POLITIK
12/04/2016 17:35 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 08:47 CEST

Was ganz Deutschland von einem kleinen Viertel in Berlin lernen kann

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Das Rollbergviertel in Berlin-Neukölln sieht auf den ersten Blick nicht aus wie ein Musterbeispiel. Hier leben etwa 5.000 Menschen in Sozialwohnungen, es gibt viele Arbeitslose und gescheiterte Lebensläufe.

Doch durch die Flüchtlingskrise ist Neukölln zu einer Art Labor für Deutschland geworden. Seit eine Millionen Migranten im vergangenen Jahr kamen, stellt sich das Land die Frage: Wie integrieren wir die alle, damit sie ein eigenständiges Leben in Deutschland führen können und eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen?

In Neukölln stellen sich Behörden, Sozialarbeiter, Bewohner diese Frage schon seit Jahrzehnten. Und kaum einer hat diesen Diskurs so geprägt wie Gilles Duhem, den wir in seinem Büro treffen.

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Gilles Duhem (l), Robin Gebhardt von Morus 14

Ihm ist es zu verdanken, dass das Rollbergviertel ein Musterbeispiel für Integration geworden ist. Zahlreiche Preise erhielt er schon für seine Arbeit. Die Kriminalität ging zurück und Deutsche und Ausländer verstehen sich so gut wie es vorher keiner für möglich hielt.

Im Rollbergviertel ist Gilles mit seiner Arbeit zu einer Art Held geworden

Der Franzose und Volkswirt ist so in seinem Viertel zu einer Art Held geworden. Anfang der 2000-Jahre arbeitete er hier als Quartiermanager, bevor er den Verein Morus 14 gründete, der sich alleine durch Spenden finanziert und weit weniger Geld zu Verfügung hat als manch staatliche Einrichtung. Über 100 Ehrenamtliche helfen dort Kindern beim Lernen, kochen zusammen oder backen Crepes - und erreichen damit Menschen, die die Gesellschaft eigentlich schon aufgegeben hat.

“Dieser Verein ist nichts anderes als eine Unbildungssverdünnungsmaschine. Wir importieren Gehirnzellen in den Kiez, Leute, die Lust haben, nicht zu diskutieren, sondern sich zu engagieren - und zwar auf Dauer", sagt Gilles.

Wer jetzt Gilles für einen Multikultiromantiker hält, der täuscht sich gewaltig. Ganz im Gegenteil, der Franzose hält Multikulti für gescheitert. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte Deutschland auch weniger Flüchtlinge aufgenommen, weil er glaubt, dass Deutschland so schon genug mit der Integration der hier lebenden Migranten beschäftigt ist. “Zu glauben, dass Migranten per se ‚multikulti’s sind, ist ein großer Irrtum! Viele, und es hängt unmittelbar mit dem Bildungsniveau zusammen, sind null 'multikulti', sondern mega "monokulti". Das war der große Irrtum in den 70er, 80er und 90 er Jahren“, sagt Gilles.

Wer in Neukölln lebt, kommt meist ohne ein Wort Deutsch aus. Ärzte, Supermärkte, selbst Anwälte lassen sich finden, mit denen sich alle Angelegenheiten auf Türkisch bewältigen lassen. Die Familien leben entsprechend abgeschottet. Darüber hinaus werden in vielen Familien selbst ganz einfache Dinge mit kleinen Kindern nicht geübt: mit einer Schere umgehen, Schuhe binden. Ihnen zu erklären, warum sie sich integrieren müssen, ist doppelt schwierig.

“Es gibt hier Familien, die wir absolut nicht erreichen”, sagt Gilles. Die anderen unterzieht Gilles einem konsequenten Regime, das die Bewohner des Rollbergviertels schätzen gelernt haben.

