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13/04/2016 12:34 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 12:39 CEST

Wie Kinder begreifen lernen, dass die Welt ihrer Eltern scheiße ist

Small angry looking boy looking at the toys.
skynesher via Getty Images
Small angry looking boy looking at the toys.

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Nehmen wir Max, es könnte auch eine Anna sein, und steigen wir in die jungen Schuhe dieses lernenden Hirns, das als hoch abhängiger Organismus in aller erster Linie einmal begreifen muss, was hier in seiner Umgebung gespielt wird. Es gilt also herauszufinden, was hier so Sache ist, damit sich Max oder Anna in diesem sozialen System auch Gehör verschaffen können und akzeptiert werden.

Am besten wäre es natürlich, geliebt zu werden, aber wir wollen nicht gleich nach den Sternen greifen. Was also erlebt dieses Hirn? Mit welchen Informationen über die Welt wird es auf dem ersten Tatort seiner frühen Gesellschaftserfahrungen gefüttert?

Die Zugehörigkeit zu einem sozialen System sicherzustellen, das heißt, den sozialen Code mit dem Bezugssystem zu teilen, ist von fundamentaler Bedeutung. In Zeiten, die evolutionsbiologisch gerade einmal einen Wimpernschlag her sind, stellte diese hohe Adaptionsbereitschaft das eigene Überleben sicher, aber auch heute tut es noch äußerst weh, als Außenseiter zu gelten.

Es verwundert also nicht und hat tiefere Bedeutung, als nur unserem Amüsement zu dienen, dass kleine Kinder so ziemlich jedes Verhaltensbruchstück ihrer Umgebung wie ein Schwamm aufsaugen und nach ihrem eigenen Vermögen kopieren. Dies gilt selbst für die spezielle Art, wie Onkel Paul sein Haar zurückstreicht oder sich räuspert, wenn er seinen Worten Gewicht verleihen möchte.

Die idealen Startbedingungen

Gehen wir einfach davon aus, dass Max oder Anna ideale Startbedingungen gehabt haben, erwünscht waren und in ein sogenanntes intaktes Familiensystem hineingeboren wurden. Haken wir auch das Babyschwimmen und alles, was sonst noch unter früheste Förderung fällt, als bereits hinter ihnen liegend ab und hoffen wir, dass sie die ersten Sandkastengefechte durchsetzungsstark für sich entschieden haben, denn sonst müssten sich ihre Eltern bereits Sorgen um ihre Zukunft machen.

Längst vorbei sind die Zeiten, in denen man sein Kind einfach abgeklopft und beiläufig getröstet hat, wenn sich wieder einmal ein Sandkübel über seinem Kopf entleert hatte.

Natürlich haben Max und Anna aus ihrem Kinderwagen heraus bereits tausende Bilder in der permanent präsenten Werbung in U-Bahn-Stationen oder an anderen öffentlichen Plätzen gesehen. Sie wissen, ohne Worte dafür zu haben, wie eine richtige Frau sich zu geben hat oder was es heißt, ein echter Mann zu sein, und auch welche Körperlichkeit gewünscht ist und soziale Akzeptanz erfährt.

Vielleicht hatte Max das Glück, dass seine Großmutter sich nicht einreden ließ, die »Teletubbies« seien ein Sprachförderprogramm für Kinder und er ist davon verschont geblieben, der dümmlichen Laa-Laa oder Po Platz in seiner Kinderwelt und seinem jungen Gehirn zu überlassen.

Aber ganz sicher haben er und Anna bereits viele Stunden in unserem Lieblingsbeförderungsmittel, dem Auto, und zwar in einem von Autofahrerclubs zertifizierten Kindersitz zugebracht, der zwar »sicher« - was auch immer das sein soll -, aber trotzdem verdammt hart ist, wenn man ihn mit einem Autositz für Erwachsene vergleicht.

Das Smartphone ersetzt den Babysitter

Wahrscheinlich haben sich Anna oder Max, möglicherweise auch beide, denn sie haben ja moderne Eltern, mit deren Smartphones die Zeit mit lustigen Handyspielen »für die ganz Kleinen« vertrieben und viele bunte Blasen und Kugeln zum Zerplatzen gebracht. Das soll unbewiesenermaßen die Auge-Hand-Koordination fördern, schützt aber bewiesenermaßen alle im Wagen Anwesenden vor Kommunikation miteinander. Schont ja auch die Nerven der Eltern.

