LIFESTYLE
14/04/2016 12:38 CEST | Aktualisiert 14/04/2016 13:17 CEST

Ängstliche Menschen nehmen die Welt vollkommen anders wahr

Kniel Synnatzschke via Getty Images
Indecisive young Woman in a Bookstore

Wer immer noch glaubt, dass psychische Erkrankungen "einfach nur Kopfsache" sind, wird hier noch einmal eines Besseren belehrt:

Laut einer neuen Studie, die in der Fachzeitschrift "Current Biology" veröffentlicht wurde, nehmen Menschen, die unter Angstzuständen leiden, die Welt anders wahr. Zurückzuführen ist das auf eine Abweichung im Gehirn.

Es liegt an der Plastizität des Gehirns, beziehungsweise an der Fähigkeit des Gehirns, sich selbst zu verändern und neu zu organisieren, wenn neue Verbindungen entstehen. Diese angeborenen Veränderungen des Gehirns diktieren, wie ein Mensch auf Reize reagiert.

Ängstliche Menschen können harmlose und gefährliche Situationen schlecht unterscheiden

Forscher des Weizman Institute of Science in Israel fanden heraus, dass Menschen, bei denen eine Angststörung diagnostiziert wurde, weniger dazu in der Lage sind, neutrale oder "sichere" Reize von bedrohlichen Reizen zu unterscheiden.

Die Forscher fanden heraus, dass Menschen mit einer Angststörung noch lange nach einer emotionalen Erfahrung (einem Reiz) eine neuronale Plastizität erleben.

Wer furchtsam ist, verallgemeinert seine Erfahrungen oft

Das bedeutet, dass das Gehirn nicht in der Lage war, neue irrelevante Situationen von etwas Bekanntem oder Ungefährlichem zu unterscheiden, was zu Panikattacken führt.

Mit anderen Worten: Ängstliche Menschen neigen dazu, emotionale Erfahrungen, ob bedrohlich oder nicht, zu verallgemeinern.

Eine Panikattacke kann man nicht einfach kontrollieren

Besonders hervorzuheben ist, so die Forscher, dass Menschen, die unter Panikattacken leiden, diese Reaktion nicht kontrollieren können, weil es sich um eine fundamentale Abweichung im Gehirn handelt.

Für die Studie brachten die Forscher Testpersonen bei, drei verschiedene Geräusche mit drei verschiedenen Konsequenzen zu assoziieren: Geldverlust, Geldgewinn oder keine Konsequenzen.

So lief der Test

In der nächsten Phase hörten sich die Testpersonen ungefähr 15 verschiedene Geräusche an und wurden gefragt, ob sie diese Geräusche schon einmal gehört hätten.

Am einfachsten konnten die Teilnehmer dieses Ton-Erkennungs-Spiel "gewinnen", wenn sie die neuen Töne von denen, die sie in der ersten Phase des Tests gehört hatten, unterscheiden konnten.

Die Autoren der Studie fanden heraus, dass Personen mit einer Angststörung eher dazu neigten, einen Ton als einen schon einmal gehörten Ton zu identifizieren, als Personen, die nicht an einer Angststörung litten.

Menschen mit Angststörungen nehmen ihre Umwelt anders wahr

Das lag nicht an einer Hör- oder Lernschwäche. Es lag daran, dass diese Personen die früheren Töne, die mit einer emotionalen Erfahrung des Geldverlustes oder des Geldgewinns verbunden waren, anders wahrnahmen, als andere Teilnehmer der Studie.

Forscher entdeckten außerdem, dass Menschen mit einer Angststörung während dieser Erfahrung Veränderungen in der Amygdala aufwiesen, der Region des Gehirns, die mit dem Gefühl Angst verbunden ist. Die Resultate könnten erklären, wieso manche Menschen eine solche Störung entwickeln, andere aber nicht, so die Autoren.

"Die Merkmale einer Angststörung können vollkommen normal sein und sogar förderlich für die Entwicklung. Eine emotionale Erfahrung aber, und ist sie noch so klein, kann Veränderungen des Gehirns hervorrufen, die in einer ausgewachsenen Angststörung resultieren können“, so der Leiter der Studie, Rony Paz, in einer Erklärung.

Angststörungen könnten vererbbar sein

Diese neue Studie ist eine deutliche Erinnerung daran, dass ein Mensch kaum selbst dafür verantwortlich ist, an einer psychischen Krankheit zu leiden. Es häufen sich die Beweise dafür, dass psychische Erkrankungen genetische und physiologische Hintergründe haben.

Eine Studie aus dem Jahr 2015 kam zu dem Ergebnis, dass Angststörungen vererbbar sein können, während andere Studien nahelegen, dass es sich bei Depressionen um eine Entzündungskrankheit handeln könnte.

Trotz dieser wachsenden Zahl von Studien ist eine psychische Erkrankung aber immer noch mit einem gewissen Stigma behaftet. Laut des U.S. Centre for Disease Control and Prevention sind nur 25 Prozent der Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, der Meinung, dass andere Menschen Verständnis für ihre Situation aufbringen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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