Weil Gilles das Vertrauen der Bewohner gewinnt, hat er einen Zugang zu ihnen, von denen andere Sozialarbeiter nur träumen können

“Zu lernen, mit der Außenwelt zu kommunizieren, sich an Termine zu halten und zu verstehen, dass die Zeit einen Wert hat: Das ist für viele Kinder und Jugendliche kulturell absolut unbekannt. Wer bei uns immer wieder zu spät kommt, bekommt großes Kopfwaschen. Das größte Problem ist, dass wir nicht alle Telefonnummer haben, weil viele Handynummer permanent wechseln. Wenn alle Stricke reißen, klingeln wir auch mal bei den Eltern zu Hause.”

Wer immer unpünktlich kommt, fliegt aus dem Morus-Programm raus. Diese Konsequenz schätzen die Bewohner. “Unser größtes Kapital ist das Vertrauen. Die Eltern merken, wir sind verbindlich. Auch, wenn sie das Wort nicht kennen. Das erkauft man sich in einer solchen Struktur nicht mit Papier. Sondern die Eltern gucken dich an und entscheiden, ob sie Dir vertrauen", sagt Gilles.

Durch das Vertrauen der Bewohner schafft es Gilles, was eigentlich ein kleines Wunder ist: Sie für die Themen zu sensibilisieren, die absolut tabu sind. Zum Beispiel sexuelle Vielfalt. Mit den Eltern darüber zu reden, sei nicht zielführend. “Das muss man vorleben. Wenn Du den ganzen Nachmittag auf einem Kiezfest Crêpes mit den "harten Jungs" gebacken hast, ist plötzlich scheißegal, dass Du schwul bist, weil sie Spaß haben”, sagt Gilles.

Er glaubt, dass viele Sozialarbeiter das nicht begriffen haben - sie würden es mit Diskussionsveranstaltungen und Flyern versuchen. Der absolut falsche Weg.

"Ich bin der Schwule zum Anfassen, meine Kollegin die Jüdin zum Anfassen"

Ein anderes Tabuthema sind Juden. Konservative muslimische Familien wollen mit ihnen meist nichts zu tun haben, das Thema ist hochbrisant.

“Doch eine unserer Kollegin kommt aus Israel und ist wahrlich im Kiez die "Jüdin zum Anfassen", wie ich "schwul zum Anfassen" bin. Am Anfang ihrer Zeit bei uns sind die Kinder zu ihr gekommen und haben sie angeschaut und gefragt: "Bist du wirklich Jüdin?" Das hat sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen.”

Gilles Kollegin betreut “Shalom Rollberg”, bei dem muslimische Kinder und Jugendliche an Projekten teilnehmen, die von jüdischen Ehrenamtlichen geleitet werden.

“Sie schafft es seit einigen Wochen sogar, dass eine kleine Gruppe von muslimischen Jugendlichen aus dem Kiez gemeinsam mit ihr zu einem jüdischen Jugendtreff nach Charlottenburg fahren, um gemeinsam mit jüdischen Jugendlichen eine japanische Kampfkunst zu üben. Ich hoffe sehr, dass die jüdischen Jugendlichen uns bald hier in Neukölln besuchen dürfen. Dass ihre Eltern es zulassen. Die Jugendlichen unternehmen etwas zusammen, es ist kein hohles "Diskutieren". Das Diskutieren, das wird sicherlich danach kommen, wenn das Vertrauen durch gemeinsame Aktivitäten erstmal entstanden ist.”

Integration ist so abstrakt - aber dieser eine Satz bringt es sehr gut auf den Punkt

Deswegen hat er auch eine einfache Formel, was für ihn Integration bedeutet. Es ist vielleicht der wichtigste Satz in unserem Gespräch – der nicht nur für das extreme Neukölln, sondern für ganz Deutschland gilt.

“Integration ist immer so abstrakt. Für mich geschieht sie zum Beispiel, wenn die Kinder in die siebte Klasse kommen und können lesen, rechnen, schreiben, kennen die Geographie ihres Umfelds und beherrschen den Dreisatz.“

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