Kaum können Max und Anna in ihren ersten Kinderschühchen - für die es bei der Auswahl natürlich ebenfalls Orientierungshilfen für die Eltern gibt - halbwegs sicher durch Supermarktgänge torkeln, werden sie auch schon auf die wichtigste Kompetenz ihres Lebens eingeschworen: ein guter Konsument zu sein. Die Vorarbeit, die unsere Gesellschaft dabei in Form von auf Kinder abgestimmter Werbung leistet, ist im Umgang heroisch, lässt keinen Trick moderner Filmanimation aus und ist noch dazu lehrreich.

Selbst das stumpfeste Kind begreift die Botschaft der guten Vitamine, der feinen, das Wachstum fördernden Kuhlimuh-Milch und realisiert, dass Spurenelemente als glitzernde blinkende Kügelchen für sein Fortkommen wichtig sind. Den Rest übernimmt ein kinderfreundliches Regalmanagementsystem, das für die Kleinen alles für sie Relevante in Griffhöhe bereithält und für die Langsamen gibt es dann immer noch die letzten Meter vor der Kasse, um entsprechende Pocketbegleiter einsacken zu können. Kein Supermarkt will es sich leisten, solche Produkte, die mithilfe eines evolutionär unwiderstehlichen Programms kindliche Geschmacksnerven kitzeln, nicht im Regal zu haben.

Dass die Kinder dabei auch mit jeder Menge künstlichen Zutaten und Aromen, mit Zucker, Fett und den damit verbundenen Kalorien gemästet werden, ist ein Nebeneffekt, der wohl nur ewige Nörgler wie mich ernsthaft stört, auch wenn sich hier bereits ganz klar manifestiert, dass unsere Gesellschaft nicht auf ihre Kinder achtet, sondern sie benutzt. Denn am »fetten Kind« lässt es sich, wenn man es recht bedenkt, auch wieder gut verdienen.

Aber das ist derzeit noch nicht unser Problem. Max oder Anna haben zu diesem Zeitpunkt ihrer Sozialisierung vielleicht Babyspeck, aber das zählt jetzt noch nicht. Eltern ihrerseits haben an dieser Sozialisationsklippe in Sachen Konsum zwei Möglichkeiten: Entweder sie vermeiden Kämpfe mit dem Nachwuchs, sammeln Pluspunkte im Wettbewerb, der »beste Freund« ihres Kindes zu werden, und helfen so mit, den Grundstein für spätere Ess- und Gewichtsprobleme zu legen, oder sie greifen durch, was Diskussionen und eventuell Streit mit sich bringt.

Wer die zweite Möglichkeit wählt, heftet sich den Sticker des Hardliners und Lustverweigerers an die Brust, der dem Kind laut öffentlicher Meinung eine »Kleinigkeit« verweigert, wenn er auf der vereinbarten Grenzsetzung besteht, auch wenn der tiefere Grund, warum Außenstehende sich im Supermarkt in eine derartige Auseinandersetzung mit dem Kind einmischen, vielleicht nur darin liegt, dass sie ihre Ruhe haben möchten.

Ein erster Schritt in die Gesellschaft

Allerdings sind Max und Anna jetzt bereits in einem Alter, in dem sie nicht nur auf ihre Eltern und andere unmittelbare Bezugspersonen akribisch kalibriert sind, sondern sie treten, hoffentlich nicht allzu früh, in ihren ersten eigenen äußeren sozialen Bezugsraum ein: ihren Kindergarten.

Wenn Max oder Anna richtig Glück haben, kommen sie in einem Kindergarten ohne modernes pädagogisches Konzept unter. Zugegebenermaßen stehen die Chancen dafür für jeden kommenden Geburtsjahrgang schlechter, zumal nun sogar schon große öffentliche Institutionen den neuen pädagogischen Richtlinien der »individuellen Förderung« Tribut zollen. Es handelt sich um eine gefällige Worthülse mit Nebenwirkungen, die dem Zeitgeist folgend in allen Ohren unwiderstehlich klingt.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden. Warum wir nicht auf die nächste Generation zählen können", erschienen bei edition a.

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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