es bringt mich zum Lachen und dieses Gefühl ist schön. Viel schöner als der Ärger, der in meinem Bauch grollt, wenn ich mich über etwas aufrege. Er kann mir noch Stunden später auf die Stimmung schlagen. Und das ist es nicht wert.

Der Ärger kann einen auffressen. Das ist dumm. Vor allem, wenn der Auslöser nichts mit deinem eigenen Leben zu tun hat oder nicht viel mehr ist als ein Rauschen an den Rändern deines Alltags.

Wichtig sind diejenigen, die du liebst. Die Dinge, die du gerne tust. Manchmal rückt erst ein Schicksalsschlag das alles in eine neue Perspektive. Aber es ist dumm, darauf zu warten, dass das passiert. Denn dann geht so viel Zeit verloren.

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