LIFE
13/04/2016 09:33 CEST | Aktualisiert 13/04/2016 09:48 CEST

Ein Arzt klärt Impfgegner bei Facebook auf - und er ist SEHR überzeugend

Crying baby girl with measles
South_agency via Getty Images
Crying baby girl with measles

Dr. Roberto Burioni ist schockiert von der zunehmenden Zahl an Kindern, die in Italien an Krankheiten sterben, die durch Impfungen vermieden werden könnten. Und von Berichten über Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen wollen.

Der Professor für Mikrobiologie und Virologie hat beschlossen, sich genau da mit Impfgegnern anzulegen, wo sie ihre Fehlinformationen verbreiten: auf Facebook.

Burioni, Professor an der Universität Vita-Salute San Raffaele in Mailand, Italien, erklärt den mehr als 20.000 Fans seiner Facebook-Seite die wissenschaftlichen Hintergründe zu Impfungen und widerlegt die Gerüchte über deren Schädlichkeit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Er führt entweder wissenschaftliche Studien an oder untermauert seinen Rat durch überzeugende Anekdoten oder wahre Fälle, die überall auf der Welt passiert sind.

Als mahnendes Beispiel teilte Burioni beispielsweise ein Foto von Brenden Hall, einem australischen Schwimmer, der im Alter von 6 Jahren aufgrund von Komplikationen bei Windpocken – einer Krankheit, gegen die man vorbeugen kann – fast seinen kompletten Hörsinn und sein rechtes Bein verloren hatte. (Hall erkämpfte sich bei den Paralympischen Spielen 2012 in London zwei Goldmedaillen.)


Durch Halls Erfahrung will Burioni zeigen, dass Windpocken – eine im Kindheitsalter sehr häufige vorkommende Viruserkrankung – immer noch ernsthafte Folgen haben können. Außerdem will er damit klarstellen, wie absurd die Haltung von Impfgegnern ist, die der Meinung sind, dass vermeidbare Krankheiten kein ernsthaftes Gesundheitsrisiko darstellen.

"Sei vorsichtig, wenn ein Impfgegner dir sagt: 'Was ist denn an ein bisschen Windpocken so schlimm? Ich hatte sie auch und ich lebe noch und es geht mir gut!" Im Bezug auf den vorher genannten Post witzelt Burioni: "In diesem Fall hast du es wohl gerade mit einem anderen Olympiasieger zu tun – nämlich mit einem, der eine Medaille für Dummheit verdient hat!"

Dieser Post ist typisch für Burionis Vorgehensweise auf Facebook. Er zielt meist darauf ab, dass aus wahren Begebenheiten Lehren gezogen werden und vertritt seine Meinung dazu sehr direkt und ohne Umschweife.

Burionis Ziel ist es, direkt mit den Eltern ins Gespräch zu kommen, indem er Beispiele aus dem echten Leben anführt. In einem anderen Post berichtet er über einen Fall aus Neuseeland.

Allijah Williams hatte sich im Alter von 7 Jahren durch eine kleine Schnittverletzung am Fuß mit Tetanus infiziert. Alijahs Eltern hatten sich vorher geweigert, ihren Sohn gegen Tetanus impfen zu lassen – im Nachhinein geben sie zu, dass sie diese Entscheidung "ohne dazugehörige Fakten getroffen" hatten und dass diese Entscheidung ihr Kind später in Gefahr gebracht habe.

"Viele Menschen glauben, dass Tetanus nur bei großen Wunden eine Gefahr darstellt, doch das ist falsch: in Wahrheit ist genau das Gegenteil der Fall", schreibt Burioni. "Tiefe Schnitte oder Wunden sind am gefährlichsten, weil es schwierig ist, sie zu desinfizieren." Er fährt fort:

"Ich könnte Sie über diese Krankheit aufklären, doch ich möchte Ihnen lieber berichten, was die Eltern dieses armen Kindes gesagt haben: "Er schrie vor Schmerzen. Es war grauenhaft. Er bekam alle drei Minuten Krampfanfälle und biss sich seine Zunge blutig. Er drückte meine Hand und sagte: 'Rette mich, Papa.' Seine kleinen Arme waren verkrampft, sein Rücken war verkrümmt und sein Kiefer war verklemmt."

