POLITIK
13/04/2016 17:08 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 17:08 CEST

Zwei-Klassen-Versorgung: Ärzte beklagen mangelnde Behandlungsmöglichkeiten bei Flüchtlingen

dpa

  • Medizinische Hilfe für Flüchtlinge ist auf akute Eingriffe begrenzt

  • Ärzte klagen über Zwei-Klassen-Medizin

  • Viele nötige Behandlungen seien nicht abgedeckt

Deutsche Ärzte beklagen, dass nach den aktuellen Regelungen viele erforderliche Behandlungen bei Flüchtlingen nicht abgedeckt seien - selbst bei ernsten Krankheiten. Sie sprechen deshalb von einer Zwei-Klassen-Medizin. "Flüchtlinge haben in Deutschland kein gleiches Recht auf Gesundheit", sagte August Stich vom Missionsärztlichen Institut in Würzburg gegenüber der "Welt".

Im Asylbewerberleistungsgesetz ist zwar festgehalten, dass Flüchtlingen ärztliche Behandlung zusteht - allerdings nur bei "akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen" wie beispielsweise Schwangerschaften oder Geburten.

In voller Länge lautet der Absatz zu dem Thema:

§ 4 Leistungen bei Krankheit, Schwangerschaft und Geburt

(1) Zur Behandlung akuter Erkrankungen und Schmerzzustände sind die erforderliche ärztliche und zahnärztliche Behandlung einschließlich der Versorgung mit Arznei- und Verbandmitteln sowie sonstiger zur Genesung, zur Besserung oder zur Linderung von Krankheiten oder Krankheitsfolgen erforderlichen Leistungen zu gewähren. Zur Verhütung und Früherkennung von Krankheiten werden Schutzimpfungen entsprechend den §§ 47, 52 Absatz 1 Satz 1 des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch und die medizinisch gebotenen Vorsorgeuntersuchungen erbracht. Eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt nur, soweit dies im Einzelfall aus medizinischen Gründen unaufschiebbar ist.

(2) Werdenden Müttern und Wöchnerinnen sind ärztliche und pflegerische Hilfe und Betreuung, Hebammenhilfe, Arznei-, Verband- und Heilmittel zu gewähren.

(3) Die zuständige Behörde stellt die Versorgung mit den Leistungen nach den Absätzen 1 und 2 sicher. Sie stellt auch sicher, dass den Leistungsberechtigten frühzeitig eine Vervollständigung ihres Impfschutzes angeboten wird. Soweit die Leistungen durch niedergelassene Ärzte oder Zahnärzte erfolgen, richtet sich die Vergütung nach den am Ort der Niederlassung des Arztes oder Zahnarztes geltenden Verträgen nach § 72 Absatz 2 und § 132e Absatz 1 des Fünften Buches Sozialgesetzbuch. Die zuständige Behörde bestimmt, welcher Vertrag Anwendung findet.

Die Erlaubnis vergeben die Behörden - sie können sie aber auch verweigern

Probleme sehen Ärzte einerseits bei den Regelungen, dass Behandlungen von den Behörden genehmigt werden müssen. Die Kosten für die medizinische Versorgung werden nämlich von den Sozialämtern getragen. Dafür werden Behandlungsscheine ausgegeben - und in manchen Bundesländern müssen die Flüchtlinge zuvor genau begründen, warum sie zu einem Arzt wollen. Das Gesuch kann dann auch abgelehnt werden - auch für Eingriffe, die aus medizinischer Sicht nötig wären.

arzt

Auch an der Kommunikation hapert es: In der Erstaufnahmeeinrichtung erhalten Asylsuchende zwar eine medizinische Erstuntersuchung durch das Gesundheitsamt. Auch wenn viele von ihnen krank sind, empfehle das Amt aber grundsätzlich keine Therapie, sagte Mathias Wendeborn, Kinderarzt und Initiator der Refudocs, gegenüber der "Welt". Da dies nicht mitgeteilt würde, wüssten viele kranke Flüchtlinge auch nicht, wohin sie zur Behandlung gehen könnten.

Traumata sind häufig - werden aber nicht behandelt

Ein drittes Problem ist, dass neben Reha-Maßnahmen und Zahnersatz in der Regel auch kein Anspruch auf Psychotherapie besteht. Viele Flüchtlinge leiden aber unter Traumata oder Depressionen als Folge aus der erfahrenen Gewalt im Krieg und auf der Flucht.

Laut einer Untersuchung an 300 Bewohnern einer Würzburger Gemeinschaftsunterkunft litten knapp drei Viertel an einer psychischen Erkrankung. Selbst Möglichkeiten auf minimale Behandlungen gibt es nur in Asylbewerberheimen, in denen Vereine wie die Refudocs tätig sind.

Mit welchen Krankheiten Flüchtlinge in Deutschland oft ankommen

Mit welchen körperlichen Krankheiten Flüchtlinge nach Deutschland kommen, hängt laut dem Virologen Thomas Löscher vor allem von Herkunft, Fluchtbedingungen und Fluchtweg ab. Das sagte er anlässlich des 122. Internistenkongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Mannheim. Zum Beispiel seien Flüchtlinge aus Afrika fast immer immun gegen die dort enorm verbreiteten Masern, egal ob sie geimpft seien oder nicht.

"Junge Erwachsene vom Balkan haben diesen Schutz öfters nicht, im Jugoslawienkrieg wurde eher geschossen als geimpft. Das kann Masernausbrüche wie in Berlin vor etwa eineinhalb Jahren begünstigen", sagte Löscher.

Angst vor eingeschleppten Krankheiten muss man nicht haben

flüchtling

Angst vor eingeschleppten exotischen Krankheiten durch Flüchtlinge muss man allerdings nicht haben: "Am häufigsten kommen normale, allgemeinmedizinische Erkrankungen vor, zum Beispiel grippale Effekte oder Erkrankungen des Bewegungsapparats", so der ehemalige Leiter der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Diese Erkrankungen stellen kein Risiko für die Allgemeinheit dar.

Eine häufige Krankheit: Tuberkolose

Natürlich gebe es auch Tuberkulose oder Malaria und Einzelfälle von sehr exotischen Krankheiten. Diese Fälle seien in der Regel aber gut behandelbar, sie sollten nur möglichst schnell diagnostiziert werden. Ein Problem könnte sein, dass deutsche Ärzte viele dieser seltenen Krankheiten nur aus dem Lehrbuch kennen und Fortbildungen oder Auffrischungen bräuchten.

Die Zahl der gemeldeten Tuberkuloseerkrankungen ist laut dem Robert-Koch-Institut im vergangenen Jahr jedenfalls deutlich gestiegen, was die Einrichtung auch auf die vorgeschriebene Erstuntersuchung von Asylsuchenden zurückführt.

Die Bevölkerung sei aber nicht gefährdet, sagte Löscher. Tuberkulose ist eine Infektionskrankheit, die durch Bakterien ausgelöst wird und meist die Lunge befällt. "Sie wird durch Tröpfcheninfektion bei engem und intensivem Kontakt übertragen, sie ist also nicht so hoch ansteckend wie Masern oder Influenza. Außerdem bekommt nicht jeder, der sich infiziert, automatisch Tuberkulose." Eine Rolle spielten auch die genetische Veranlagung und die Abwehrkraft.

Mit Material der dpa

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