Um sein Leben zu retten, mussten die Ärzte den kleinen Jungen in ein künstliches Koma versetzen, einen Luftröhrenschnitt durchführen und ihn künstlich beatmen (auf diesem Bild sieht man das arme Kind). Der Junge litt schrecklich, doch am Ende überstand er den Vorfall ohne Folgeschäden: Einige Monate später war er wieder gesund.

Leider haben nicht alle Kinder so viel Glück. Viele Patienten sterben und andere erleiden dauerhafte Schäden.

Er gibt skeptischen Eltern Antworten

Burioni nimmt sich auch die Zeit, auf Fragen von skeptischen Eltern zu antworten. In einem seiner Posts berichtet er darüber, dass eine alleinerziehende Mutter ihn gefragt hatte: "Wenn man bedenkt, dass es sogar gesetzlich vorgeschrieben ist, dass Menschen entschädigt werden müssen, wenn sie Impfschäden erleiden, warum sollte ich dann glauben, dass Impfungen völlig harmlos sind?"

In seiner Antwort erläuterte der Arzt die Hintergründe dazu: "Dieses Gesetz gibt es und es wurde wegen einer Polio-Impfung eingeführt, bei der man in den 1990ern festgestellt hatte, dass sie zu Lähmung führen kann."

Er stellt auch falsche Annahmen richtig. Zum Beispiel darüber, wie man sich bestimmte Krankheiten zuzieht. Er erzählt, dass er von anderen Eltern gefragt wurde: "Warum sollte ich mein Kind gegen Hepatitis B impfen lassen, wo doch jeder weiß, dass diese Krankheit durch Sex übertragen wird?"

Burioni antwortete: "Es wird durch Speichel, Blut und andere Körperflüssigkeiten übertragen und man kann es sich auch durch etwas so Banales wie eine einfache Schnittverletzung zuziehen."

Zu Befürchtungen, dass Impfungen Allergien auslösen könnten, sagt er: "Allergische Reaktionen sind extrem selten, bei 2 bis 3 Millionen Impfungen gibt es etwa einen Fall.

Deshalb ist es auch so wichtig, nach der Impfung noch eine halbe Stunde in der Praxis des Arztes zu bleiben. Allergische Reaktionen sind leicht zu behandeln. Die Gefahr eines anaphylaktischen Schocks ist viel größer, wenn man seinem Kind eine Erdnuss gibt."

Er setzt sich mit der Debatte über Autismus auseinander

Um die von der Impfgegner-Bewegung verbreiteten Vorwürfe – allen voran der Vorwurf, dass es einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gibt – zu widerlegen, überprüft Burioni jeweils die Einzelfälle.

Die Hysterie der Impfgegner beruht auf einer 1998 veröffentlichten fehlerhaften Abhandlung des ehemaligen Arztes Andrew Wakefield – dem später vom General Medical Council des Vereinigten Königreichs die Zulassung entzogen wurde.

Er hatte nach dessen Aussage "seine Vertrauensposition missbraucht". Und in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet" behauptet, dass es einen Zusammenhang zwischen Masern-, Mumps- und Röteln-Impfungen und Autismus gebe.

Obwohl diese Abhandlung stark angezweifelt wurde und schließlich von der Zeitschrift komplett zurückgezogen wurde, nahm nach der Veröffentlichung der Studie und der sensationslustigen Berichterstattung durch die Medien die Zahl an MMR-Impfungen in verschiedenen Ländern stark ab.

Die Auswirkungen sind noch immer spürbar. Die Praktiken und Überzeugungen der weltweiten Impfgegner-Bewegung haben dazu geführt, dass heutzutage vermeidbare Krankheiten erneut ausbrechen: Im Jahr 2014 war die Zahl der Maserninfektionen in den USA beispielsweise so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr.

Wenn man heutzutage behauptet, dass es eine Verbindung zwischen MMR-Impfungen und neurologischen Erkrankungen – und vor allem Autismus – gibt, dann ist das laut Burioni so, als würde man behaupten, dass die "Erde eine Scheibe ist".

Eine Version dieses Posts erschien ursprünglich bei der HuffPost Italien. Sie wurde ins Englische übersetzt und für bessere Verständlichkeit überarbeitet. Die englische Version wurde von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt.